# taz.de -- Berliner Ausbildungsförderfondsgesetz: Umlage kommt, aber anders als gedacht
       
       > Die umstrittene Ausbildungsplatzumlage soll noch in dieser Legislatur
       > kommen. Im finalen Entwurf hat Schwarz-Rot das Verteilsystem komplett
       > verändert
       
 (IMG) Bild: Bäcker könnten besonders profitieren: Für jeden zusätzlichen Ausbildungsplatz soll es Geld geben
       
       Entgegen allen Unkenrufen scheint die Ausbildungsplatzumlage tatsächlich zu
       kommen – doch ganz anders als gedacht. Am Dienstag stellten die
       Fraktionsvorsitzenden Raed Saleh (SPD) und Dirk Stettner (CDU) einen
       finalen Entwurf des Gesetzes zur Errichtung eines Ausbildungsförderfonds
       vor, mit dem wohl beide Koalitionäre nach langem Streiten glücklich sind.
       
       Mit der Verabschiedung des Gesetztes wollen CDU und SPD wenige Monate vor
       der Wahl noch einmal Handlungsfähigkeit demonstrieren. „Die Koalition hat
       den festen Willen und die Fähigkeit, weiterhin Entscheidungen zum Wohle
       Berlins zu treffen“, sagte Stettner bei der Vorstellung.
       
       [1][Mit dem Instrument soll die im bundesweiten Vergleich extrem niedrige
       Ausbildungsquote gesteigert werden.] Im Durchschnitt bilden Berliner
       Unternehmen nur 3,1 Prozent ihrer Belegschaft aus. Bundesweit sind es 4,6
       Prozent. Ursprünglich sollten alle Unternehmen einen Teil ihrer
       Bruttolohnsumme einzahlen und für jeden besetzten Ausbildungsplatz Geld
       erhalten.
       
       Im Gegensatz zum Entwurf von Dezember haben CDU und SPD den
       Verteilmechanismus des Fonds noch einmal grundlegend geändert. Das neue
       System soll weniger Unternehmen belohnen, die bereits viel ausbilden,
       sondern Anreize bieten, zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. So
       erhalten Unternehmen nur Geld aus dem Fonds, wenn sie mehr als bisher
       ausbilden. Laut dem Gesetz wird die Vergütung von jedem Ausbildungsplatz,
       der zusätzlich im Vergleich zum 31. Dezember 2024 besetzt wurde,
       übernommen.
       
       Geld bekommen Unternehmen allerdings nur, wenn ihre Ausbildungsquote
       oberhalb des Berliner Durchschnitts von 3,1 Prozent liegt. Komplett
       ausgenommen von der Abgabe sind Unternehmen mit weniger als 10
       Beschäftigten. Diese Kleinstunternehmen können sich Auszubildende oft nicht
       leisten und machen 75 Prozent der Berliner Unternehmen aus. Für sie dürfte
       es erstmals attraktiv werden, überhaupt auszubilden.
       
       ## Zahlreiche Ausnahmen
       
       Ausgenommen sind auch Unternehmen, deren Ausbildungsquote über dem
       Bundesdurchschnitt von 4.6 Prozent liegt. Der Fonds soll ein Mindestvolumen
       von 75 Millionen Euro haben und sich komplett selber tragen. Es sollen
       keine Mittel aus dem Haushalt ab- oder zufließen. „Wir erhöhen damit
       spürbar den Anreiz der Unternehmen, mehr auszubilden. Von diesem Gesetz
       wird die Berliner Wirtschaft profitieren“, sagte SPD-Fraktionsvorsitzender
       Raed Saleh.
       
       Als größten Triumph dürfte die CDU den eingebauten „Kill-Switch“ im Gesetz
       feiern. Demnach soll das Abgeordnetenhaus das Gesetz wieder außer Kraft
       setzten, wenn drei Jahre lang die Zielmarke von 2.000 Ausbildungsplätzen
       erreicht ist. „Es ist das erste Gesetz, das sich automatisch wieder
       abschafft“, sagte Stettner.
       
       Das Gesetz soll also genau dann wieder abgeschafft werden, wenn es anfängt
       zu wirken. Die Zielmarke von 2.000 Ausbildungsplätzen ist dabei komplett
       willkürlich und nicht an dem tatsächlichen Bedarf oder an
       wissenschaftlichen Prognosen orientiert. Läge die Ausbildungsquote in
       Berlin auf Bundesniveau, entspräche das zusätzlich 25.000
       Ausbildungsplätzen.
       
       [2][Die Industrie- und Handelskammer, die von Beginn an die Umlage zu
       verhindern versuchte,] ist auch von dem neuen Entwurf wenig begeistert:
       „Die aktuellen Änderungen führen dazu, dass die Abgaben eines kleinen
       mittelständischen Betriebs, der keine Auszubildenden findet, zur
       vollständigen Finanzierung zusätzlicher Ausbildungsplätze in einem Konzern
       verwendet werden können“, sagte IHK-Sprecherin Claudia Engelfeld am
       Dienstag.
       
       ## Entwurf „verwässert“
       
       Auch die Linke kritisiert die umfangreichen Änderungen am Mechanismus. „Die
       Koalition hat der Kampagne der Arbeitgeberverbände nachgegeben. Die
       Ausbildungsumlage wird verwässert“, sagt der arbeitspolitische Sprecher
       Damiano Valgolio.
       
       Wenn die Kosten tatsächlich nur so weit erstattet werden sollten, wie ein
       Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr zusätzlich ausbilden, werde ein
       Großteil der Ausbildungsbetriebe mit den Kosten weiter allein gelassen,
       kritisiert Valgolio. Damit würden vor allem die Betriebe bestraft, die
       schon lange ihre Ausbildungspflicht erfüllten.
       
       Der Deutsche Gewerkschaftspunkt sieht die Einigung etwas positiver:
       „Insgesamt ist das Gesetz aber ein erster Schritt in die richtige
       Richtung“, sagt DGB-Funktionärin Nele Techen. Kritisch sieht Techen
       allerdings die vielen Ausnahmeregelungen für kleine Unternehmen: „Damit
       blieben in Berlin fast dreiviertel der Unternehmen außen vor. Die Basis
       muss deutlich breiter gestaltet sein“
       
       ## Prestigeprojekt der SPD
       
       Die Ausbildungsplatzumlage ist ein Herzensprojekt der SPD. Die
       Ausgangsidee: Alle Berliner Betriebe sollen in einen Fonds einzahlen. Aus
       diesem Fonds erhalten Betriebe Geld für jeden Auszubildenden zurück.
       
       Gegen erhebliche Widerstände der CDU schaffte es die SPD, die Umlage in den
       Koalitionsvertrag zu hieven. Allerdings nur mit einigen Ausnahmen. So
       sollte die Umlage nur kommen, falls es die Berliner Unternehmen nicht
       schafften, innerhalb von zwei Jahren 2.000 zusätzliche Jugendliche in
       Ausbildung zu bringen.
       
       [3][Die Frist lief Ende des letzten Jahres ab], trotz aller Bemühungen
       schafften es die Berliner Betriebe nur auf 1.300 zusätzliche
       Ausbildungsplätze im Vergleich zu 2023. Nun scheint auch die CDU davon
       überzeugt, dass Appelle an Eigenverantwortlichkeit nicht mehr weiterhelfen.
       „In unserer Solidargemeinschaft erwarte ich von den Arbeitgebern, dass sie
       die Fachkräfte der Zukunft ausbilden“, sagte CDU-Fraktionsvorsitzender Dirk
       Stettner.
       
       17 Mar 2026
       
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