# taz.de -- Kampf gegen Fast Fashion: Hersteller sollen für Altkleidersammlung zahlen
       
       > Die Container quellen über mit Massen an Textilmüll. Umweltminister
       > Schneider will Modeunternehmen zur Verantwortung ziehen. Doch reichen die
       > Pläne?
       
 (IMG) Bild: Altkleider, die eventuell gar keine alten Kleider sind
       
       Jetzt also [1][wieder Skinny-Jeans], das Hosenbein ganz eng. Waren nicht
       gerade noch die lässig geschnitten Baggy-Jeans angesagt? Oder muss es die
       Barrel-Jeans sein, mit der fassartigen O-Form, an den Oberschenkeln weit,
       am Knöchel wieder schmaler? Sie kommen nicht mehr mit? Kein Wunder. Der
       Modezirkus dreht sich schnell, kaum in, ist eine Form schon wieder out.
       Raus aus dem Schrank, ab in den Müll. Bisher werden nur wenige Textilien
       wieder verwendet, kaum etwas wird recycelt. Das soll sich ändern.
       
       SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider knöpft sich die Modefabrikanten
       vor. Sie sollen verpflichtet werden, sich um das Sammeln von ausrangierten
       Klamotten und anderen Textilien wie Bettwäsche, Handtüchern, Hüten oder
       Schuhen zu kümmern, zudem um deren Sortierung und Recycling – [2][und
       dieses auch zu finanzieren]. Anders gesagt: Sie sollen Verantwortung für
       ihre Produkte über den Verkauf hinaus übernehmen.
       
       Das Problem in Zahlen: Bisher landet jedes Jahr Kleidung in der Menge von
       200 gefüllten Fußballstadien im Müll – 120 Millionen Tonnen. Das haben
       Experten der Unternehmensberatung Boston Consulting vorgerechnet. Sie
       urteilten, das sei nicht nur ein „gewaltiges Umweltproblem, sondern auch
       eine verpasste Chance für die Bekleidungsindustrie“. Denn der weltweite
       Materialwert dieser Abfälle liege bei geschätzten 150 Milliarden US-Dollar
       – jedes Jahr. Da müsse sich etwas drehen.
       
       Das sieht nun auch die Bundesregierung so, aber nicht nur sie. Die
       EU-Mitglieder haben im Herbst 2025 eine entsprechende Richtlinie zur
       „erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien“ verabschiedet. Sie
       trifft alle Unternehmen, die Textilien erstmals auf den europäischen Markt
       bringen. Darunter fallen damit auch asiatische Shoppingportale wie Temu
       oder Shein, die ihre im Internet angebotenen spottbilligen Kleidungsstücke
       aus China nach Brüssel, Wien, Warschau oder eben Hamburg, Dresden, München
       schicken.
       
       ## 12 Kilo Bekleidungsmüll im Jahr pro EU-Bürger
       
       Deutschland und alle anderen Länder in der EU müssen diese Richtlinie
       umsetzen. Bisher kommen in der EU auf eine Person in einem Jahr 12 Kilo
       Müll an Bekleidung und Schuhen. Umweltminister Schneider hat dazu jetzt ein
       siebenseitiges Eckpunktepapier veröffentlicht, ein konkreter
       Gesetzesentwurf soll später folgen. Altkleider zu sammeln, ist in
       Deutschland nichts Neues, ein System längst aufgebaut. Im Frühjahr den
       Kleiderschrank ausmisten? Warum nicht die Sachen in einen Container
       stopfen.
       
       Lange Zeit lief das auch rund. Es kamen mehr gut erhaltene Hosen oder
       T-Shirts zusammen als etwa das Rote Kreuz brauchte. Die guten Stücke wurden
       aussortiert und als Secondhandkleidung verkauft, etwa nach Osteuropa. Das
       lohnte sich für gemeinnützige Organisationen und auch für kommerzielle
       Unternehmen. [3][Doch heute quellen Container über mit ausrangierten
       Klamotten, die oft für nichts mehr taugen]. Bei der sich schnell drehenden
       Mode, der Fast-Fashion, halten die Nähte weniger lang, reißen Stoffe
       schneller. Die Qualität ist zu schlecht für Secondhand. Sammelstellen sind
       am Limit, sie bauen Container ab – nicht auf.
       
       Diese laut Eckpunktepapier „Verwerfungen auf dem deutschen Alttextilmarkt“
       sollen aufgefangen werden, in dem die Textilfirmen das System zum Sammeln,
       Sortieren und Recyceln künftig mitfinanzieren. Sie müssen sich dazu an
       einer sogenannten Organisation für Herstellerverantwortung beteiligen, das
       können gemeinnützige Einrichtungen sein wie das Rote Kreuz oder auch
       kommunale und gewerbliche Entsorger.
       
       Jede Organisation soll eine Sammelquote von 70 Prozent erreichen, gemessen
       an der Menge, die die angeschlossenen Hersteller im Vorjahr auf den Markt
       gebracht haben. Bei der Verwertung ist eine Quote von 95 und beim Recycling
       inklusive Wiederverwendung eine von 85 Prozent vorgesehen. Dabei soll
       gelten: Je mehr Textilien ein Hersteller auf den Markt bringt und je
       minderwertiger die Ware ist, umso höher der Betrag. Heißt: Es soll für
       Produzenten teurer werden, wenn der Fummel kaum gekauft schon
       auseinanderfällt. Hersteller sollen damit finanzielle Anreize bekommen,
       Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit beim Design
       ihrer Produkte mitzudenken und weniger Fast Fashion zu produzieren.
       
       ## Umweltexpertin übt Kritik
       
       Wird sich der Stil der Mode damit ändern – weg von schnelllebigen Trends
       hin zu Jeans, wenn auch nicht fürs Leben, doch für ein paar Jahre? „Wer es
       damit ernst meint“, sagt Anna Hanisch, Referentin für Kreislaufwirtschaft
       beim Umweltverband Nabu, „muss klare Kriterien für die Umweltfreundlichkeit
       und die entsprechende Staffelung der Gebühren vorgeben.“ Das sei aber nicht
       vorgesehen, stattdessen solle das eine Entscheidung der Organisationen der
       Herstellerverantwortung selbst bleiben, welche Preise sie festlegen.
       
       Die Folgen seien bekannt, meint Hanisch: „Die Industrie muss sich ja auch
       schon lange um ihre Plastikverpackungen kümmern, wenn die nicht mehr
       gebraucht werden“ – den Müll im Gelben Sack. Die Vorgaben seien ähnlich wie
       jene, die für die Textilwirtschaft kommen sollten. Hanisch: „Am Ende
       entscheiden sich die Hersteller immer für das billigste Angebot mit den
       geringsten Aufschlägen, für Ex-und-Hopp.“
       
       Hanisch wird nicht die einzige sein, die nun eine Stellungnahme schreibt.
       Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sprach bereits
       von einem „unkalkulierbaren Milliardenrisiko“. Das Gesetz muss bis zum 17.
       Juni 2027 in Kraft treten. Wer weiß, was für eine Jeansform dann trendet.
       
       27 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Modewoche-in-Berlin/!5313424
 (DIR) [2] /Umgang-mit-Alttextilien/!6138228
 (DIR) [3] /Neue-Altkleider-Verordnung-der-EU/!6056760
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hanna Gersmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Modebranche
 (DIR) Recycling
 (DIR) Müll
 (DIR) Fast Fashion
 (DIR) Mode
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) klimataz
 (DIR) Kleidung
 (DIR) Fashion
 (DIR) Mode
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Umgang mit Alttextilien: Die Kosten alter Jeans und Pullis
       
       Immer mehr Klamotten auf dem Markt: Künftig müssen sich die Hersteller von
       Kleidung an den Entsorgungskosten beteiligen. Das weckt Begehrlichkeiten.
       
 (DIR) Rückkehr der 2010er-Mode: Hotpants und andere Verirrungen
       
       Mini- und Skinny-Jeans verraten es: Die 2010er-Jahre sind zurück – und
       machen mich nervös. Muss man das wirklich noch mal mitmachen?
       
 (DIR) Sommermode des mittelalten Mannes: Die Rache des Feinripps
       
       Als Kind trug unser Autor auch im Sommer Jeans. Jetzt schwitzt er darin nur
       – und erkennt im Unterhemd die Windel des älteren Mannes.