# taz.de -- Abschied von den sozialen Medien: Und tschüss!
       
       > Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk war in sozialen Medien omnipräsent –
       > und bekam positive wie Hasskommentare. Er zog die Notbremse und stieg
       > aus.
       
 (IMG) Bild: Nach der Übernahme kommt das Tschüss: Literat Ilko-Sascha Kowalczuk nimmt Abschied aus den sozialen Medien
       
       Zwei Tage nach der [1][Wahl in Baden-Württemberg] juckte es in meinen
       Fingern. Ich hatte ein Zeit-Interview mit dem Grünen Lukas Beckmann
       gelesen. Er erklärte Özdemirs Sieg auf einer gefühligen Ebene: Der Cem sei
       ein freundlicher, kluger, zugewandter Mensch mit einer tollen Biografie.
       Ich unterschreibe das alles, allerdings sehe ich Özdemir politisch auch
       kritisch. Allein seine wohlkalkulierte Hochzeit mit seinem Freund Boris
       Palmer als Standesbeamten stand einem Grünen nicht passend zu Gesicht. Da
       bin ich noch nicht einmal bei Fragen der Migration, Rassismus, ökologischen
       Kernthemen angelangt.
       
       Ich schrieb los, hinterfragte, was eine Partei tun sollte, und hatte es
       fast schon in einem sozialen Medium gepostet. Da fiel mir ein, dass ich gar
       keine Posts mehr loslasse. Seit einigen Wochen benutze ich die Plattformen
       Instagram, Bluesky, Facebook nur noch als Informationsquelle. Ich habe
       sämtliche Kommentarfunktionen abgeschaltet. Seither spüre ich jeden Tag,
       wie mich die Sucht nach den sozialen Medien immer mehr verlässt – und
       ebenso, wie mich Anspannungen und Verkrampfungen verlassen.
       
       Meine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken begannen erst im Frühjahr
       2021, zuerst auf [2][Twitter (später X)] und Facebook, dann auf Instagram
       und schließlich Bluesky. Auf allen Plattformen zusammen hatte ich im Sommer
       2025 etwa 100.000 Follower. Ich stellte Rezensionen, Statements zu
       aktuellen oder zu historischen Ereignissen ein. Die Schwerpunkte bildeten
       DDR, [3][Ostdeutschland,] Geschichte des Kommunismus, ab Februar 2022 der
       russische Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine, woher die Hälfte meiner
       familiären Wurzeln rührt. Das verstärkte meine analogen Aktivitäten in
       herkömmlichen Medien und begleitete meine Publikationen, Interviews,
       Podcasts, Bücher. Einen Teil meiner Bücher habe ich häppchenweise zur
       Diskussion gestellt, um so auch Argumente aufzugreifen, auf die ich allein
       nicht gekommen wäre.
       
       Am Anfang hatte ich mir die Devise auferlegt, mit allen ins Gespräch zu
       kommen. Schnell war ich überfordert, nicht nur angesichts der Menge an
       Kommentaren, sondern vor allem mental. Offenbar hat jeder und jede das
       Recht in den sozialen Medien zu schreiben, was für nötig erachtet wird.
       Anfangs zeigte ich Hater an, einige Strafrechtsverfahren waren erfolgreich.
       Doch ohne Büro und fremde Hilfe war das nicht zu schaffen. Vor allem hatte
       ich keine Schutzwand. So erwischte mich jede Beleidigung, jede Bedrohung
       unmittelbar. Da ich vor allem in Ostdeutschland immer mehr zu einer
       hassenswerten Projektionsfläche geworden war, trafen mich täglich Hunderte,
       manchmal mehrere tausend Beleidigungen und Drohungen unmittelbar. Viel zu
       spät realisierte ich, dass nur ich ganz allein die Kontexte aller meiner
       Posts und Reaktionen kenne, die meisten User hingegen weder wissen, worauf
       ich reagiere, noch die Vorgeschichte der Streitereien mit Einzelnen kennen.
       Ich benutzte gern das Wort Honk, weil ich es lustig finde und nicht so
       abwertend wie Idiot.
       
       ## Der größte Vollhonk war ich selbst
       
       Doch zu spät merkte ich, dass der größte Vollhonk von allen ich selbst war,
       weil ich in Ausnahmefällen immer wieder mal mitmachte, was ich eigentlich
       kritisierte. Als ich damit aufhörte, war es zu spät. Egal, was ich postete
       – es rollte regelmäßig eine Lawine aus Hass, Ablehnung, Herabwürdigung,
       Drohungen über mich hinweg. Zudem setzten einzelne Hater etwas über mich
       ins Netz, was nicht stimmte. Wenn ich um Aufklärung oder Richtigstellung
       bat, unterblieb das. Schon bald wurden diese Falschbehauptungen als
       „Beweise“ im nächsten Verleumdungspost benutzt.
       
       Was mich dabei am meisten irritierte, war der Umstand, dass ich in den
       sozialen Medien fast nie als gleichberechtigter Bürger, sondern fast immer
       als angeblich privilegierter Historiker wahrgenommen wurde: „Sie als
       Historiker …“. Täglich wurde mir dutzendfach abgesprochen, Historiker zu
       sein. Das traf mich, denn als Historiker mit Dutzenden wissenschaftlichen
       Büchern, rührten diese Dummköpfe in einer klaffenden Wunde. Da ich doch nie
       als Historiker jene institutionelle Anerkennung gefunden habe, die ich mir
       erwünscht hatte und – sage ich heute voller Selbstbewusstsein – die
       angemessen gewesen wäre. Egal. In meiner Selbstbeschreibung in den sozialen
       Medien steht: „Wollte immer Historiker werden, ich arbeite dran.“ Die
       dümmsten unter den Dummköpfen haben mir diesen Satz Tausende Mal in die
       Fresse geschlagen. Ich habe zu spät gemerkt, dass dies alles mich
       beschädigte und zermürbte, mir zugefügt von Leuten, mit denen ich im
       analogen Leben nie ein Wort wechseln würde.
       
       Hinzu kam die Abhängigkeit von den sozialen Medien, denn ich bekam nicht
       nur Hass und Drohungen, ich bekam auch viel Liebe und Anerkennung. Leider
       bin ich eher der Typ „halb leer“. Die tausendfache Liebe kam bei mir
       weitaus weniger an als der tausendfache Hass. Als ich mich aus den sozialen
       Medien verabschiedete, bekam ich Tausende Nachrichten, die mich rührten und
       mir guttaten. Ich zog dennoch die Notbremse. Zuerst auf X, dann auf
       Bluesky, schließlich auf Facebook und Instagram. Jetzt beobachte ich die
       Echoräume und die immer gleichen Reaktionsmuster – mit Distanz. Die meisten
       meiner Freund*innen waren nie in den sozialen Medien aktiv – keiner von
       ihnen ist dümmer, uninformierter, unpolitischer als die politischen
       Aktivisten im Netz.
       
       Mir ist nicht egal, was aus den sozialen Medien wird. Sie können und werden
       nicht so toxisch bleiben, wie sie sind. Sie haben großes Potenzial, um die
       Welt besser zu machen. Aktuell aber sind sie Räume, die den Faschismus eher
       befördern als behindern. In den sozialen Medien habe ich interessante und
       liebenswerte Leute „kennengelernt“. Auch sie haben oftmals gar nicht anders
       gekonnt, als mich dem Hass und der Hetze zu überlassen. Die vielen
       Veranstaltungen, die ich bestreite, sind nie von solchen Tiraden betroffen,
       dort werde ich weiterhin anzutreffen sein. Oder hier. Oder sonst wo. Aber
       nicht mehr aktiv in den sozialen Medien, solange sie Orte der Destruktion
       sind.
       
       1 Apr 2026
       
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