# taz.de -- Nachruf auf Roger von Gunten: Wer stirbt, muss nicht mehr malen
> Nach dem Krieg wagte eine Malergeneration in Mexiko den doktrinären
> Muralismo zu überwinden. Roger von Gunten wurde Teil davon. Ein Nachruf.
(IMG) Bild: Seltsame Formen, unverwechselbare Farben: Auch in der düsteren Phase der 1980er Jahre leuchten Roger von Guntens Gemälde
Ach je. Ein Nachruf auf den Künstler Roger von Gunten, am 29. März 1933 in
Zürich geboren und nun in Tepoztlán gestorben, muss auch kurz an die
Geschichte der mexikanischen Revolution erinnern. Die fing vor 100 Jahren
an, zu Ende zu gehen ist kulturhistorisch extrem wichtig, aber ebenso
unübersichtlich: War sie links, rechts, katholisch, antikolonial,
nationalistisch? Ach je.
Also kurz: Das von 1910 an im südlichsten Land Nordamerikas immer wieder
auflodernde Umsturz- und Neuordnungsgeschehen macht Mexiko zur
[1][Lieblingsprojektionsfläche] der [2][europäischen Avantgarden], für ihre
toxikomanen und sexuellen Fantasien, [3][ihre Kulturtheorien] [4][und ihre
Todessehnsucht]. Zugleich dient Kunst der multipolaren Revolution als
Massenmedium: Um 1920 appellierte der Maler Dr. Artl alias Gerardo Murillo
an die Kreativen des Landes, sich in ihren Dienst zu stellen.
Dieser Ruf zu den Pinseln hat zu atemberaubenden Wandbildern nicht nur von
Diego Rivera und José Orozco geführt. Sie künden an öffentlichen Gebäuden,
in Treppenhäusern und Innenhöfen von der spanischen Unterdrückung, den
Göttern der Maya und den Sagen der Azteken. Der Muralismo verhilft der
politischen Umwälzung Rückhalt im Volk und einen für alle lesbaren Überbau.
Europäer lieben diese edelwilde Kunst auch in den 1950ern noch, so
exotisch! Und so authentisch! Auch Roger von Gunten, der nach dem
Kunststudium bei Johannes Itten in Mexiko ankommt, sein Geld verplempert
und dann dort hängen bleibt, erliegt zunächst ihrem Zauber. Dabei hat sie
sich unauflösbar mit der unerbittlichen Herrschaft der Partei der
Institutionalisierten Revolution verbunden und ist längst zur Doktrin
geronnen.
## Trotzkis verhinderter Mörder
„No hay más ruta que la nuestra“ heißt die programmatische Schrift ihres
Chefideologen [5][David Alfaro Siqueiros]: „Es gibt keinen anderen Weg als
unseren“. Im Mai 1940 hatte er Leo Trotzki nachts überfallen, um ihn zu
erschießen. Aber der bei Stalin in Ungnade gefallene und nach Mexiko
geflüchtete sowjetrussische Revolutionär war rechtzeitig aufgewacht und
hatte sich verschanzt. Zehn Jahre später wird die Biennale von Venedig
Siqueiros als Vertreter einer kämpfenden, humanistisch orientierten Kunst
dennoch huldigen.
Die Kreativen der Nachkriegsgeneration, zu denen von Gunten 1957 stößt,
sind anders drauf. Sie wollen der nationalen Abschottung und dem staatlich
regulierten Ausstellungszulassungsbetrieb entrinnen. Neugierig schauen sie
auf das, was in der übrigen Welt passiert: Informel, Abstraktion,
Happenings, das ließe sich doch alles auch gut in Mexiko realisieren.
Ist das schon ein Bruch? Auf den späteren Literaturnobelpreisträger
[6][Octavio Paz geht der etwas übertriebene Name „Generacíon Ruptura“] für
die vielköpfige Bewegung zurück. Er bleibt hängen. Ihr Herz ist die
bildende Kunst. Auch die Literatur nimmt ihre Impulse auf, [7][Carlos
Fuentes], Paz oder Juan García Ponce etwa, auch Gabriel García Marquez
suchen ihre Nähe. Dabei gibt’s keine gemeinsame Ästhetik: „Stilistisch
betrachtet waren wir keine Gruppe“, erklärte von Gunten rückblickend.
## Prügeln mit Gemälden
Die Einheit der Individualist*innen erwächst aus dem gemeinsamen
gesellschaftlichen Anliegen, anerkannt zu werden, als legitime Position
jenseits der Muralisten-Schule. Weil diese eine so innige Verflechtung von
Kunst und Einparteien-Staat verkörpert, reicht das schon für einen Skandal:
Am 1. April 1966 eröffnet im Palacio de Bellas Artes in Mexiko-Stadt die
Ausstellung „Confrontacíon 66“. Die Vernissage endet in einer
Riesenprügelei, ausgetragen mit Gemälden als Waffen. „Es war ein Desaster“,
so von Guntens Erinnerung.
Einwanderer wie Myra Landau aus Bukarest oder Vicente Rojo Almazán aus
Barcelona hatten sich ganz selbstverständlich als Akteure dieser jungen
Szene fühlen dürfen, der in Calgary aufgewachsene Arnold Belkin avanciert
sogar zum Chef einer Art Unterströmung. Solche Leader-Ambitionen sind Roger
von Gunten fremd: Er sucht und findet nur den eigenen Stil.
Den prägen wie gebatikt wirkende organische Formen, die oft nur vage an
Gegenstände erinnern, manchmal aber dann doch der Versuchung nachgeben,
Blüte zu werden, Schlange oder Baum. Das Frappierendste bleiben jedoch die
lichten Farben: Keine Ahnung, welche Pigmente er da nutzt. Aber sowohl Öl
als auch Akryl erscheinen bei ihm durchsichtig, wie Aquarell, selbst noch
in der dunklen Periode der 1980er.
Die überschattet ein existenzbedrohender Streit, der bis 2004 andauert. Per
Vertrag hatte sich der Maler 1981 von einem Galeristen die Produktion eines
TV-Films und den Aufbau einer „Colección von Gunten“ zusichern lassen. Die
Gegenleistung: Bilder. Bloß wurden die 116 treu abgelieferten Gemälde dann
doch einfach verscheuert, nicht gesammelt und die Doku nie ausgestrahlt.
Als sich von Gunten nach zwei Jahren weigert, weitere Werke abzugeben, wird
er verklagt – und schließlich gerichtlich zum Malen verurteilt.
Also schafft er – es ist inzwischen 1993 – die Serie „Espejo“, also
„Spiegel“. [8][Sie besteht aus 19 Schrift-Bildern, Acryl auf Leinwand, alle
180 mal 150.] Sie bilden einen zusammenhängenden Text. Der handelt davon,
dass eine „raffgierigen Person“ seinen Urheber in einem „Netz aus Lügen und
Täuschungen“ gefangen habe. „Ich malte diese 19 Gemälde“, heißt es auf dem
ersten Tableau, „um der Anordnung des Obergerichts zu genügen“.
## Erschreckendes Urteil
Ein tolles Werk. Aber der Galerist verweigert die Annahme – und bekommt
wieder Recht: Die Arbeiten seien ja nicht in dem Stil gehalten, den von
Gunten zur Zeit des Vertragsabschlusses 1981 pflegte. Auch dürfe ein
Künstler „sein Werk nicht auf einer persönlichen Erfahrung aufbauen“ (no
puede basar su obra en una vivencia personal). Diese bizarre und
erschreckende Auffassung wird 2004 letztinstanzlich bestätigt.
Die New York Times [9][hatte den Espejo-Zyklus „Artist’s Revenge“ genannt].
Dem hat von Gunten stets widersprochen. „Espejo war meine Möglichkeit, die
Ungerechtigkeit zu zeigen.“ In einem späten Interview [10][sagte er, und
das klang auf schöne Weise gelassen, es sei ja geradezu wunderbar,]
maravilloso, dass dies ausgerechnet durch Zwang möglich wurde. Auch den hat
er nun hinter sich gelassen. Gestorben ist Roger von Gunten bereits am 18.
Februar. Die Nachricht hat Europa erst vor wenigen Tagen erreicht.
30 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.andrebreton.fr/en/series/187
(DIR) [2] https://www.moviepilot.de/movies/que-viva-mexico
(DIR) [3] https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/mexiko.html
(DIR) [4] https://allenginsberg.org/2022/09/the-death-of-joan-burroughs/
(DIR) [5] /Aufklaerung-durch-Schrecken/!1490507&s=Siqueiros/
(DIR) [6] /Zeiten-der-Abwesenheit/!1716482&s=octavio+paz/
(DIR) [7] /Pathologe-der-Macht/!591730&s=Carlos+Fuentes/
(DIR) [8] https://www.jornada.com.mx/1999/05/11/cul-roger.html
(DIR) [9] https://www.nytimes.com/1996/04/03/world/mexico-city-journal-here-s-paint-in-your-eye-or-the-artist-s-revenge.html
(DIR) [10] https://www.cronica.com.mx/notas-en_mi_obra_hay_cambios_pero_nunca_rupturas_asegura_roger_von_gunten-1019224-2017.html
## AUTOREN
(DIR) Benno Schirrmeister
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