# taz.de -- Regisseurin Carla Simón über „Romería“: „Ich schuf Bilder meiner Eltern, die es sonst nicht gäbe“
> In „Romería“ erzählt die Filmemacherin Carla Simón von einer Frau, die
> der Geschichte ihrer Eltern nachspürt. Ein Gespräch über Verlust und
> Erinnern.
(IMG) Bild: Filmen als Geste des Vertrauens: Marina (Llúcia Garcia) in „Roméria“
Mit „Romería“ schließt die spanische Regisseurin Carla Simón eine
Filmtrilogie ab, die stark von ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert
ist. Die 18-jährige Marina hat ihre Eltern nie richtig kennengelernt und
reist nach Galicien, um die Sterbeurkunde ihres Vaters zu besorgen, die sie
für ein Stipendium an einer Filmhochschule benötigt. Dort stößt sie auf
eine ihr fremde Verwandtschaft, verdrängte Erinnerungen sowie Tagebücher
ihrer Mutter, die von Freiheit, Drogen und der Aids-Krise in den 1980ern
zeugen.
taz: Frau Simón, „Romería“ ist ein sehr persönliches Werk: Nach „Fridas
Sommer“ (2017) und [1][„Alcarràs – Die letzte Ernte“ (2022), der auf der
Berlinale mit dem „Goldenen Bären“ prämiert wurde], widmen Sie sich nun
Ihren Eltern. Warum wollten Sie aus Ihrer eigenen Spurensuche einen Film
machen?
Carla Simón: Schon als ich an meinem ersten Film gearbeitet habe, habe ich
entschieden, dass ich meinen Eltern ein eigenes Werk widmen werde. Damals
wurde mir noch mal schmerzlich bewusst, dass ich kaum Erinnerungen an sie
habe. „Romería“ ist gewissermaßen aus dem Frust geboren, keine wirkliche
Familiengeschichte zu besitzen, nicht imstande zu sein, sie zu erzählen.
Daher habe ich begonnen, meine Verwandtschaft nach meinen Eltern zu
befragen, die wenige Jahre nach meiner Geburt verstorben sind. Dabei habe
ich aber schnell festgestellt, dass mir jeder andere Dinge erzählt. So
funktionieren Erinnerungen nun mal: Sie verändern sich ständig, sie sind
subjektiv und fest an die eigene Perspektive gebunden. Dann habe ich
entschieden, einen Film über die Erinnerung selbst zu drehen.
taz: Wie sind Sie an die Informationen gekommen, die Sie brauchten, um
„Romería“ zu drehen?
Simón: Ich bin an Briefe gelangt, die meine Mutter an ihre Freunde
geschrieben hat. Das hat mich ihr sehr viel näher gebracht. Ich konnte
plötzlich ihre Stimme hören und wusste, dass ich diese Stimme in den Film
integrieren will – auch wenn ich in „Romería“ letztlich Tagebucheinträge
daraus gemacht habe. Ihre Art zu schreiben wirkt auf mich wie ein Porträt
der 1980er Jahre und der damals jungen Generation. Dieses Element hebt den
Film auch ein Stück weit aus meinen persönlichen Erinnerungen heraus.
taz: Inwiefern?
Simón: Damals wurden wegen der Heroinkrise in Spanien viele zu
Waisenkindern, so wie ich es bin. [2][Nach der langen Phase der Diktatur,
die 1975 mit dem Tod Francos endete], spürten insbesondere junge Menschen
eine ungekannte Freiheit – es war eine glückliche Periode, aber auch eine,
in der Drogen in einigen Regionen des Landes überhandnahmen. Damit ging
bald eine schnelle Verbreitung von HIV einher. Doch obwohl so viele an Aids
starben, wird dieses Thema in meiner Heimat weiter gemieden. Ich wollte
erreichen, dass durch „Romería“ mehr über die Generation meiner Eltern
gesprochen wird – auch, weil sie diejenigen waren, die mit gestrigen
Wertvorstellungen brachen, mit streng konservativen und erzkatholischen
Überzeugungen, die nach der Diktatur noch sehr präsent waren.
taz: „Katholisch“ ist ein gutes Stichwort: Warum haben Sie sich für
„Romería“ als Filmtitel entschieden – wie verbindet er sich mit dem, worum
es im Film geht?
Simón: Der Titel hat für mich zwei Ebenen. Im Süden Spaniens wird „Romería“
vor allem im religiösen Sinn verwendet und meint etwa eine Prozession oder
Pilgerfahrt, bei der eine Marienfigur von einem Ort zum anderen gebracht
wird. Gleichzeitig beschreibt das Wort für mich eine Art spirituelle Reise,
einen inneren Weg. Im Norden Spaniens wiederum beschreibt „Romería“ eher
Volksfeste, die im Sommer fast jeden Tag irgendwo stattfinden – etwas, das
ich sehr liebe und das auch im Film vorkommt. Insofern passt der Titel für
mich in beide Richtungen und verbindet das Religiöse, das Festliche und das
Persönliche.
taz: Neben den Tagebucheinträgen der Mutter fungieren die Filmaufnahmen,
die Marina macht, in „Romería“ als erzählerische Richtschnur: Sie begegnet
der Familie ihres Vaters, die sie kaum kennt, und hält vieles mit dem
Camcorder fest – lange aber sind es „nur“ Orte. Weshalb?
Simón: Ich glaube, Marina weiß anfangs selbst nicht, warum. Heute denke
ich, dass verlassene Orte eine Möglichkeit sind, sich Menschen zu nähern,
die nicht mehr da sind. Auch wenn es frustrierend ist, einen Raum zu
filmen, von dem man weiß, dass dort jemand gewesen sein muss, der
inzwischen gegangen ist – es hat etwas Gespenstisches. Marina filmt diese
Orte dennoch, weil sie weiß, dass dort die Liebesgeschichte ihrer Eltern
ihren Anfang nahm. Erst am Ende gelingt es ihr, die Familie ihres Vaters zu
filmen – nachdem sie Zeit mit ihr verbracht und sich an sie herangetastet
hat. Wenn man neuen Menschen begegnet, sie noch nicht recht kennt, ist es
meiner Ansicht nach fast unmöglich, die Kamera auf sie zu richten.
Zumindest kann ich selbst keine Menschen auf intime Weise filmen, wenn ich
ihnen nicht vertraue und sie mir nicht vertrauen.
taz: Die Landschaft nimmt dadurch in „Romería“ sehr viel Raum ein …
Simón: Die Landschaft kam auch in meinem kreativen Prozess zuerst. Bevor
ich mit dem Drehbuch begonnen habe, unternahm ich mehrere Reisen nach
Galicien, um die Orte aufzusuchen, an denen meine Eltern waren. Ich filmte
mich selbst auch mit einer Kamera, so wie Marina es tut, und daraus
entstand die Idee, „Romería“ als eine Reise zu erzählen. Deshalb wirkt der
Film fast episodisch: Meine Protagonistin geht von einer Person zur
nächsten, aber auch von einem Ort zum nächsten.
taz: Wie haben Sie die Orte ausgesucht, die im Film vorkommen?
Simón: Mir war es vor allem wichtig, diesen einzigartigen Küstenraum
abzubilden. Dass das Meer in das Landesinnere hineinreicht, schafft nicht
nur eine besondere Atmosphäre, sondern ermöglicht auch Schmuggel, viele
Drogen gelangten über diese Küste nach Spanien. Die Geografie macht das
alles sehr schwer kontrollierbar. Mein Vater war ein Segler, ein sehr guter
Segler. Ich habe viele Fotos von ihm und meiner Mutter, wie sie auf dem
Meer unterwegs sind, also ist das Meer eng mit meiner Familiengeschichte
verbunden.
taz: „Romería“ bleibt lange eng an Marinas Perspektive gebunden. Dann folgt
ein Bruch: In einer traumartigen Sequenz treten ihre Eltern selbst in
Erscheinung – bis dato kamen sie nur in Form von Erinnerungen vor. Warum
haben Sie entschieden, sie tatsächlich im Film zu zeigen?
Simón: Auch das hat mit meinem Nachdenken über Erinnerung zu tun. Ich kann
die Geschichte meiner Eltern, die letztlich auch meine Geschichte ist,
nicht allein aus den Erinnerungen anderer Menschen zusammensetzen.
Irgendwann entsteht etwas, das man sich selbst vorstellt, vielleicht auch
„erfindet“. Hier kommt für mich das Kino ins Spiel: Es erlaubt mir, Bilder
meiner Eltern zu schaffen, die es sonst nicht gäbe. Sie mir nicht nur
vorzustellen, sondern tatsächlich im Film zu inszenieren, erschien mir
plötzlich sehr verheißungsvoll.
taz: Das klingt nach einem Abschluss. Werden Sie sich als Regisseurin nun
etwas ganz anderem widmen als Ihrer Familiengeschichte?
Simón: Ja, ich habe das Gefühl, dass für mich nun tatsächlich ein neuer
Abschnitt beginnt. Gerade bereite ich ein Flamenco‑Musical vor. Es ist
etwas völlig Neues, aber zugleich faszinieren mich Familienbeziehungen
weiterhin. Es sind Verbindungen, die man nicht wählt, sondern die man von
Anfang an in sich trägt. Sie sind extrem komplex, prägend und nie nur
eindeutig gut oder schlecht. Ich glaube, dass ich die Familie weiterhin als
Thema erforschen werde – aber nicht unbedingt nur meine eigene.
31 Mar 2026
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