# taz.de -- Album von Jazzsolist Shabaka Hutchings: Das Pendel schwingt zurück, ein bisschen
       
       > Der Brite Shabaka Hutchings geht mit dem neuen Album „Of the Earth“
       > weiter seinen Weg. Als Jazzsolist glänzt er mit untypischen Ausflügen
       > zwischen Ambient und Rap.
       
 (IMG) Bild: Shabaka Hutchings mit einer seiner charakteristischen asiatischen Bambusflöten
       
       Als Shabaka Hutchings Ende 2023 bekannt gab, sein Tenorsaxofon zur Seite zu
       legen – vielleicht für immer – kam diese Nachricht von der Galionsfigur der
       jungen Londoner Jazzszene wie ein Schock. Nicht zuletzt für die Fans seiner
       Bands [1][Sons of Kemet] und [2][The Comet Is Coming]. Schließlich lebte
       deren frenetisch-tanzbarer High-Energy-Ansatz maßgeblich von Shabakas
       rhythmisierendem Saxofonspiel.
       
       Doch „eine spirituelle Praxis als Ware zu behandeln, die wiederholt
       verkauft werden kann“, habe ihn geradewegs in den Burnout geführt, erklärte
       der 42-jährige Brite damals. Nun strebe er nach „energy without tension“.
       Und verlautbarte wenig später auf Social Media, es gebe Phasen in einem
       Künstlerleben, in denen „Opferbereitschaft und Hingabe an eine Idee
       vonnöten sei“.
       
       Allzu weitreichende Opfer oder Durststrecken verlangte ihm sein
       Richtungswechsel jedoch nicht ab, auch wenn er damit seine bekanntesten
       Bandprojekte beerdigte: Das schwelgerische Soloalbum „Perceive Its Beauty,
       Acknowledge Its Grace“ (2024), das bald erscheinen sollte – sein zweites
       Werk nach der EP „African Music“ (2022) – erntete viel Zuspruch und
       Bewunderung. Obwohl die Musik denkbar weit weg klang von dem Sound, der ihn
       einst berühmt gemacht hatte.
       
       In den Songs präsentierte Shabaka Hutchings meditative Klangerkundungen
       zwischen New Age und Spiritual Jazz. Flötenklänge spielten dabei eine
       Hauptrolle – ähnlich übrigens wie bei „[3][New Blue Sun (2023), dem
       Ambient-Album von US-Rapper André 3000,] bekannt auch als eine Hälfte des
       HipHop-Duos Outkast. Der US-Rapper war auch unter den illustren Gästen, die
       sich auf „Perceive Its Beauty…“ ein Stelldichein gaben.
       
       ## Mit Verve aneinander reiben
       
       Mit seinem neuen Album „Of The Earth“ lässt Shabaka das Pendel nun wieder
       zurückschwingen, ein bisschen zumindest. Das Saxofon ist zurück, und mit
       ihm auch etwas Drive – ab und an. Etwa im munter verstolperten „Marva
       Mountain“, in dem sich mit Verve mehrere Bläserstimmen aneinander reiben.
       Das Wuchtige im Klang, das Shabakas ehemaligen Bands prägte, blitzt an
       einigen Stellen durch, etwa im punk-jazzigen Voranpreschen von „Stand
       Firm“.
       
       Weitgehend ist das Getriebene aus Shabakas Klangwelten verschwunden – was
       vielleicht an seinem intensiven Zugang zu Atemtechniken liegt, den er sich
       durch die Beschäftigung mit den Flötentraditionen verschiedener
       Kulturkreise angeeignet hat. Shabaka ist nun bereit, den Pausen zwischen
       den Tönen ähnlich viel Raum zu geben, wie den Klängen selbst, wie bei den
       entschleunigten Konzerten zu erleben war, die er in jener Zeit spielte.
       
       Die neuen Stücke sind allesamt von ihm im Alleingang eingespielt,
       arrangiert und gemischt. Er habe sich, so erklärte er, vom unlängst
       verstorbenen [4][US-Soul-Künstler D’Angelo] und dessen Debütalbum „Brown
       Sugar“ (1995) dazu inspirieren lassen. Übrigens das erste Album, das
       Shabaka als Jugendlicher selbst kaufte. Neben seinem Tenorsaxofon sind
       diverse Perkussions- und Holzblasinstrumente sowie Synthesizer zu hören.
       
       Und natürlich die Klarinette: das Instrument, an dem Shabaka am
       Konservatorium ausgebildet wurde. Nachdem er seine Kindheit und Jugend
       überwiegend in Barbados, der karibischen Heimat seiner Eltern, verbracht
       hatte, war er für sein Musikstudium nach England zurückgekehrt.
       
       ## Neu im Kosmos: Spoken Word
       
       Das Album, veröffentlicht auf dem eigens gegründeten Label Shabaka Records,
       bringt nun die verschiedenen Facetten seiner Künstlerpersönlichkeit
       zusammen – wenngleich doch eher skizzenhaft. Ein neues Element in seinem
       Kosmos: Spoken-Word- und Rap-Passagen, etwa im Track „Go Astray“.
       
       Da sorgen nicht nur experimentelle Beats für einen sanften Sog, sondern
       auch Shabakas sonore Stimme – wenngleich sein Flow weniger markant wirkt
       als die etwas predigerhaften Lyrics, die von Unterdrückung von innen und
       außen erzählen.
       
       Allzu zwingend sind längst nicht alle Tracks auf dem Album. Oft bleiben
       Songstrukturen diffus, es fehlen Kontouren. „Of The Earth“ ist ein Album
       des Übergangs. Spannend allerdings bleibt, wohin Shabaka die weitere
       Neukalibrierung seines Musikschaffens führen wird.
       
       12 Mar 2026
       
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