# taz.de -- Die Wahrheit: Was ist das verdammte Datum?
       
       > Religiöse Feste und ihre merkwürdigen Bedeutungen können erhebliche
       > Auswirkungen auf Normalsterbliche wie Musikkritiker haben.
       
       Ein paar Monate nach seinem Tod erschien im September 2016 das letzte Album
       von Prince. Für eine große deutsche Wochenzeitung sollte ich es
       „besprechen“, wie wir Musikkritiker sagen. Zu diesem Zweck musste ich mich
       bei einem spezialisierten Streaming-Dienst in den USA anmelden, der
       interessierten Journalisten die Musik vorab zur Verfügung stellt. Ich war
       spät dran, aber guter Dinge. Normalerweise geht so was sehr schnell.
       Diesmal nicht. Denn im fraglichen Zeitraum war der Dienst irgendwie „down“,
       und zwar wegen „holiday“, genauer: wegen Rosch Haschana. Augenscheinlich
       wurde der Stream von orthodoxen Juden angeboten.
       
       An Rosch Haschana feiern die Israeliten für zwei Tage die Geburt des
       Universums und damit das jüdische Neujahrsfest, an dem das Widderhorn
       geblasen und Rosinenbrot gegessen wird, aber nicht gearbeitet werden darf –
       was offenbar auch für Server im Internet gilt. Jedenfalls erfuhr ich auf
       diese Weise erstmals von der Existenz jenes spirituellen Spektakels. Meinen
       Text gab ich schließlich mit empfindlicher Verspätung ab, und meinen Job
       bei der großen Wochenzeitung war ich dann auch bald los. Schöne Scheiße.
       
       Es wäre nett, mein inneres Augenrollen nicht als Antisemitismus zu
       interpretieren. Tatsächlich handelt es sich nur um einen gewissen
       Anti-Abrahamismus, der den Atheisten erst zum Atheisten macht. Wer die
       entsprechenden Feierlichkeiten mit Ernst und Inbrunst begehen möchte, hat
       meinen säkularen Segen. Mir persönlich aber gehen Eid al-Fitr, Eid a-Adhah
       oder Lailat a-Qadr ebenso weit am Arsch (drei Meter sechzig) vorbei wie
       Weihnachten, Ostern oder Pfingsten.
       
       ## Kalendarische Orientierung
       
       Wobei, das stimmt nicht ganz. Christliche Feiertage sind mir die
       Allerlästigsten, weil sie auch von religionsfernen Zeitgenossen wie
       selbstverständlich zur kalendarischen Orientierung benutzt werden. Ich kann
       und will mir nicht merken, wann genau jemand gebenedeit oder auferstanden
       sein soll. Wann genau kommen unsere Freunde zu Besuch? „An Karfreitag!“
       Wann wollten wir diese Motorradtour in den Vogesen machen? „Über
       Pfingsten!“ Wann fliegt meine Schwester nach Teneriffa? „An Christi
       Himmelfahrt!“ What the fuck? Was ist das verdammte Datum?
       
       Inzwischen schlage ich zurück. Für wann genau hatten wir noch mal die
       Karten für die Oper? „Oh, an Mariä Empfängnis! Schon vergessen? Oder war’s
       Mariä Verkündigung?“ Wann wollten wir Wandern gehen? „Am Palmsonntag oder
       Gründonnerstag. Es könnte auch Trinitatis oder Epiphanias gewesen sein!“
       Steht nicht bald der Großputz an? „Klar! An Fronleichnam, Totensonntag und
       Buß- und Bettag!“ Wann war doch gleich der Gedenktag Unserer Lieben Frau in
       Jerusalem? „Ganz konkret? Am Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem!“
       
       Die letzte Platte von Prince erschien übrigens an einem 14. September, also
       an Kreuzerhöhung, und war natürlich eine Offenbarung.
       
       27 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arno Frank
       
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