# taz.de -- Dokufilm „The Gospel of Revolution“: Gott ist nicht neutral
       
       > „The Gospel of Revolution“ geht den Spuren der Befreiungstheologie in
       > Mittel- und Südamerika nach. Sein Archivmaterial ist beeindruckend.
       
 (IMG) Bild: Christen für Veränderung in „The Gospel of Revolution“
       
       Gleich in dreifacher Weise gibt sich der französische Dokumentarfilmer
       François-Xavier Drouet in „The Gospel of Revolution“ als Kind eines
       bestimmten Zeitgeists zu erkennen. Wie viele Getaufte habe er im
       Erwachsenenalter aufgehört, an Gott zu glauben, erzählt er zu Beginn. Wie
       ebenfalls nicht wenige hat er ihn eingetauscht gegen die Hoffnung auf einen
       radikalen politischen Wandel und den Traum von einer gerechteren
       Gesellschaft. Und auch mit der Begeisterung für die Länder Lateinamerikas
       und ihre Geschichte gescheiterter Revolutionen steht er nicht allein.
       
       Drouet ist 1979 geboren, dem Jahr, in dem [1][in Nicaragua zum ersten Mal
       nach Cuba 1959 wieder eine Revolution „gelang“], wie man von heute aus
       vorsichtig in Anführungszeichen schreiben muss. Damals schwappte die
       Begeisterung bis in die Redaktionsstuben der neu gegründeten taz, wo aus
       Solidarität exklusiv der Kaffee aus Nicaragua getrunken wurde, die
       sogenannte Sandino-Dröhnung. Es dauerte einige Jahre, bis sich die
       Erkenntnis durchsetzte, dass der revolutionäre Enthusiasmus blind dafür
       gemacht hatte, dass es sich nicht wirklich um „Fair Trade“-Kaffee handelte.
       
       Aber Drouet geht es in „The Gospel of Revolution“ nicht um solche
       Enttäuschungen. Seinen Blick auf die Länder Süd- und Mittelamerikas
       vergleicht er mit dem eines Archäologen, nur dass ihn statt alter Steine
       eben die Überbleibsel früherer Kämpfer interessieren. Und darunter trifft
       er wiederum eine enge Auswahl: Ihm geht es in erster Linie um die
       sogenannten Befreiungstheologen.
       
       [2][Ernesto Cardenal] aus Nicaragua war einer der berühmtesten davon. Er
       wurde nach der Vertreibung Somozas zum Kulturminister der sandinistischen
       Regierung berufen. Drouet zeigt in seinem Film eindrucksvolle Aufnahmen vom
       Besuch des Papstes in Managua 1983. Man sieht, wie Johannes Paul II. die
       Begrüßungsreihe abschreitet; als er zu Cardenal kommt, der kniet, um den
       erwarteten Segen zu empfangen, redet er aufgebracht auf ihn ein. Von
       Segnung nichts zu sehen. Der Papst sei wütend gewesen auf die
       Befreiungstheologen und ihre Nähe zum Marxismus.
       
       ## Auf der Seite der Armen
       
       Laut Cardenal sei die Befreiungstheologie keine Theorie, sondern eine
       Weise, in der Welt zu sein. Ihre zentrale Idee: Gott ist nicht neutral, er
       ist auf der Seite der Armen. Dieser Gedanke inspiriert auch den belgischen
       Pater Roger Ponseele, den Drouet in seinem Film als erstes zu Wort kommen
       lässt. Er erzählt die Anekdote, wie er sich in den 80er Jahren in El
       Salvador den bewaffneten Guerilleros anschloss und sich beim Marsch über
       die Berge anhören musste, wie hinter ihm zwei Genossen darüber
       spekulierten, wie bald man wohl seinen fetten Leib würde tragen müssen.
       
       Das Archivmaterial aus der Zeit, körnig, aber sehr farbig, zeigt ihn jedoch
       als schlanken, hochgewachsenen Menschen, der seine Autorität unter den
       Kämpfern sichtlich genießt. Als Hauptmotivation seines Schritts ins
       Guerilla-Lager gibt Ponseele den Schock über die Armut im Land an. Ob nicht
       auch ein bisschen Revolutionsromantik dabei war, danach fragt Drouet nicht.
       
       Überhaupt ist es schade, dass er seine Gesprächspartner nie wirklich
       herausfordert. El Salvador, Brasilien, Nicaragua und Mexiko sind die vier
       Länder, in denen Drouet Geistliche mit revolutionärer Vergangenheit
       aufsucht und dabei tolles Archivmaterial ausgräbt. Aber das Schwelgen in
       der Vergangenheit steht im harten Kontrast zur Gegenwart in allen vier
       Ländern. Wäre es nicht angebracht, auch über Zweifel am Engagement von
       einst zu sprechen? Oder über die Langzeitfolgen?
       
       Sein Kampf sei der eines Besiegten, bekennt am Schluss der brasilianische
       Priester Júlio Lancellotti, der sich noch heute in São Paulo unermüdlich
       für die Armen engagiert. Es ist natürlich ein schönes, heroisches
       Schlusswort. Gerade am Beispiel Brasiliens aber wäre es interessanter,
       einen anderen Trend zu hinterfragen: Die Befreiungstheologie habe die Armen
       gewählt, heißt es an einer Stelle, die Armen heute aber wählen die
       Evangelikalen. Warum das so ist, dazu hätte man hier gern mehr gehört.
       
       1 Apr 2026
       
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