# taz.de -- Regisseurin über „Paris Murder Mystery“: „Wo Kontrolle bröckelt, entsteht oft die größte Freiheit“
       
       > In „Paris Murder Mystery“ erzählt Rebecca Zlotowski von weiblichen
       > Selbstbildern, über das Schreiben für Jodie Foster und von KI-Bildern für
       > das Unbewusste.
       
 (IMG) Bild: Lilian Steiner (Jodie Foster) in „Paris Murder Mystery“
       
       Mit „Paris Murder Mystery“ gelingt Rebecca Zlotowski ein eleganter
       Grenzgang zwischen psychologischem Drama und Krimikomödie. Im Zentrum steht
       die Psychiaterin Lilian Steiner (Jodie Foster), deren streng kontrolliertes
       Leben aus dem Gleichgewicht gerät, als eine Patientin (Virginie Efira)
       unter rätselhaften Umständen stirbt. Weil die Polizei von Suizid ausgeht,
       beginnt sie selbst zu ermitteln – bis sich die Grenzen zwischen
       professioneller Rationalität und persönlicher Obsession auflösen. 
       
       taz: Frau Zlotowski, mit „Paris Murder Mystery“ ( „ Vie privée “ ) wenden
       Sie sich erstmals dem „Crime“-Genre zu, auch wenn im Film deutlich mehr
       steckt. Hat Sie etwa das grassierende Krimi-Fieber erwischt? 
       
       Rebecca Zlotowski: Mir war das zunächst gar nicht bewusst. Erst als mir
       Virginie Efira erzählte, wie aufregend es war, erstmals auf der Leinwand zu
       sterben, merkte ich, dass es für mich als Regisseurin ebenfalls ein „erstes
       Mal“ war. Jetzt, bei meinem sechsten Film, war das Krimi-Element für mich
       vor allem eine Möglichkeit, mit neuen kreativen Mitteln zu spielen. Denn
       „Vie privée“ ist ja nicht einfach nur ein Krimi – im Zentrum steht
       gewissermaßen ein „falsches Verbrechen“, ein Spiel mit dem Genre, das mir
       viele Freiheiten eröffnet hat. Vielleicht ist es auch das erste Mal, dass
       ich kaum noch Fragen dazu bekomme, dass ich eine Filmemacherin bin. Das
       Genre schützt einen gewissermaßen – plötzlich ist man einfach eine
       Thriller-Regisseurin, nicht mehr „die weibliche Regisseurin“. Das ist
       irgendwie amüsant, aber auch aufschlussreich. Und ganz ehrlich: Ich wollte
       einfach Spaß haben. Die Welt wird immer düsterer, und ich hatte das
       Bedürfnis, etwas zu machen, das mir selbst Freude bereitet. Mit
       Leichtigkeit zu arbeiten – das hat etwas zutiefst Befreiendes, fast
       Kindliches.
       
       taz: Dabei ist ihre Hauptfigur, die Psychiaterin Lilian Steiner, alles
       andere als leichtfüßig. Sie gibt sich kühl, ist abweisend gegenüber ihren
       Mitmenschen, teils sogar barsch. Für Protagonistinnen sind das immer noch
       seltene Eigenschaften …
       
       Zlotowski: [1][Sie meinen, dass Frauen unsympathisch sein dürfen – und
       trotzdem interessant, begehrenswert und „fuckable“]? Zumindest bei Filmen
       von Regisseurinnen waren Protagonistinnen oft immer schon „schwierig“ –
       eigensinnig, manchmal regelrecht anstrengend. Während männliche Regisseure
       ihre Figuren häufig als unbeholfen, aber liebenswert inszenieren, gehen
       Regisseurinnen oft viel härter mit ihren Heldinnen um. Manchmal fast zu
       hart, finde ich – es kippt dann beinahe ins Unerbittliche. Bei Lilian
       Steiner ging es mir darum, mit unserer Wahrnehmung zu spielen: Ich wollte
       eine kluge, erfolgreiche Frau um die 60 zeigen, die unabhängig ist,
       niemandem verpflichtet. Schon in ihrem ersten Auftritt hat sie etwas
       Abweisendes, fast Brüskes – und darin liegt für mich ein enormes
       komödiantisches Potenzial. Mich reizt es, eine Figur, die alles unter
       Kontrolle hat, ins Wanken zu bringen – denn genau dort, wo Kontrolle
       bröckelt, entsteht oft die größte Freiheit.
       
       taz: Und für diese Rolle kam Ihnen unmittelbar Jodie Foster in den Sinn?
       
       Zlotowski: Ich habe tatsächlich für sie geschrieben – oder vielmehr: für
       diese Figur. Hier war es ein etwas anderer Prozess als sonst. Normalerweise
       schreibe ich klassisch „französisch“, würde ich sagen: Allein, sehr
       intensiv und leidend, und werde dann für sechs Monate zur Trinkerin.
       Diesmal habe ich diesen Teil übersprungen – was schon ein Fortschritt ist.
       Denn eine enge Freundin, die [2][Schriftstellerin Anne Berest], gab mir ein
       Manuskript zu lesen. Und ich war überrascht, wie viel darin schon angelegt
       war: Lilian Steiner und ihre Obsession mit einer toten Patientin; die
       Tatsache, dass sie sich zwischenzeitlich von einer Hypnotiseurin in ein
       früheres Leben zurückversetzen lässt. Ursprünglich war die Figur allerdings
       eine Französin, und ich dachte: Ich liebe diese Figur, aber sie ist nichts
       für mich.
       
       taz: Wie wurde daraus „Ihr“ Projekt?
       
       Zlotkowski: Wir haben später viel umgeschrieben und die verschiedenen
       Genre-Ebenen – Thriller, Komödie, Drama – stärker herausgearbeitet. Und
       dann hatte ich plötzlich diesen Moment – ich wachte eines Morgens auf und
       wusste: Das ist eine Rolle für Jodie Foster. Von da an ergab alles Sinn:
       Sie ist eine amerikanische Exilantin in Paris, eine jüdische Frau, die sich
       von ihren eigenen Wurzeln entfernt hat, die glaubt, sie könne sich von
       ihrer Vergangenheit lösen – und dann doch mit ihr konfrontiert wird. Diese
       Verschiebung hat die Figur mir noch einmal nähergebracht. Von da an wusste
       ich: Diesen Film muss ich machen.
       
       taz: War es leicht, Jodie Foster für diesen Stoff zu überzeugen? Für
       Komödiantisches war sie bislang nicht unbedingt bekannt. 
       
       Zlotkowski: Es war überraschend einfach. Ich glaube, es war schlicht der
       richtige Moment für sie, außerhalb der USA zu arbeiten. Ob das auch mit
       einem gewissen politischen Klima zu tun hat – oder mit einem Wunsch nach
       kulturellem Exil –, kann ich nicht sicher sagen. Sie selbst ist klug genug,
       sich in Interviews nicht allzu politisch zu äußern. Aber vielleicht spielte
       das eine Rolle.
       
       taz: Der Film folgt Lilian Steiner bei abenteuerlichen Ermittlungen und
       zugleich einer sehr intimen Selbstbefragung: Hat sie etwas übersehen,
       vielleicht sogar eigene Gefühle für diese Patientin verdrängt? Wie schnell
       hat Jodie Foster Zugang zu dieser komplexen Figur gefunden – und wie haben
       Sie die Zusammenarbeit erlebt?
       
       Zlotkowski: Was mich am Set überrascht hat, war vor allem ihre Offenheit.
       Sie war zum Beispiel völlig begeistert vom Essen in unserer – ehrlich
       gesagt eher schlichten – Kantine. Für sie war das fast wie Gourmetküche. Da
       dachte ich kurz: „Oje, armes Amerika!“ Aber vor allem hat mich fasziniert,
       wie wenig sie infrage gestellt hat. Ich hatte erwartet, dass sie viel
       stärker diskutiert, schließlich ist sie selbst Regisseurin und Produzentin.
       Sie hätte jederzeit sagen können: „Lass uns das umschreiben.“ Aber das hat
       sie nicht getan. Sie hat sich ganz auf diese sehr französische Idee
       eingelassen – auf die Autorin und Regisseurin als klare Instanz. Und
       gleichzeitig hat sie natürlich mit ihrem Spiel unglaublich viel
       hinzugefügt, Nuancen, Ideen, Details.
       
       taz: In „Vie Privée“ gibt es einen visuellen Bruch, in der Sequenz, die Sie
       bereits angesprochen haben: Als Lilian Steiner sich durch Hypnose in ein
       (vermeintlich) früheres Leben zurückversetzen lässt, entstehen entrückte
       Bildwelten, ein fast monochromes, rot getränktes Zwischenreich aus Treppen,
       Spiegelungen und offenen Räumen. Wie ist das entstanden?
       
       Zlotkowski: Das war ein sehr spielerischer, kollektiver Prozess. Ich habe
       dafür auch erstmals mit KI gearbeitet. Der Impuls kam aus einem Artikel
       über ein Studio, das künstliche Erinnerungen erzeugt – etwa für Menschen,
       die ihre Heimat verlassen mussten und keine Bilder aus ihrer Vergangenheit
       haben, oder für Alzheimer-Patienten, bei denen kleine visuelle Impulse
       Erinnerungen anstoßen können. Diese Idee hat mich sehr bewegt: dass ein
       „künstliches“ Werkzeug etwas so Intimes wie unser Unterbewusstsein berühren
       kann.
       
       Gleichzeitig erzeugt diese Technologie ja noch keine perfekten Bilder – im
       Gegenteil, sie sind oft fragmentiert, fast kubistisch, ein wenig wie bei
       Pablo Picasso oder Francis Picabia. Gerade diese Unreinheit fand ich
       spannend. Ich habe mit sehr einfachen, fast kindlichen Ideen gearbeitet –
       Türen, Treppen, archetypische Räume – und daraus visuelle Sequenzen
       entwickelt. Später haben wir das im Studio weiterentwickelt: mit Screens,
       Spiegeln, Lichtinstallationen, fast wie eine kleine Zirkusmaschine. Manche
       Bilder sind ganz bewusst künstlich, fast überästhetisiert – gerade das aber
       kommt vielleicht dem am nächsten, was in der Figur vorgeht.
       
       taz: Viele Kreative fürchten den technologischen Wandel, der sich gerade in
       der Filmbranche vollzieht – Sie nicht? 
       
       Zlotkowski: Ich fühle mich privilegiert, in Frankreich Filme machen zu
       können. Es ist ein System, das funktioniert – mit viel Unterstützung für
       den „Auteur“, mit dem Recht auf den „Final Cut“, mit einer klaren
       Auswertungslogik von Kino bis Streaming. Dass große Produktionen indirekt
       kleinere Filme mitfinanzieren, ist für mich etwas sehr Wertvolles. Gerade
       weil dieses System so gut ist, lohnt es sich, dafür zu kämpfen.
       Gleichzeitig stehen wir natürlich vor neuen Fragen – etwa durch KI. Deshalb
       war es mir wichtig, dieses Werkzeug selbst auszuprobieren. Man muss
       verstehen, womit man es zu tun hat, bevor man weiß, wie viel Angst man
       davor haben muss. Ich glaube, wir befinden uns in einem sehr aufregenden
       Moment für das Kino. Und ich hoffe sehr, dass wir alles daransetzen, es am
       Leben zu halten.
       
       14 Apr 2026
       
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