# taz.de -- Tübingen und sein Oberbürgermeister: Der Himmel über Palmer
       
       > Boris Palmer wird nicht Minister in Stuttgart, sondern bleibt im Tübinger
       > Rathaus. Wie findet das die Tübinger Stadtgesellschaft?
       
 (IMG) Bild: Über den Dächern von Tübingen: Boris Palmer
       
       Ein bisschen Gemunkel gab es schon in Tübingen, vor der
       baden-württembergischen Landtagswahl Anfang März: [1][Wird der Boris nun
       „Minischder“ oder nicht?] Um seinen Freund Cem Özdemir zu unterstützen,
       hatte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer im Wahlkampf mit dieser Idee
       kokettiert; bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa für die
       Schwäbische Zeitung im Herbst hatten sogar 25 Prozent der Befragten gesagt,
       sie könnten sich Palmer als Ministerpräsidenten vorstellen.
       
       Allerdings: So richtig daran geglaubt, dass der parteilose Palmer seinen
       Oberbürgermeister-Posten in der Unistadt am Neckar tatsächlich räumen wird,
       haben sie in Tübingen nicht. Zu sehr gehört Palmer, der seit 2007 im Amt
       ist, zur Stadt – und zu sehr genießt er den Gestaltungsspielraum, den er
       dort hat.
       
       Oder, wie es der jüngste Tübinger Kommunalpolitiker, der 20-jährige
       Benedikt Döllmann sagt: „Boris Palmer hält über sich nur den Himmel aus.“
       Sich einem Ministerpräsidenten unterzuordnen, würde für Palmer auf Dauer
       nicht funktionieren, meint Döllmann, der für die Grünen im Gemeinderat
       sitzt und von dort auf Instagram berichtet.
       
       Der [2][ehemalige Grüne] Palmer ist bundesweit bekannt für die
       Klimapolitik, die er in den vergangenen 19 Jahren in Tübingen umgesetzt
       hat; für Radinfrastruktur, Photovoltaik-Anlagen an Bundesstraßen-Ausfahrten
       und für Nahverkehrsprojekte.
       
       Seine Bekanntheit liegt aber auch [3][an zahlreichen Äußerungen, die ihm
       Kritik einbrachten]: So nutzte er etwa wiederholt das N-Wort, schloss sich
       Merz’ „Stadtbild“-Aussage an oder kritisierte die Bahn dafür, dass sie in
       einer Werbeanzeige migrantische Menschen als typische Bahnkund*innen
       zeigte.
       
       ## "Liste der Auffälligen"
       
       Palmer wollte Geflüchtete, die im öffentlichen Raum als „Störer“ und
       „Tunichtgute“ aufgefallen seien, am liebsten in entlegene
       Landeseinrichtungen unter Polizeiüberwachung stecken und erstellte in
       diesem Zusammenhang für Tübingen eine „Liste der Auffälligen“, deren Daten
       er später auf Geheiß des Landesdatenschutzbeauftragten wieder löschen
       musste.
       
       Auch in der queeren Szene sorgt Palmer [4][regelmäßig für Verstörung] – so
       hatte er in der Vergangenheit öffentlich den Deadname der
       Grünen-Politikerin Maike Pfuderer genutzt und verneinte erst kürzlich in
       einem Podcast-Interview die Frage, ob er finde, dass trans* Frauen echte
       Frauen seien: Trans* Frauen seien „Menschen, die als Mann geboren sind und
       dann entschieden haben, die Rolle einer Frau zu leben“.
       
       Dennoch hat der Ex-Grüne nach wie vor einen großen Rückhalt in der Tübinger
       Stadtgesellschaft. „Er macht ja hier eine solide Arbeit, aber er eckt
       draußen auch oft an“, meint Thomas Unger, Fraktionsvorsitzender der
       Tübinger Liste, die in ihren Positionen Palmer nahesteht. Er glaubt aber,
       dass das in Tübingen oft kritischer gesehen werde als anderswo. „Der Boris
       ist öfter bei Lanz als im Rathaus“, sagten manche. Unger: „Gefühlt ist das
       sicherlich so, aber: Er kriegt alles unter einen Hut. Er kann mit seiner
       Zeit machen, was er will, und es schadet nicht.“
       
       „Durch seine Medienpräsenz findet die Stadt bundesweit Beachtung, was sich
       auch positiv auf lokalen Handel und Gewerbe auswirkt“, meint der Tübinger
       Kinobetreiber Carsten Schuffert. Und Petra Wenzel von der Alternativen
       Liste findet, unter Palmer sei Tübingen „eine komplett verwandelte Stadt,
       die aufgeblüht ist“. Wenzel: „Viele sind der Meinung, er macht Fehler, das
       bewahrheitet sich meist genau umgekehrt.“
       
       Sogar einer wie Peter Lausch, Mitglied des Palmer kritisch gesonnenen
       Kreisvorstands der Grünen, sagt: „Boris Palmer ist jemand, der Dinge
       vorantreibt und Entscheidungen trifft, auch wenn sie unbequem sind.“
       
       „Er ist ein Macher“, sagt Lisa Federle, Tübinger Notärztin und
       CDU-Kreisrätin, die während der Pandamie für Palmer die Corona-Testzelte
       organisierte, [5][mit denen Tübingen damals von sich reden machte]. Palmer
       sei einer, „der ganz genau weiß, was er will. Und er weiß auch genau, wie
       er es umsetzen kann.“ Zusammen mit Palmer hat sie sogar ein Buch
       geschrieben, Titel: „Wir machen das jetzt!“
       
       ## Schneller Schuss
       
       Federle sagt, sie sei mit Palmer auch schon aneinandergeraten – „wenn er
       Sachen einfach aus dem Ärmel schüttelt, ohne genauer nachgefragt zu haben“
       – aber: „Ich weiß, dass der das nicht so meint.“ Palmer übertreibe manchmal
       oder schieße zu schnell. „In den letzten Jahren ist das aber besser
       geworden.“
       
       Bei der letzten Bürgermeisterwahl im Oktober 2022 wurde Palmer mit einer
       absoluten Mehrheit von 52,4 Prozent für seine dritte Amtszeit wiedergewählt
       – bei einer grünen und einer sozialdemokratischen Gegenkandidatin. Aber
       natürlich gibt es auch in Tübingen viele kritische Stimmen.
       
       „Boris Palmer ist niemand, der mir das Gefühl gibt, hier in Deutschland
       oder in Tübingen willkommen zu sein“, sagt Saleh, ein Tübinger
       Cybersecurity-Experte, der vor knapp zehn Jahren aus Ägypten hergezogen ist
       und seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will. „Wenn er über
       Migranten und Geflüchtete spricht, dann stellt er uns immer als Sündenböcke
       dar und kritisiert uns nur. Meiner Meinung nach ist es als Bürgermeister
       nicht sein Job, mir den Eindruck zu vermitteln, ich würde nicht
       dazugehören.“
       
       Unmittelbar nach dem gewaltsamen Tod von Basiru Jallow, einem jungen
       Gambier in Tübingen im Jahr 2023, mutmaßte Palmer, Jallow sei ein
       Drogendealer gewesen und hätte abgeschoben gehört. Der Tübinger Mafoday
       Cham, der aus Gambia kommt und als Dolmetscher fürs BAMF arbeitet, sagt:
       „Wenn es um Schwarze Menschen in Deutschland geht, verallgemeinert Boris
       Palmer und steckt alle unter ein Dach und das sehr, sehr, sehr negativ.“
       
       ## Grüne gedrittelt
       
       Auch die Grüne Nicola Frank ärgert sich über Palmers Social-Media-Posts zu
       Migrationsthemen: „Hier schürt Boris Palmer Ressentiments, was ich
       angesichts erstarkender rechter Kräfte für wirklich schlimm halte.“
       Innerhalb der Tübinger Grünen gebe es in Bezug auf die Person Palmer nach
       wie vor eine Spaltung, meint Frank. Ihre Parteikollegin Sonja Tichmann
       schätzt, die Tübinger Grünen seien „etwa gedrittelt: ein Drittel für Boris,
       ein Drittel gegen Boris, ein Drittel neutral.“
       
       „Ich würde gerne an ihm schätzen können, dass er ein Politiker ist, der
       sagt, was er denkt und nicht taktisch agiert“, sagt Andreas Foitzik von der
       Tübinger Antidiskriminierungsstelle „Adis“. „Aber er hat kein Gefühl für
       die Verletzungen, die er anderen damit zufügt, und er nimmt das offenbar
       auch ganz bewusst in Kauf. Das macht diesen eigentlich angenehmen Wesenszug
       bei ihm so unerträglich.“
       
       Sophie ist 15 und kennt Palmer aus dem Jugendgemeinderat: Als „ein bisschen
       holprig“ empfindet sie die Zusammenarbeit mit dem OB. Sie habe den
       Eindruck, „dass er nicht so richtig zuhört und so von seiner eigenen
       Meinung überzeugt ist, dass es egal ist, was wir sagen. Man hat sich ja gut
       vorbereitet und es ist schade, dass er sich da nicht drauf einlässt.“
       Sophie meint, „etwas Abwechslung könnte der Stadt mal ganz gut tun“, Palmer
       sei ja bereits seit 2007 im Amt.
       
       Vom Palmer-Fan zum Palmer-Skeptiker hat sich der Physiker Marc Mausch
       gewandelt. Bei der Oberbürgermeister-Wahl 2022 habe er Palmer nicht mehr
       gewählt: „Bei den verkehrspolitischen und ökologischen Fragestellungen bin
       ich nach wie vor der Meinung, dass er in die richtige Richtung geht“, sagt
       Mausch. Inzwischen trete aber mehr und mehr eine Tendenz zutage,
       „demokratische Verfahren und gesetzliche Vorgaben zu umschiffen“. Und die
       Überwachungskameras, die Palmer für den Tübinger Hauptbahnhof erkämpft
       habe, zeugten „von einem Geist, der nicht zu meinem Lebensgefühl passt“.
       
       18 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Landtagswahl-Baden-Wuerttemberg/!6156113
 (DIR) [2] /Nach-Parteiaustritt-des-Tuebinger-OB/!5928626
 (DIR) [3] /Ist-es-okay-wenn-Boris-Palmer-Minister-in-Stuttgart-wird/!6162119
 (DIR) [4] https://www.queer.de/detail.php?article_id=57207
 (DIR) [5] /Corona-Modellprojekt-vorerst-gestoppt/!5768435
       
       ## AUTOREN
       
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