# taz.de -- Die Musik von Deniz Mahir Kartal: Folklore ist Wissenschaft
> Für Deniz Mahir Kartal ist Musik kein ästhetisches Projekt. Sondern ein
> Raum, in dem Freiheit, Widerstand und Verantwortung zusammen klingen
> können.
(IMG) Bild: Deniz Mahir Kartal ist Multiinstrumentalist und Teil einer musikalischen Kultur, die Tradition nicht zitiert, sondern fortführt
Er sagt es nicht als Aufforderung, sondern als Feststellung: „Ihr werdet
nicht anders können, als zu tanzen.“ Noch ist kein Beat zu hören, keine
Bewegung im Raum. Nur er, allein auf der Bühne des Berliner Clubs Gretchen,
im Licht, umgeben von Instrumenten wie Zeugen einer langen Reise. Dann hebt
er die Kaval – auch bekannt als orientalische Flöte – und setzt an. Ein
einziger Atemzug, und das Konzert beginnt.
Der Mann heißt Deniz Mahir Kartal. Multiinstrumentalist, politisch
geprägter Performer, eine der markantesten Stimmen einer musikalischen
Kultur, die Tradition nicht zitiert, sondern fortführt. Was hier zu hören
ist, hat seinen Ursprung weit entfernt von Berlin – in einer Geschichte,
die sich nicht in Genres aufteilen lässt.
Deniz Mahir Kartal wächst in Üsküdar auf, einem Istanbuler Viertel auf der
asiatischen Seite. Erst Jahre später erfährt er, dass dieser Ort früher ein
armenisches Stadtviertel war. Nur wenige Meter entfernt stehen hinter
dicken Mauern eine kleine Kirche und eine Schule – nicht ausgeschildert,
nicht erwähnt. Die Bewohner verwenden türkische Namen, um nicht
aufzufallen, sie flüstern, sie huschen vorbei. Ihre Geschichten existieren,
aber im Verborgenen, erinnert sich Kartal. In diesem Schweigen spielt sich
seine Kindheit ab. Seine Familie lebt wortwörtlich auf historischem Boden,
als Folge einer Kultur des Verdrängens. „Man sprach nicht darüber, wer
früher hier war“, sagt er.
## Ein System aus Klang, Körper und Erinnerung
Nun sitzt er in einem kleinen Raum in Kreuzberg. An den Wänden lehnen
Instrumente, daneben Kabel, Skizzen, angefangene Kompositionen. Auf dem
Bildschirm seines Computers: digitale Noten, halb fertige Arrangements.
Hier verbringt er die meiste Zeit, sagt er lachend.
Mit fünf greift er erstmals zu einem Instrument, mit zehn tanzt er. Nicht
auf einer Bühne für Tourist*innen, sondern in einem Verein, in dem Bewegung
noch Träger von Geschichte war. „Folklore ist Wissenschaft“, sagt Kartal.
Nicht Dekor, nicht Folklore, sondern ein System aus Klang, Körper und
Erinnerung. Ein Wissen, das weitergegeben wurde, als man vieles nicht mehr
laut aussprechen durfte.
Der Tanz wird für ihn zum ersten politischen Akt – lange bevor er Sprache
oder Theorie dafür hat. Denn wer Tänze lernt, lernt zugleich die Topografie
eines Landes: die Schritte, die früher in Dörfern getanzt wurden, die
Rhythmen, die über Generationen weitergegeben wurden, oft ohne Worte. Musik
und Bewegung sind das, was bleibt, wenn Sprache gefährlich wird.
## Ein Aktivist in permanenter Bewegung
Kartals politisches Bewusstsein entsteht im Wohnzimmer seiner Kindheit –
auch wenn der Vater selten physisch dort ist. Dieser arbeitet als
Gewerkschafter, aber nicht in etablierten Strukturen. Er sucht gezielt jene
Orte auf, in denen es keine organisierte Arbeitervertretung gibt: Fabriken,
in denen niemand streikt, Sektoren ohne Tarifbindung.
Er reist dorthin, spricht mit Menschen, erklärt ihre Rechte, initiiert
Arbeitskämpfe, hilft beim Aufbau von Gewerkschaften – und zieht weiter,
sobald sich jemand gefunden hat, der die Arbeit fortführt. Ein Aktivist in
permanenter Bewegung.
Kartals Vater war kaum zu Hause. Aber gerade durch diese Abwesenheit wurde
etwas anderes umso deutlicher: Haltung. Er vermittelte, nicht durch
Präsenz, sondern durch Prinzipien. Seine Kinder wachsen mit Begriffen auf
wie Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Solidarität – nicht als Ideale, sondern
als gelebte Praxis. Das Politische ist kein Konzept, sondern Alltag.
## Die Bewegung war radikal, riskant
Sein Name ist ein Beispiel dafür. Deniz und Mahir sind mehr als Vornamen.
Sie verweisen auf Deniz Gezmiş und Mahir Çayan, zwei führende Figuren der
linken Studentenbewegung der späten 1960er und frühen 1970er Jahre in der
Türkei. Anders als in Westeuropa war die 68er-Bewegung dort keine Hippie-
oder Gegenkultur, sondern konkreter politischer Widerstand gegen
Militärstrukturen, Repression und Kapitalmacht. Die Bewegung war radikal,
riskant – viele ihrer Vertreter wurden inhaftiert, gefoltert oder
hingerichtet.
Für Deniz Mahir Kartal bedeutet sein Name, mit einer Verpflichtung
aufzuwachsen. Nicht, Rebellenromantik zu reproduzieren, sondern Werte
weiterzutragen. Seine künstlerische Arbeit entsteht aus dieser
Schnittstelle: Musik versteht er nicht als ästhetisches Projekt, sondern
als Fortsetzung eines politischen Lebensentwurfs.
So verbindet sich das Instrument mit der Idee, Klang mit Haltung. Die
musikalische Ausbildung ist wichtig, aber es ist die ethische, durch seinen
Vater geprägte, die seiner Kunst Richtung gibt: Musik als Raum, in dem
Freiheit, Widerstand und Verantwortung zusammen klingen können.
## Bandista spielte selten in klassischen Venues
Schon während seines Studiums am Konservatorium der Technischen Universität
Istanbul, wo er sich mit türkischem Volksmusik- und Tanztraditionen
auseinandersetzt, gründet Kartal gemeinsam mit Mitstreiter:innen
Bandista, ein Kollektiv, das sich nie als gewöhnliche Band versteht,
sondern als mobiler politischer Resonanzraum. Sie spielen Revolutionslieder
aus verschiedenen Regionen der Welt, übersetzen sie, zerlegen sie und
setzen sie rhythmisch neu zusammen. Nicht um Tradition zu zitieren, sondern
um sie in Bewegung zu versetzen. „Wir wollten Politik in neuen Worten
führen“, sagt er rückblickend.
Die Veröffentlichung der Musik unter „copy left“ war dabei kein technischer
Vermerk, sondern eine bewusste politische Haltung: Kultur als Gemeingut,
nicht als privates Eigentum, frei zugänglich für alle. Bandista spielte
selten in klassischen Venues, sondern auf Dächern, bei Streiks, in
besetzten Häusern.
Während der Gezi-Proteste 2013 liefen ihre Tracks im Morgengrauen über
Lautsprecher im Park. Einige Monate zuvor: Neujahr 2013. Kartal, betrunken,
verlässt mit einem Koffer und „vielen Instrumenten“ die Stadt. Kein
feierlicher Aufbruch, eher ein Sprung ins Ungewisse. Er kommt in Berlin an,
in einer Stadt, die damals noch im Nachhall ihrer eigenen Clubkultur
pulsiert.
## Er wollte nicht zu deutsch werden
Er spricht die Sprache nicht, kennt die Szene nicht, aber er hört. Berlin
wird ihm zur Hochschule, lang bevor er in Würzburg immatrikuliert wird. Er
studiert Ethnomusikologie und bricht das Studium ab. Nicht, weil die
Theorie ihn nicht interessiert, sondern weil das Leben anderes verlangt.
„Familiäre Gründe“, sagt er nüchtern. „Ich wollte wissen, wie ich das, was
ich mitgebracht habe, mit dem vereinen kann, was hier klingt“, sagt er. Es
ging auch um Identität. Um die Frage, wie viel man ablegt und was man
behalten darf, ohne sich selbst zu verlieren. [1][Er wollte nicht „zu
deutsch werden“, wie er sagt, aber auch nicht nostalgisch an seiner
Herkunft haften].
Im Gretchen zeigt sich, wie sehr seine Musik aus Begegnung besteht: Kartal
lässt elektronische und analoge Klänge in ein Verhältnis treten. Die
Elektronik dient nicht als Basis, auf der traditionelle Motive gelegentlich
auftauchen – sie atmen gleichzeitig.
Auf der Bühne umkreisen ihn Kaval, Klarinette und Duduk, die er live
spielt, während er elektronische Sequenzen steuert, als seien sie ebenfalls
Teil eines alten Instruments. „Ich wollte nicht, dass Maschine und
Instrument getrennte Ebenen sind“, erklärt er. „Sie sollen sich gegenseitig
tragen.“
## Der Granatapfel steht für Widerstandskraft
Sein Solo-Projekt nennt er „Kafanar“. Im Türkischen verbindet sich „kafa“
(Kopf) mit „nar“ (Granatapfel) zu einem Wort: Granatapfelkopf. Der
Granatapfel – tief verwurzelt in armenischer, georgischer und anatolischer
Kultur – steht für Fülle, Widerstandskraft und die Idee von innerer
Vielfalt. Für Kartal wird er zum Bild seiner eigenen Identität: ungezählte
Kerne, jeder davon ein Instrument, ein Erlebnis, ein kultureller Splitter.
„Aus einem Kern können tausend werden“, sagt er. Ein Satz, der wie eine
politische These klingt und wie eine Liebeserklärung an das, was sich nicht
tilgen lässt.
Die Symbolik vertieft sich, als er über ein Programm der
Hrant-Dink-Stiftung nach Armenien reist. In Jerewan beginnt er spontane
Sessions mit Musiker:innen wie Arsen Petrosyan. Zwei Wochen arbeitet er
am Komitas-Konservatorium, sucht nach Melodien seiner Kindheit, offiziell
als „türkisch“ überliefert, deren Ursprung oft anderswo liegt. Kafanar wird
so zu einer leisen Form des Widerstands, Erinnerung daran, dass Identität
nicht homogen ist, sondern vielkörnig. Man dürfe politischen Kräften wie
der AfD keinen Raum lassen, weil sie das Gegenteil von Vielstimmigkeit
fordern.
## Was Kartal sich wünscht, ist Zeit
Heute geht es in seiner Arbeit nicht nur um musikalische Komplexität,
sondern um schlichte Existenz. Was er Haltung nennt, meint auch
Bedingungen: Räume, in denen Kunst entstehen kann. „Wir brauchen keine
großen Produktionen mit Millionenförderung, sondern kleine, sichtbare
Räume, in denen etwas wachsen darf.“
Er erzählt davon, wie schwer es geworden ist, als freier Musiker in
Deutschland zu leben, von Anträgen, die mehr Zeit kosten als das
Komponieren selbst, von Förderprogrammen, die erst greifen, wenn man schon
etabliert ist. Und davon, wie man nach zwanzig Jahren auf Bühnen plötzlich
mit dreizehn Euro auf dem Konto und neun in der Hosentasche dastehen kann.
„Das war schockierend und schmerzhaft. Ich habe mein Leben investiert – und
am Ende steht man mit fast nichts da.“ Für ihn ist das kein persönliches
Versagen, sondern Ausdruck einer Struktur, in der künstlerische Existenz
oft erst dann zählt, wenn sie sich verkauft. Kartal sagt es nicht klagend,
sondern lachend.
Gleich danach erzählt er von Ländern, in denen Kunst von Strukturen
gehalten wird. Frankreich, Belgien – Orte, an denen Künstler:innen nicht
jeden Monat beweisen müssen, dass sie existieren dürfen. „Dort wissen sie:
Wenn eine Tour pausiert, verlieren sie nicht ihre Wohnung. Dort versteht
man Kunst als Teil der Gesellschaft, nicht als Dekoration.“
Was Kartal sich wünscht, ist Zeit. Zeit zum Arbeiten, zum Experimentieren,
zum Scheitern, zum Wiederanfangen. Zeit, in der Kunst nicht erst bedeutsam
wird, wenn sie verkaufbar ist. Vielleicht liegt darin das eigentlich
Politische seiner Arbeit: das Wissen, dass Veränderung nicht mit Slogans
beginnt, sondern mit Bewegung. Manchmal reicht dafür ein einziger Klang.
13 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Erstes-Album-von-Ozan-Ata-Canani/!5770143
## AUTOREN
(DIR) Derya Türkmen
## TAGS
(DIR) Politische Musik
(DIR) Musik
(DIR) Türkei
(DIR) Folk Music
(DIR) Psychedelic-Rock
(DIR) Gastarbeiter
(DIR) Türkisch
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Album von Derya Yıldırım & Grup Şimşek: Zwischen Nähe und Distanz
„Yarın Yoksa“, das neue Album der Künstlerin Derya Yıldırım und ihrer Band
Grup Şimşek, schneidert Anadolurock ein zeitgenössisches Gewand.
(DIR) Der Film „Liebe, D-Mark und Tod“: Erst singen, dann streiken
Cem Kayas Dokumentarfilm „Liebe, D-Mark und Tod“ erzählt von der Musik
türkischer GastarbeiterInnen. Und damit vom Einwanderungsland Almanya.
(DIR) Erstes Album von Ozan Ata Canani: „Ich sollte mehr Türke sein“
Ozan Ata Canani war das erste Gastarbeiterkind, das deutsche Lieder
schrieb. Nun erscheint sein Debütalbum „Warte mein Land, warte“.