# taz.de -- Konferenz Cables of Resistance: Sand im Getriebe des Rechenzentrums
> Wie lässt sich der Rechenzentren-Boom aufhalten? Teilnehmer:innen auf
> der Anti-Big-Tech-Konferenz Cables of Resistance suchen nach Antworten.
(IMG) Bild: Spuren des Widerstands: In Grüneheide engagierten sich Tesla-Gegner:innen gegen das Tech-Kapital
Die Teilnehmer:innen der Cables-of-Resistance-Konferenz sammeln sich in
einer Menschentraube an der Eastside Gallery, dem berühmten, mit
Kunstwerken verzierten Abschnitt der Berliner Mauer in Friedrichshain. Auf
der kritischen KI-Stadtführung am Samstagnachmittag haben die
Teilnehmer:innen bereits Überwachungskameras gemappt und einen
[1][gescheiterten KI-Selbstbedienungssupermarkt] begutachtet. B[2][evor es
weiter zum Amazon Tower] geht, ein kleiner Zwischenstopp.
„Entscheidend sind auch die Dinge, die wir nicht sehen“, sagt die
Aktivistin und Künstlerin Sarah Fitterer, die die Stadtführung leitet. So
seien sowohl die algorithmische Videoüberwachung und der
Selbstbedienungssupermarkt auf Rechenzentren angewiesen: Riesige
Betonklötze, vollgestopft mit Festplatten und Grafikkarten, die so viel
Strom verbrauchen wie eine Kleinstadt. Doch gebaut werden die Rechenzentren
vor allem in den Randgebieten, wo sie nicht so auffallen und Widerstand
schwierig zu organisieren ist.
Die Frage, wie sich der bislang ungebremste Ausbau von KI-Infrastruktur
stoppen lässt, zieht sich wie ein roter Faden durch die dreitägige
[3][„Bewegegungskonferenz gegen Big-Tech“], die am Wochenende zum ersten
Mal in Berlin stattfand.
Nach den Plänen der Bundesregierung sollen sich die Rechenkapazitäten in
Deutschland bis 2030 verdoppeln. Getrieben wird der Ausbau vor allem vom
KI-Hype. Sprachmodelle wie ChatGTP benötigen enorm viel Rechenleistung für
Training und Betrieb.
## Rückkehr der Fossilen
„Es ist eine riesige Zwickmühle, falls der Ausbau wie geplant
voranschreitet“, sagt Kira Mössinger von Algorithm Watch während einer
Fishbowl-Diskussion am Samstagmorgen. „Wenn der Stromverbrauch von den
erneuerbaren Energien nicht gedeckt werden kann, führt das zur Rückkehr der
fossilen Energieträger.“
Die freie Journalistin Indra Jungblut erläutert, dass dieses Szenario in
Frankfurt bereits eingetroffen sei. Die Stadt am Main gehört weltweit zu
den Top 20 Standorten mit der höchsten Konzentration von Rechenzentren. Ein
Ende des Ausbaus sei nicht in Sicht, auch wenn das Stromnetz der Stadt
bereits am Limit sei. Bis 2035 seien keine neuen Netzanschlüsse zu haben.
„Alles, was an Stromnetzkapazitäten verfügbar ist, geht an Rechenzentren“,
sagt Jungblut.
Da das Stromnetz aber nicht mithalten kann, gehen Rechenzentrenbetreiber
zunehmend über, die Anlagen selbst mit fossilen Kraftstoffen zu betreiben.
So soll der Ausbau des FRA7 Rechenzentrums des amerikanischen Betreibers
Cyrus One durch eine eigene Gasturbine ermöglicht werden. „Es ist davon
auszugehen, dass das kein Einzelfall ist“, warnt Jungblut.
Neben Frankfurt etabliert sich gerade die Region Berlin-Brandenburg als
Hotspot der Branche. In Berlin und Umland sind Dutzende Rechenzentren
geplant. Die meisten davon sind sogenannte „Hyperscaler“ mit einer Leistung
von 100 Megawatt und darüber – so viel Strom, wie in etwa Potsdam
verbraucht.
## Grauer Klotz ohne Mehrwert
Auf der KI-Stadtführung versucht Fitterer die Dimensionen eines solchen
Hyperscalers zu verdeutlichen. Die Teilnehmer:innen sollen die Berliner
Mauer hinunterlaufen und anhalten, wenn sie glauben, dass sie die Länge des
größten Berliner Datenzentrums erreicht haben.
Erst nach fast 250 Metern kommen die Teilnehmer:innen zum Stehen. So
lang ist die Grundstückkante von Berlins größten derzeit im Bau
befindlichen Datenzentrum. Auf 57.000 Quadratmetern entsteht in Lichtenberg
das „Bluestar“, ein Hyperscaler mit 100 Megawatt Leistung. Fläche, auf der
auch Wohnungen, Kleingewerbe oder soziale Infrastruktur entstehen könnten.
Doch ein Rechenzentrum bietet [4][fast keinen Mehrwert für die Umgebung,]
in der es gebaut wird. Besonders deutlich wird das bei den Rechenzentren im
Berliner Umland. Zum einen entstehen kaum Arbeitsplätze in den
vollautomatisierten Anlagen. Auch die Gewerbesteuer ist oft minimal, da
sich Betreiber den Gewinn kleinrechnen können. Die gigantischen Mengen
Abwärme ist in ländlichen Gebieten kaum sinnvoll nutzbar, da viel mehr
Energie erzeugt wird, als Haushalte zu versorgen sind.
Diese Argumente seien den Kommunen aber oft nicht bewusst, und ihnen werde
vorgegaukelt, die Ansiedlung von Rechenzentren bringe Jobs, Einnahmen und
die Ansiedlung von Tech-Unternehmen, sagt Werner Neumann vom
Naturschutzverband BUND Hessen.
## Kommunen sitzen am Hebel
Doch genau darin sieht Neumann einen Ansatzpunkt, geplante Rechenzentren zu
verhindern. „Die Kommunen sind Dreh- und Angelpunkt. Wir müssen als
Zivilgesellschaft auf sie zugehen.“
Diese Strategie befürwortet auch Sonja Lemke, Bundestagsabgeordnete der
Linken. „Ob ich das Rechenzentrum bauen darf, entscheidet die Kommune“,
sagt Lemke. Jeder Bebauungsplan habe eine Öffentlichkeitsbeteiligung und
müsse vom Gemeinderat abgesegnet werden. „Wir müssen Projekte in ihrer
frühen Phase auf dem Schirm haben und Leute vor Ort direkt ansprechen“,
sagt Lemke.
Eine Probe aufs Exempel könnte sich bald bei Fürstenwalde ergeben. Dort
sollen bald 430 Hektar Wald für ein Industriegebiet gerodet werden.
Anwohner:innen spekulieren über die Ansiedlung eines Rechenzentrums und
haben bereits eine Bürgerinitiative gegründet. Mit den Aktivist:innen
von „Tesla den Hahn abdrehen“, die in direkter Nachbarschaft in Grünheide
gegen die Ansiedlung des Elektroautobauers kämpften, hätten sie gleich
Kampagnen-erfahrene Verbündete.
Die Konferenz brachte auch Erfahrungen aus anderen Ländern Europas
zusammen, wo der Rechenzentren-Boom zu ähnlichen Problemen führt. „Es ist
wichtig, die gesellschaftlichen Narrative über Datenzentren zu verändern“,
sagte der irische Klimaaktivist und Forscher Dylan Murphy auf einem anderen
Panel. In Irland sei die Ansiedlung von Rechenzentren und Tech-Unternehmen
eng mit der Erzählung des technologischen Fortschritts verbunden, die
negativen Seiten würden ignoriert.
## Versteckte Kosten sichtbar machen
Mittlerweile seien Rechenzentren für über 20 Prozent des irischen
Stromverbrauchs verantwortlich. Murphy organisierte 2023 eine Kampagne für
ein Rechenzentren-Moratorium mit. Die Kampagne war nicht erfolgreich, aber
das Moratorium gibt es trotzdem – weil das irische Stromnetz keine
Kapazitäten mehr hat.
Eda, eine Hacktivistin aus Frankreich, betonte, wie wichtig es sei, die
unsichtbaren Infrastrukturen sichtbar zu machen. In der Hafenstadt
Marseille fand das aktivistische Kollektiv La Quadrature du Net heraus,
dass die lange geplante Elektrifizierung des Hafens aufgrund der
Datenzentren nicht umgesetzt werden konnte. In der Stadt gibt es enorme
Probleme mit Luftverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe. Diese sollten
eigentlich im Hafen emissionsarm über Strom laufen, doch warum das Projekt
nicht umgesetzt werden konnte, war nur wenigen Anwohner:innen bewusst,
berichtet die Aktivistin.
Diese versteckten Kosten sichtbar zu machen sei die Grundlage für eine
gesellschaftliche Auseinandersetzung, sagt Eda. „Die Basis von Demokratie
sind Informationen.“
Auch in Deutschland müssten wir die Notwendigkeit des Booms grundsätzlich
hinterfragen, sagt Indira Jungblut. „Die Frage, warum wir mehr
Rechenzentren brauchen, wird nie gestellt. Die Grundannahme ist, wir
brauchen das.“ Dabei basiere vieles von dem, was jetzt entstehe, auf einer
Spekulationsblase. „Wir wissen überhaupt nicht, ob die Zentren ausgelastet
sind. Sie werden als Wette in die Zukunft gebaut“. Platzt die KI-Blase,
bleiben verwaiste Infrastrukturen zurück.
## Es geht um Fundamentalkritik
Besonders dramatisch wäre dieses Szenario bei der Nutzung der Abwärme, die
bislang im Energieeffizienzgesetz für Rechenzentren vorgeschrieben ist. Was
tun, wenn ein Hyperscaler, der über 10.000 Haushalte mit Wärme versorgt,
pleitegeht?
Naturschützer Werner Neumann vom BUND warnt, beim Kampf um die
Deutungshoheit nicht zu zurückhaltend aufzutreten. Wer nur nachhaltige
Datenzentren fordere, sie aber nicht in Gänze infrage stelle, drohe zum
Steigbügelhalter des Tech-Kapitals zu werden. „Wir haben auch nie
gefordert, die Abwärme von Atomkraftwerken zu nutzen. Da müssen wir
selbstbewusster werden“, findet er.
12 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Amazon-Fresh-beendet-Just-walk-out/!5999230
(DIR) [2] /Einzug-in-den-Amazon-Tower/!6091391
(DIR) [3] /Widerstand-gegen-Tech-Konzerne/!6167755
(DIR) [4] /Boom-der-Serverfarmen/!6099850
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
## TAGS
(DIR) Big Tech
(DIR) Digitalisierung
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) klimataz
(DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
(DIR) Elon Musk
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Amazon
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Boom von künstlicher Intelligenz: Erster US-Bundesstaat lehnt Bau neuer Datenzentren ab
Bis Ende 2027 sollen keine Rechenzentren im Bundesstaat Maine gebaut
werden. Ein Expertenrat soll ihre Folgen für Gesundheit und Umwelt
untersuchen.
(DIR) Widerstand gegen Tech-Konzerne: Big Tech den Stecker ziehen
Wie lässt sich die Macht von Google, Amazon und Co. bremsen? Die
Bewegungskonferenz „Cables of Resistance“ erkundet Möglichkeiten des
Widerstands.
(DIR) Boom der Rechenzentren: Platz da für die KI
Bei künstlicher Intelligenz geht es für Internetgiganten wie Google und
Amazon um riesige Datenmengen. Im Berliner Umland boomen die Rechenzentren.
(DIR) Einzug in den Amazon-Tower: Die Amazonisierung der Stadt
Der Tech-Konzern ist in das Hochhaus an der Warschauer Straße gezogen.
Initiativen konnten das nicht verhindern, setzen ihren Protest jedoch fort.