# taz.de -- Forschungsgelder für Hochschulen: Abschottung mit Unistempel
       
       > Universitäten forschen nicht nur für Rüstungskonzerne, sondern auch für
       > die Grenzüberwachung. Bei den neuen Technologien greift auch Frontex
       > gerne zu.
       
 (IMG) Bild: Die EU verstärkt den Grenzschutz, um die Zahl der Migrantenübertritte einzudämmen
       
       Den einen soll es ein Versprechen sein, den anderen eine Drohung: „Ein
       Herzschlag – und wir finden Dich“, heißt es auf der [1][Website des
       Unternehmens ClanTect]. „Es gibt kein Versteck.“ In einem Werbevideo sind
       durchleuchtete Lkws und düstere Augenpaare zu sehen, blaue Linien deuten
       Schallwellen an – eine Optik wie aus einem Videospiel. Seine Systeme zur
       „Erkennung versteckter menschlicher Anwesenheit“ spürten jedes Jahr
       Zehntausende „illegale Einwanderer und Flüchtlinge“ auf, schreibt ClanTect.
       
       Zum Einsatz kommen die so beworbenen Herzschlagsensoren unter anderem an
       Lkws in Calais, die den Ärmelkanal Richtung Großbritannien überqueren
       wollen. Die „Integrität der europäischen Grenzen“ werde durch die
       „Verzweiflung, Entschlossenheit und den Einfallsreichtum der versteckten
       illegalen Einwanderer“ bedroht, schreibt ClanTect – und bietet Hilfe. Die
       EU-Grenzschutzagentur Frontex griff zu und kaufte in den vergangenen Jahren
       für rund 400.000 Euro Herzschlagdetektoren.
       
       ClanTect ist kein normales, privatwirtschaftliches Unternehmen. Es ist
       ansässig am Institut für Schall- und Vibrationsforschung der Universität
       Southampton. Die Hochschule baute die als „limited“ registrierte
       Gesellschaft mit auf und unterhält bis heute eine „aktive Partnerschaft“
       samt Beteiligung. Am gleichen Institut und unter gleicher Leitung ansässig
       ist auch das Zentrum für Steuerungsforschung (CRAC).
       
       Es gehört zu BAE Systems, dem derzeit sechstgrößten Rüstungskonzern der
       Welt. BAE hatte mehrere Millionen Pfund in den Aufbau von CRAC gesteckt und
       2010 eine Absichtserklärung mit der Uni Southampton über „gegenseitige
       Entsendungen von Mitarbeitern des Unternehmens und der Universität,
       Praktika für Masterstudierende sowie langfristige Forschungskooperationen“
       im Wert von mindestens 1,25 Millionen Pfund unterzeichnet.
       
       ## 100 Millionen Euro
       
       ClanTect ist eines von mehreren sogenannten Spin-offs im
       Grenzkontrollbereich. Die Unternehmensausgründungen europäischer
       Universitäten sind meist aus öffentlich geförderten Forschungsprojekten
       hervorgegangen, die neue Technologien für die Grenzüberwachung entwickeln
       sollten – und, wie ClanTect, oft auf das Engste mit Rüstungsfirmen
       verbandelt. In seiner [2][kürzlich erschienenen Studie „Border Labs“] hat
       das Transnational Institute in Amsterdam diese besondere Sorte Forschung
       untersucht.
       
       Über 200 europäische Universitäten, Hochschulen und Akademien waren demnach
       an insgesamt 110 Forschungsprojekten zur Grenzkontrolle beteiligt. Sie
       erhielten dafür von 2022 bis 2025 über 100 Millionen Euro an
       EU-Fördermitteln. Diese gingen meist an Konsortien, zu denen neben den
       Hochschulen häufig auch Rüstungsunternehmen und Grenzbehörden der
       EU-Mitgliedstaaten gehörten. Auch deutsche Universitäten waren beteiligt:
       Unter den Top 20 sind die Uni Hannover und die Hochschule Darmstadt, sie
       erhielten jeweils 2 Millionen Euro.
       
       Geschrieben hat die „Border Labs“-Studie Mark Akkerman, der für die
       niederländische NGO Stop Wapenhandel arbeitet. Fälle wie ClanTect zeigten,
       dass Universitäten mitunter nicht nur mit der Militär- und
       Sicherheitsindustrie kooperieren, sagt Akkerman. „Sie versuchen teilweise
       selbst, Akteure innerhalb dieser Bereiche zu werden – trotz der damit
       verbundenen menschenrechtlichen Implikationen.“
       
       Grenzkontrolltechnik ist ein lukrativer Markt geworden. Das
       Marktforschungsinstitut Intel Market Research schätzt, dass Staaten in
       diesem Jahr weltweit 42 Milliarden Dollar für sie ausgeben. 2034 soll der
       jährliche globale Umsatz bei 69 Milliarden Dollar liegen. Auch deshalb wird
       die Forschung dafür öffentlich finanziert, etwa im Programm „Horizont
       Europa“. In der laufenden Haushaltsphase 2021 bis 2027 flossen darüber
       bisher 19,3 Millionen Euro für Grenzkontrollforschung an 16 Universitäten.
       
       Mit dem Geld aus diversen EU-Töpfen werden Radare, Biometriescanner oder
       KI-basierte Lügendetektoren erforscht. Geforscht wird auch an Systemen, die
       künftige Migrationsbewegungen prognostizieren sollen.
       
       „Digitale und auf künstlicher Intelligenz basierende Systeme prägen
       mittlerweile alle Phasen internationaler Migration“, schreibt Amrei Meier
       von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Im Februar hat Meier
       einen Report über [3][„Migration im Algorithmus“] veröffentlicht. „Staaten,
       internationale Organisationen und private Anbieter setzen digitale
       Plattformen, biometrische Systeme und algorithmische Verfahren ein, um
       Migration gezielter zu steuern“, heißt es darin. Migration werde so Teil
       einer „globalen Datenökonomie“. Die aktuelle EU-Migrationsstrategie sehe
       deutlich steigende Investitionen in digitale Infrastrukturen und
       IT-Kapazitäten vor.
       
       Und mit denen ist viel zu verdienen. Die Hochschulen seien „zu einem
       zentralen, aber bislang wenig beachteten Bestandteil des europäischen
       Grenzregimes geworden“, sagt Josephine Solanki vom Transnational Institute.
       Ihre Forschung trage dazu bei, politisch umstrittene Formen der
       Migrationskontrolle wissenschaftlich abzusichern, obwohl diese teils mit
       schwerwiegenden Grundrechtsverletzungen in Verbindung stehen.
       
       Die Ethikprüfungen vieler Projekte wirkten dabei „weitgehend wie formale
       Abhakverfahren und blenden die größeren gesellschaftlichen und
       menschenrechtlichen Folgen der Forschung häufig aus“, schreibt Akkerman.
       Für das Projekt Infomigtrain etwa durfte die Nova-Universität in Lissabon
       rund 700.000 Euro EU-Geld ausgeben. Ziel war, herauszufinden, wie man
       afrikanischen Jugendlichen eine Flucht nach Europa am wirksamsten ausredet.
       Dazu wurde ein Datenanalyseunternehmen in Gambia beauftragt. Es bat rund
       400 Dorfälteste um eine Liste mit jeweils elf Männern zwischen 18 und 30
       Jahren, die in den folgenden zwölf Monaten vorhaben könnten, das Dorf zu
       verlassen. Insgesamt 3.700 Probanden wurden in vier Gruppen aufgeteilt.
       Eine Gruppe sah Videos über die Gefahren der illegalen Migration, einer
       wurden pro Person 35 Euro Unterstützung für einen Umzug in den Nachbarstaat
       Senegal geboten. Eine Gruppe durfte an einer Berufsausbildung in Gambia
       teilnehmen, die vierte Gruppe bekam nichts.
       
       Die Probanden erfuhren nicht, dass es sich um ein Experiment handelte,
       zudem „täuschte man sie hinsichtlich der Ziele der Umfrage“, schreibt
       Akkerman vom Transnational Institute. Ihnen wurde gesagt, es gehe um das
       „Verständnis der Wünsche der gambischen Jugend“. Laut der Studie zeigen
       dieses und andere Forschungsprojekte, dass bei den Ethikprüfungen eine
       Frage typischerweise unbeantwortet bleibe: ob es überhaupt „ethisch
       vertretbar ist, für oder mit Regierungen und Behörden zusammenzuarbeiten,
       die diese Forschung nutzen, um repressive, rechtsverletzende Grenz- und
       Migrationspolitik zu entwickeln und umzusetzen“.
       
       21 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.clantect.com/
 (DIR) [2] https://www.tni.org/en/publication/border-labs
 (DIR) [3] https://www.swp-berlin.org/10.18449/2026A09/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Jakob
       
       ## TAGS
       
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