# taz.de -- Fußball-WM ohne Italien?: Spiele gegen die Angst
> Italien könnte zum dritten Mal in Folge die WM verpassen. Gegen
> Nordirland hofft man nun ausgerechnet auf Tugenden wie Kampf, Einsatz und
> Fleiß.
(IMG) Bild: Trainer Gennaro Gattuso schaut seinem jungen Stürmer Francesco Pio Esposito genau auf die Füße
Das Wort Nord löst bei den Fußballfans in Italien keine guten Gefühle aus.
Die Nordkoreaner waren es, die 1966 mit einem schmucklosen 1:0 Italien aus
dem WM-Turnier in England kegelten. Immerhin durfte die Squadra Azzurra da
noch bei dem großen Turnier mitspielen. Fast auf den Tag genau vor vier
Jahren war es Nordmazedonien, das den Italienern, damals amtierende
Europameister, überhaupt den Weg zur WM nach Katar versperrte.
Nicht besser sind die Assoziationen mit dem geografischen Norden. Die
Schweden brachte Italien um die WM-Teilnahme in Russland 2018. Dass das
Fußballland nun zum dritten Mal in Folge um die WM bangen muss, hat auch
mit den Niederlagen in der Qualifikation gegen Norwegen (0:3 und 1:4) zu
tun. Dann eliminierte der norwegische Provinzklub Bodo Glimt vor wenigen
Wochen Serie-A-Tabellenführer Inter Mailand aus der Champions League. Und
jetzt kommt es in den WM-Playoffs zur Begegnung mit Nordirland.
Die Angst vor einem Scheitern grassiert. Vor allem natürlich im
italienischen Blätterwald. „Es geht um ein beträchtliches Stück Geschichte.
Italien darf nicht zum dritten Mal hintereinander eine Endrunde verpassen“,
mahnte etwa die Tageszeitung Corriere della Sera.
Die Spieler versuchen Optimismus zu verbreiten. „Wir wissen um die
Wichtigkeit, aber wir müssen so unbeschwert wie möglich bleiben“, mahnte
Innenverteidiger [1][Riccardo Calafiori] vom Premier-League-Tabellenführer
FC Arsenal. Und er versuchte die dunklen Gedanken über das mögliche
Scheitern so wegzuwischen: „Es ist nicht der Moment, zu viel über den
Gegner nachzudenken. Es hängt vor allem von uns selbst ab.“
## „Ohne jeden Funken Genialität“
[2][Trainer Gennaro Gattuso] versicherte derweil: „Ich habe großes
Vertrauen in die Gruppe. Wir müssen uns voll auf das Match am Donnerstag
konzentrieren.“ Es fällt unterdessen auf, dass im Vorfeld sehr wenig über
die spielerischen Qualitäten des Ensembles oder auch die Finessen des
Trainers Gattuso gesprochen wird. Ganz im Gegenteil. Das Fachmagazin
Rivista Undici watschte die Nationalelf nach dem Scheitern in der direkten
Qualifikation ab. „Offensiv ausrechenbar und leicht zu verteidigen,
defensiv anfällig, im Mittelfeld zwar dynamisch und von guter Qualität,
aber ohne jenen Funken Genialität, der den Lauf eines Spiels von einem
Moment auf den anderen verhindern kann.“
Die Analyse stimmt weiterhin. Gattuso hat keinen Spieler für die genialen
Momente gefunden. Der Einzige, dem man dies zutrauen könnte mit
italienischem Pass, Marco Verratti, ist erstens abgetaucht in der
katarischen Liga und plagt sich zweitens mit Knieproblemen herum.
Verletzungsbedingt musste auch der unberechenbare Flügelstürmer Federico
Chiesa absagen. Der Kader ist dennoch gut, mit Weltklassekeeper Gianluigi
Donnarumma ganz hinten, dem derzeit zu Europas Besten gehörenden
Schienenspieler Federico Dimarco, dem immerhin gepflegt kombinierenden
Mittelfeld um Nicolò Barella sowie der neuen Stürmerhoffnung [3][Francesco
Pio Esposito], die Letzteren drei alle von Tabellenführer Inter Mailand.
Die Meriten des Trainers Gattuso sind allerdings recht überschaubar. Eine
eigene Handschrift hat er in seiner Laufbahn bei Palermo, Kreta, Pisa,
Mailand, Neapel, Valencia und Split nicht entwickelt. So werden derzeit die
Sekundärtugenden herausgestellt. Im Falle Gattusos ist dies vor allem der
Fleiß. 80 Flieger habe er gebucht, um seine Spieler in den verschiedensten
Ligen live zu sehen, notierte der Corriere. Noch ausführlicher erläuterte
die Plattform Tuttomercatoweb, dass Gattuso und seine Mitarbeitenden seit
Ende der Gruppenphase in der Qualifikation 380 Matches besucht hätten, 259
von möglichen 300 der Serie A, dazu 62 Begegnungen in den europäischen
Wettbewerben Champions League, Europa League und Conference League, 32 bei
anderen nationalen Meisterschaften, dazu noch einige Pokalspiele im In- und
Ausland.
Mit der Reisetätigkeit verbunden war etwas, das zum Klischee italienischer
Lebensart geronnen ist: das ausgedehnte kollektive Abendessen. Gattuso
nutzte die Ausflüge für gemeinsame Essen mit seinen Spielern. Die
goutierten das auch. „Es war einfach wichtig, dass wir zusammen waren. Wir
hatten ja keine Gelegenheit, gemeinsam zu trainieren. Deshalb haben wir
viel miteinander gesprochen“, erzählte etwa Calafiori.
Die Hoffnung ist nun groß, dass der frühere Mittelfeldterrier Gattuso der
jüngeren Generation die Leidenschaft für den Kampf um jeden Ball und jeden
Meter Raum vermittelt hat, die ihn einst selbst im Starensemble des AC
Mailand auszeichnete. Aus der Frage, ob das reicht, speist sich wiederum
die große Angst.
25 Mar 2026
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