# taz.de -- Hausangestellte in Hongkong: Im Schatten der Katastrophe
> Im November starben beim Brand eines Hochhauses in Hongkong 168 Menschen.
> Viele in der Stadt sind noch traumatisiert. Besonders
> Arbeitsmigrant*innen leiden unter Folgen.
(IMG) Bild: Jonalyn Duran in der Notunterkunft, in der sie nach ihrer Entlassung Zuflucht gefunden hat
Vame Verador eilt die Treppen aus dem 17. Stock hinunter, als sie das Feuer
riecht. Das zweijährige Kind ihrer Arbeitgeberin schreit. Verador versucht
es in ihren Armen zu besänftigen und betet. Dann läuft sie weiter, immer
weiter. „Als wir aus der Tür kamen, sah ich die sprühenden Funken, wir
rannten weg. Gott sei Dank waren wir sicher!“ Ihr laufen Tränen über die
Wangen, als sie von dem Tag des Feuers erzählt.
Am 26. November 2025 brach in einer Wohnanlage im Hongkonger Distrikt Tai
Po ein Brand aus, [1][der zur schlimmsten Feuerkatastrophe der Stadt seit
1948 wurde.] Bei dem Brand kamen 168 Menschen ums Leben, 79 wurden
verletzt, und fast 5.000 Menschen mussten umgesiedelt werden.
Vame Verador ist eine von mehr als 200 migrantischen Hausangestellten, die
überlebt haben – zehn von ihnen sind laut der Hongkonger Regierung
gestorben. Im Jahr 2024 lebten 370.000 Hausangestellte aus den Philippinen
und Indonesien in Hongkong, etwa 5 Prozent der Stadtbevölkerung. Sie wohnen
bei ihren Arbeitgebern und kümmern sich dort um Kinder, betreuen
Senior*innen und erledigen den Haushalt. Lokale NGOs berichten, dass
ihre Rechte oft missachtet werden.
Das zeigt sich auch nach dem Brand in Tai Po. Laut Janet Pilotin, Leiterin
einer Notunterkunft für migrantische Arbeiter*innen in Hongkong, trifft
die Katastrophe die Hausangestellten besonders heftig. „Sie hatten keine
Zeit, ihre Traumata zu verarbeiten, weil sie direkt wieder arbeiten
mussten“, sagt Pilotin.
## Sie musste weiterarbeiten
So war das auch bei Vame Verador. Die 39-jährige Filipina rettete dem Kind
ihrer Arbeitgeberin das Leben. Noch am gleichen Abend bemerkte sie starke
Rückenschmerzen. „Ich habe das Kind 17 Etagen hinuntergetragen“, sagt
Verador, „mein Körper war dabei extrem angespannt, meine Beine zitterten,
ich hatte Angst.“ Ihre Arbeitgeberin habe ihr daraufhin Schmerztabletten
gegeben. Aber sie musste weiterarbeiten – ohne Pause.
In der Nacht habe sie vor Schmerzen und Erinnerungen an die Todesangst
nicht schlafen können, berichtet sie. Aber am Morgen ging die Arbeit
weiter. Jeden Tag habe sie das Kind eine halbe Stunde auf dem Weg zur Kita
zu einer Bushaltestelle getragen.
Zwei Wochen nach dem Brand nahm Verador einen kostenlosen Gesundheitscheck
lokaler NGOs wahr. Ihr Rücken tat weh, ein Wirbel war offenbar durch die
Belastung angebrochen. Sie gab den Befund ihren Arbeitgebern weiter – in
der Hoffnung, die notwendige Behandlung zu bekommen. „Am nächsten Tag hat
mein Chef gesagt: Vame, zieh dich um.“ Sie habe geglaubt, sie würden ins
Krankenhaus fahren, doch plötzlich saßen sie im Büro ihres Jobvermittlers.
Der sagte zu ihr: „Vame, du bist entlassen.“
Mit der Entlassung verlieren Hausangestellte wie Verador nicht nur ihre
Arbeit. Sie haben dann kein Dach mehr über dem Kopf. Endet das
Arbeitsverhältnis, läuft außerdem das Aufenthaltsrecht innerhalb von zwei
Wochen ab – oft sei das zu kurz, um eine neue Stelle zu finden, sagt
Pilotin von der Notunterkunft Bethune House. Für Betroffene des
Tai-Po-Brandes hat [2][die Regierung Hongkongs das Visum auf drei Monate
verlängert]. Um nicht auf der Straße zu landen, kam Verador im Hongkonger
Bethune House für migrantische Arbeiter*innen unter.
Auf die Frage wie sie sich nach der Entlassung gefühlt habe, sagt Verador,
sie könne ihren Arbeitgeber verstehen. „Aber mein ganzer Körper tat weh,
ich wollte nur einen Arzt sehen.“
Plötzliche Entlassungen sind für [3][Arbeitsmigrant*innen] aus
Südostasien keine Seltenheit. Die meisten Frauen, die im Bethune House
unterkommen, waren nicht von dem Brand betroffen. „Viele werden kurzfristig
gekündigt, manche sogar mitten in der Nacht“, sagt Pilotin. Zwölf Frauen
wohnen Ende Februar in zwei kleinen Zimmern. Sie schlafen in Stockbetten.
Der Aufenthaltsraum hat keine Fenster. Aber immerhin bekommen sie hier
medizinische Versorgung und Beratung zu ihrem Aufenthaltsrecht. Die
Notunterkunft ist spendenfinanziert. Sie seien immer ausgelastet, sagt
Pilotin.
An diesem Tag Ende Februar stehen im Bethune House mehrere dampfende Tassen
mit schwarzem Milchtee auf dem Tisch. Verador trägt ein graues T-Shirt,
eine kleine schwarze Handtasche und weiße Hausschlappen – alles gespendet.
Die Frauen schreiben gemeinsam einen Essensplan für die Woche. Verador
steht hinter einer philippinischen Arbeiterin und streicht ihr
gedankenverloren durch die Haare.
Auch Jonalyn Duran sitzt an diesem Nachmittag mit am Tisch. Sie lebte mit
ihrer 94-jährigen Arbeitgeberin im 23. Stock des Wang-Fuk-Court-Komplexes.
Obwohl sie wusste, dass es in ihrem Haus brannte, benutzte sie den Aufzug,
um ihre popo – Kantonesisch für Oma – zu retten. Sie hatten Glück und
gelangten wohlbehalten hinaus.
Duran verlor bei dem Brand ihre Kleidung, ihren Schmuck und alle
Ersparnisse, mit denen sie das Studium ihrer Tochter finanziert – nur popos
Medikamente habe sie mitgenommen. Seit über zehn Jahren arbeitete die
47-jährige Filipina für die alte Frau, die für sie „wie eine zweite Mutter“
gewesen sei. Aus Sorge um deren Gesundheit habe sie seit sechs Jahren
keinen Urlaub genommen und auch an Ruhetagen gearbeitet. Ihre Tochter auf
den Philippinen habe sie seitdem nicht gesehen. „Nach dem Brand dachte ich:
Es ist okay, ich habe nur materielle Dinge verloren“, erzählt Duran.
„Solange meine Chefin mich nicht aufgibt, habe ich noch ein monatliches
Einkommen.“ Doch nach dem Brand litt Duran unter Fieber, Husten und
Schlafproblemen. Als sie einen kostenlosen Gesundheitscheck wahrnehmen
wollte, wurde sie entlassen. Das war Anfang Januar, seitdem wohnt sie im
Bethune House.
Philippinische Volksmusik erklingt aus den Lautsprechern in einem
Hongkonger Park unweit der Notunterkunft. Ein paar Frauen führen einen Tanz
auf, auch Duran ist dabei, sie tanzt in der ersten Reihe. Sie nimmt an
einer Feier zum chinesischen Neujahrsfest teil, die von der
Frauenrechtsorganisation One Billion Rising veranstaltet wird. „Vorher
hatte ich keine Zeit für Freunde, weil ich immer bei popo war“, sagt sie.
Hier erfährt sie zum ersten Mal seit vielen Jahren ein Gefühl von
Gemeinschaft.
Hinter den tanzenden Frauen hängt ein Banner mit der Aufschrift „Frauen für
Gleichberechtigung und eine Zukunft ohne Sklaverei“. Sklaverei – so
bezeichnet auch Janet Pilotin die Arbeitsbedingungen der
Arbeitsmigrant*innen in Hongkong. „Für sie gilt nicht die Hongkonger
Mindestlohnregelung, und egal wie lange sie hier arbeiten: Sie bekommen nie
eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung.“
Nach Angaben des Hongkonger Arbeitsministeriums sind migrantische
Hausangestellte vom regulären Mindestlohn ausgeschlossen. Für sie gilt ein
Satz von umgerechnet 560 Euro im Monat. Auch beim Aufenthaltsrecht gibt es
Sonderregeln: Anders als andere ausländische Beschäftigte können sie keine
dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung in Hongkong erhalten.
Seit dem Tai-Po-Brand organisiert die Mission für migrantische
Arbeiter*innen in Hongkong regelmäßig Communityevents für die
überlebenden Hausangestellten. Circa 25 Teilnehmerinnen kommen zu den
Treffen, sagt die Programmleiterin Pilotin. Die meisten von ihnen leben
weiterhin bei ihren Arbeitgebern. Unter der Woche arbeiten sie – nur
sonntags haben sie frei und nutzen die Angebote lokaler NGOs.
Obwohl die ihr Bestes geben, weiß Pilotin, dass die Hilfe nicht ausreicht.
„Die Frauen sind körperlich und mental am Ende“, sagt sie. „Aber selbst
wenn sie nicht okay sind, müssen sie arbeiten.“ Viele hätten weder die Zeit
noch den notwendigen Raum, um die schlimmen Ereignisse zu verarbeiten. Oft
hätten sie kein eigenes Zimmer, würden auf Sofas ihrer Arbeitgeber schlafen
und manchmal sogar im gleichen Raum oder gar im gleichen Bett. „Sie müssen
24/7 auf Abruf sein“, sagt Pilotin. „Solange ihr Chef wach ist, sollten sie
auch wach sein.“
Natürlich sei die Situation nach dem Brand auch für die Arbeitgeber nicht
einfach. Auch sie müssten Traumata verarbeiten und hätten Wohnung und
Besitztümer verloren. „Aber wenn es ihnen nicht gut geht, leiden als Erstes
die Angestellten“, sagt Pilotin.
Verador und Duran gehen im Bethune House im Februar regelmäßig zu
Therapiestunden und medizinischen Behandlungen. Verador erzählt, dass sie
ihre vier Kinder oft per Videocall anruft. Ende Februar habe sie seit fast
drei Monaten keinen Lohn erhalten, mit dem sie sonst die Schulgebühren
ihrer Kinder bezahlt. Sie lebt von der Entschädigungszahlung der Hongkonger
Regierung: Rund 2.200 Euro sind das für die betroffenen Hausangestellten.
Zuerst habe sie ihren Kindern nichts von der Entlassung erzählt. „Selbst
wenn es mir nicht gut geht, sage ich: Ich bin okay“, sie wiederholt den
letzten Satz mehrmals, wie eine Selbstvergewisserung.
Bis Anfang März wohnte Verador im Bethune House. Dann war ihr Visum
abgelaufen, und sie ist zurück auf die Philippinen geflogen. Jetzt sucht
sie einen neuen Job. Ob sie wieder in Hongkong arbeiten möchte, wisse sie
noch nicht. „Ich will alles vergessen.“
Duran ist noch in Hongkong, doch Ende April läuft auch ihr Visum ab. Dann
wird sie sich auf den Philippinen eine Pause gönnen. Eine neue Stelle in
Hongkong habe sie schon gefunden, ab September. „Es ist mein Traum, dass
meine Tochter auf eine gute Universität gehen kann“, sagt Duran. „Deshalb
arbeite ich hier, deshalb opfere ich alles.“
21 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.info.gov.hk/gia/general/202512/02/P2025120200610.htm?utm
(DIR) [2] https://www.info.gov.hk/gia/general/202512/15/P2025121500938.htm?utm
(DIR) [3] /Indiens-Arbeitsmigranten-unter-Druck/!6167368
## AUTOREN
(DIR) Sonja Miklitz
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