# taz.de -- Buch über „Kybernetik und Kritik“: Kybernetische Maschinen regieren bald die Welt
       
       > Wenn der Staat antizipiert, was in der Gesellschaft vor sich geht:
       > Anna-Verena Nosthoff formuliert eine Theorie digitaler Regierungskunst.
       
 (IMG) Bild: Mit dem Putsch von 1973 endete in Chile das Experiment, die Wirtschaft des Landes kybernetisch zu steuern
       
       Regelkreise passen ihr Verhalten anhand von Feedbackmechanismen an ihre
       Umgebung an; Systeme lassen sich über Kommunikation steuern; Maschinen
       berechnen Flugbahnen feindlicher Flugzeuge, um sie in letzter Konsequenz
       abzuschießen: Die Kybernetik bringt Mitte des 20. Jahrhunderts als
       Universalwissenschaft der Kommunikation und Kontrolle Blaupausen für
       Konzepte hervor, die heute wieder an Relevanz gewinnen.
       
       Anna-Verena Nosthoff, Juniorprofessorin für Ethik der Digitalisierung an
       der Universität Oldenburg, zeichnet in ihrer nun veröffentlichten
       Dissertation „Kybernetik und Kritik“ die Geschichte dieser schillernden
       Denkschule nach. Dabei konzentriert sie sich besonders auf Verästelungen
       der Kybernetik, die Vorstellungen von Regierungsweisen beeinflusst haben.
       
       Als wissenschaftliche Strömung will die Kybernetik Lücken zwischen den
       Natur- und den Humanwissenschaften schließen. Aus einem Kreis von
       Wissenschaftler*innen, die sich Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre
       auf den Macy-Konferenzen austauschen, findet die Kybernetik bald auch in
       Psychologie, Soziologie, Architektur, Kunst und in Kommunikationstheorien
       Anwendung.
       
       ## Programm zur kybernetischen Steuerung eines Staates
       
       Nosthoff zeichnet diskursanalytisch nach, wie sich Ideen verschiedener
       Protagonist*innen der Kybernetik gegenseitig befruchten und welche
       Formen sie annehmen. Daraus liest sie Muster ab, die sich heute in
       Diskursen rund um die großen Tech-Unternehmen, deren digitale Plattformen
       und ihre Regierungsnähe wie auch den Wirbel um KI abbilden.
       
       Machine Learning, Musterbildung und -erkennung, die Dialogfähigkeit
       künstlicher Intelligenz – all das ist in der Geschichte der Kybernetik
       schon angelegt. Automatisierte Informationsflüsse zwischen Menschen und
       Technologien, Befürchtungen, dass Roboter den Menschen ihre Arbeit
       wegnehmen werden, auch diese Probleme wurden bereits im Rahmen der
       Kybernetik und der Technisierung von Gesellschaften diskutiert.
       
       Ein Programm zur kybernetischen Steuerung eines ganzen Staates stellte
       Chile Anfang der 1970er Jahre unter Salvador Allende auf. Berühmt sind die
       dazugehörigen Bilder eines menschenleeren Kontrollraums, von dem aus die
       Geschicke der chilenischen Wirtschaft gesteuert werden sollten. Die Autorin
       sieht darin ein Beispiel für das, was sie feedbacklogische Staaten nennt.
       
       ## Feedback ist ein Medium sozialer Kontrolle
       
       Feedback wiederum, und hier zitiert die Aurorin den Philosophen Jean
       Baudrillard, ist als Medium sozialer Kontrolle zu verstehen. Wir verwenden
       es heute jeden Tag in Konversationen oder für Bewertungen in den sozialen
       Medien. Als kybernetisch benennen wir es allerdings nicht.
       
       Das liegt laut Nosthoff daran, dass die Kybernetik nach ihrem Hype dazu
       tendierte, sich selbst unsichtbar zu machen. So forschte beispielsweise
       Alex Pentland, der Erfinder von Google Glass, am Human Dynamics Lab des
       MIT. Zwar hantierte man dort mit kybernetischen Prinzipien. Allerdings
       gehörte es beinahe schon zum guten Ton, die Kybernetik nicht als
       Ideengeberin zu benennen. Ähnliches gilt für den Architekten und
       Informatiker Nicolas Negroponte, der automatisiert ablaufende Regelungs-
       und Ordnungsmechanismen auf Menschen angewandt wissen wollte. Die
       Kybernetik floss so als Strömung im kulturell Unbewussten weiter.
       
       Im kybernetischen Kapitalismus werden unsere Entscheidungen zur
       Lerngrundlage für die KI von heute und morgen. Wenn wir unsere
       Interaktionen und Erfahrungen den Plattformen zur Verfügung stellen,
       antizipieren sie unser Verhalten und legen uns vermeintlich passende
       Lösungen für unsere Probleme nahe. [1][Wenn die Gesellschaft ihr Wohl und
       Wehe in die Hände einiger weniger gibt, finden Machtkonzentrationen statt,
       die kybernetische Regierungsformen in Zukunft möglicher erscheinen lassen].
       Ein algorithmisch antizipierender Staat könnte so Kritik einebnen, bevor
       sie überhaupt geäußert wird, warnt die Autorin.
       
       17 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Anna-Verena-Nosthoff-ueber-KI/!6163130
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Ebeling
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Technologie
 (DIR) Mensch-Maschine-Beziehung 
 (DIR) Regierung
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Architektur
 (DIR) Wohnungsbau
 (DIR) Internet
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Vordenker der Smart City: Die Stadt in der Feedbackschleife
       
       Weltweit arbeitet man an der Smart City. Viele Ideen wie die kybernetischen
       Entwürfe von Nicolas Schöffer sind aus der Avantgarde des 20. Jahrhunderts.
       
 (DIR) Buch über Politisierung der Stadtplanung: Kybernetik und Revolte
       
       „Umstrittene Methoden“ heißt das Buch des Architekten Jesko Fezer. Er
       untersucht, wie Design und Stadtplanung in den 1960ern politisiert wurden.
       
 (DIR) 25 Jahre Le Monde diplomatique: Alarm im Cyberspace!
       
       1995, im Geburtsjahr des Internet Explorer 1.0, macht sich ein Philosoph
       Gedanken über die gesellschaftlichen Folgen der virtuellen Globalisierung.