# taz.de -- Neues Album von Joshua Idehen: Erlösung auf dem Dancefloor
       
       > Mit seinem Album nimmt der britische Jazzpoet Joshua Idehen die
       > HörerInnen an die Hand. Er versteht den gemeinsamen Schmerz der Zeit.
       
 (IMG) Bild: Ludvig Parment und Joshua Idehen – ein neues Dreamteam in Schweden
       
       Mit einem Trommelwirbel und filmischen Streichern beginnt das neue Album
       des britischen Künstlers Joshua Idehen. Es setzt ein verfremdetes
       Soulsample ein, „Baby“ flüstert es dir ins Ohr, bevor die Streicher
       wiederkehren und an die große Blütezeit der Disco-Ära erinnern.
       
       Die Musik ist beflügelnd, doch dir geht es nicht gut. Genau in diesem
       Moment trifft dich die Stimme von Joshua Idehen, spricht dich an. Ganz
       genau, dich persönlich. Du und der Song, ihr seid mittlerweile „knee-deep
       in the chorus“, knietief im Refrain, Stroboskop-Lichter blitzen auf.
       
       Ein Fremder setzt sich zu dir, fragt dich, wie es dir geht. Ihr schaut die
       blinkenden Diskolichter an, dein Kopf ruht jetzt auf seiner Schulter. Er
       sagt: „Es gibt so viel Düsternis auf dieser Welt, aber nicht in diesem Raum
       und nicht zwischen uns. Also gehen wir tanzen oder was?“
       
       Diese Szene zeichnet Joshua Idehen im Auftaktsongs seines neuen Albums „I
       know you’re hurting, everyone is hurting, everyone is trying, you have got
       to try“. Der Titel ist dabei Programm: Idehen kennt den gemeinsamen Schmerz
       der Zeit, die kollektive Depression angesichts von Kriegen, Femiziden und
       Freiheitsverlusten. Aber er weiß auch um das utopische Moment von Tanzen
       und Musik als „healing force of the universe“, wie Albert Ayler einst
       verkündete.
       
       ## Müde Knochen, schmerzende Glieder
       
       Doch Idehen geht noch weiter: Er stellt den Raum und das Kollektiv, das
       gemeinsam diese Musik in sich aufnimmt, in den Mittelpunkt. Das Gefühl,
       wenn alle eins sind, die Musik einem durch die müden Knochen und
       schmerzenden Muskeln fährt und den Kopf in euphorische Höhenflüge versetzt.
       
       Joshua Idehen ist als Sohn nigerianischer Eltern in Großbritannien geboren.
       In London hat er 20 Jahre lang Gedichte geschrieben, sie mit den
       tonangebenden Londoner Jazz-Gruppen The Comet Is Coming und Sons Of Kemet
       um [1][Shabaka Hutchings] performt. 2019 ging es dann privat bergab, auf
       seine Scheidung folgte ein psychisches Tief. Idehen zog nach Schweden,
       bekam eine Tochter. Dort begann er auch mit dem schwedischen Produzenten
       und Multiinstrumentalisten Ludvig Parment zu arbeiten, der auch auf seinem
       Debütalbum die Beats für Idehens Spoken-Word-Passagen produziert und ihm
       weitere Stimmen hinzusamplet.
       
       „It’s all about the rhythm and the love“, verkündet eine dieser Stimmen in
       „This is the place“. Gemeint ist der Dancefloor, Zufluchtsort der
       kollektiven Kraftschöpfung. „This room is holy, this is my church. We’re a
       bubble and we dance“, erklärt Idehen. Wie ein Gospelprediger knüpft er
       Kontakt zu seinem Publikum, spricht es direkt an und feiert mit ihm
       Eskapismus, Gemeinschaft und Positivität. Neben der Erhebung des
       Dancefloors zum ultimativen kollektiven Kurort der Seele predigt Idehen
       außerdem radikale Selbstfürsorge und gibt dafür praktische Tipps: „Choose
       Yourself, over any system“, zählt er auf. Und: „Choose anger/ But add
       common sense/ Choose a balanced diet: Eat the rich!“
       
       Dazwischen finden sich auch immer wieder Momente zum Innehalten. Das sehr
       persönliche „My Love“ etwa, das Licht, Schatten und die Individualität der
       eigenen Biografie beschreibt. Die schwedische Künstlerin Amanda Bergman
       singt darin den Refrain zu einem Streicherarrangement und einem sich immer
       wiederholenden Pianomotiv.
       
       ## Schnelle Breakbeats
       
       Idehens gesprochene Texte fügen sich dabei nahtlos in die ansonsten
       dominierenden pumpenden Bass-Drums und leuchtend-kantigen Synths, seine
       Gedichte kontemplativ nach innen oder dringlich an sein Publikum gerichtet.
       In „Brother“ greifen [2][schnelle Breakbeats] und ein wildes Saxofon,
       gespielt von Shabaka Hutchings, ineinander und die Erschöpfung, die in
       Idehens Albumtitel mitschwingt, bricht sich Bahn.
       
       Auch in „Everything everywhere all at once“ scheint Idehen seine coole
       Contenance zwischendurch zu entgleiten. Seine Worte werden immer schneller
       und überforderter, er reflektiert darüber, wie man sich kennenlernen kann
       in Zeiten von Dating-Apps und Emojis, bis schließlich ein Chor einsetzt,
       seinen Song noch weiter voranbringt. „Everything everywhere all at once“,
       wiederholt Idehen immer schneller, bis er selbst lachen muss.
       
       Der Chor singt eine Melodie, die Idehen selbst komponiert hat, obwohl er
       selten Musik schreibt oder selbst singt. Dieselbe Chorpassage steht kurz
       darauf noch einmal in einer Reprise in einem akustisch gespielten Setting
       mit präsentem Piano alleine, erlöst ihn von seinem immer schneller
       werdenden Gesang und unterstreicht Idehens – implizite – Verbindung zur
       Gospeltradition.
       
       Das Thema der Erlösung steht auch in den letzten beiden Songs des Albums im
       Mittelpunkt, zu dem sich wieder ekstatische elektronische Beats gesellen:
       „Save the last dance for the redemption song“, resümiert Idehen, bevor er
       zum Schluss fragt: „What is redemption?“ Seine Antwort: „Es ist gut
       möglich, dass wir Samen säen, deren Ernte wir nicht mehr erleben werden.
       Aber das Säen ist genauso wichtig wie das Gießen, die Pflege und die
       Ernte.“
       
       Erlösung für einige verspricht nicht Erlösung für alle – diese Erkenntnis
       sitzt tief bei Joshua Idehen. Auf seinem neuen Album ist er fest davon
       überzeugt, dass sie möglich ist, sich der Kampf lohnt. Und nimmt alle an
       die Hand, für die dieser Weg schwieriger ist. Gegen die katastrophale
       Nachrichtenlage hilft auch diese Musik nicht. Aber gegen die Angst, mit all
       dem alleine zu sein, allemal.
       
       12 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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