# taz.de -- Argentinische Militärdiktatur: Der Kampf der Narrative
> Zum 50. Jahrestag der Militärdiktatur ist Argentinien gespalten. Die
> einen fordern eine lückenlose Aufklärung, die Milei-Regierung sieht das
> anders.
(IMG) Bild: Wo sind die Verschwundenen? Hunderttausende fordern Aufklärung bei einer Kundgebung zum 50. Jahrestag des Militärputsches
Hunderttausende Menschen in ganz Argentinien gedachten am Dienstag des 50.
Jahrestages des Militärputsches und der Opfer der Diktatur. Mit Fotos von
Verschwundenen in den Händen gingen sie auf die Straßen und Plätze und
forderten Aufklärung über deren Verbleib. Die größte Demonstration fand auf
der Plaza de Mayo vor dem Präsidentenpalast im Zentrum von Buenos Aires
statt. Überall prangte der Schriftzug „Nunca Más – Nie wieder“. Besonders
auffällig war die große Anzahl junger Menschen unter den Teilnehmenden.
Am 24. März 1976 hatte sich das Militär an die Macht geputscht. Es folgte
eine als Prozess der nationalen Reorganisation bezeichnete Herrschaft,
[1][unter der politische Gegner*innen gnadenlos verfolgt] wurden und
[2][eine radikal neoliberale Wirtschaftspolitik] eingeführt wurde.
Einem offiziellen Bericht zufolge wurden während der bis 1983 andauernden
Diktatur mehr als 10.000 Menschen entführt und ermordet.
Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl der Opfer auf 30.000. Viele
von ihnen sind noch immer verschwunden. Die Leichen dieser Opfer wurden vom
Militär an geheimen Orten verscharrt oder bei den sogenannten Todesflügen
ins Meer geworfen.
Die Regierung des libertären Präsidenten Javier Milei beschränkte sich auf
die Veröffentlichung eines [3][Videos], mit dem sie erneut ihre Haltung der
„vollständigen Erinnerung“ bekräftigt. Das 74-minütige Video beginnt mit
einer harschen Kritik an den Vorgängerregierungen, die öffentliche Gelder
missbraucht hätten, um eine einseitige Erzählung der Geschehnisse
durchzusetzen und dabei „Tausende Opfer staatlicher, paramilitärischer und
terroristischer Guerillaaktionen ignoriert, marginalisiert und zum
Schweigen gebracht“ hätten.
## Theorie der zwei Dämonen
Im Anschluss schildern in dem Video zwei verschieden Betroffene ihre
Geschichte. Zunächst Miriam Fernández, das 127. Enkelkind, das von den
Großmüttern der Plaza de Mayo gefunden wurde. Die Großmütter der Plaza de
Mayo suchen seit Jahrzehnten nach den während der Militärdiktatur geraubten
Babys von Verschwundenen.
Danach spricht Arturo Larrabure, Sohn von Argentino Larrabure, einem
Offizier, der 1974 von der Revolutionären Volksarmee (ERP) entführt und
mehr als 370 Tage später tot aufgefunden wurde. Offensichtlich versucht die
Regierung, die „Theorie der zwei Dämonen“ wiederzubeleben, mit der Aktionen
von linken Guerillagruppen mit dem Staatsterrorismus der Militärdiktatur
gleichgesetzt werden. Am Ende rufen sowohl Larrabure als auch Fernández zur
Versöhnung auf.
„Es sind 30.000! Es war und ist Völkermord. Wir vergessen nicht, wir
vergeben nicht und wir versöhnen uns nicht!“, heißt es dagegen in der
Erklärung, die am Dienstag vor Zehntausenden auf der überfüllten Plaza de
Mayo verlesen wurde. „Wir sind auf diesem Platz, mit den 30.000
(Verschwundenen) als unserem Banner, um Milei zu sagen: ‚Die Erinnerung ist
unser Werkzeug.‘ ‚Que digan dónde están‘“, skandierten die Anwesenden. Die
Militärs sollen sagen, wo die Verschwundenen sind.
## Forderung nach Öffnung aller Archive
Gefordert wurde auch die vollständige Öffnung aller staatlichen Archive aus
den Jahren 1974 bis 1983, [4][um die Ermittlungen gegen die
Verantwortlichen dieser Verbrechen voranzubringen]. Nach den jüngsten
Angaben der Staatsanwaltschaft für Verbrechen gegen die Menschlichkeit
wurde seit Aufhebung der Amnestiegesetze im Jahr 2005 gegen insgesamt 3.873
Personen ermittelt, von denen inzwischen 1.750 verstorben sind.
1.202 Personen wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt.
539 Personen befinden sich derzeit in Haft, davon 454 unter Hausarrest.
Landesweit finden derzeit 13 öffentliche Gerichtsverfahren statt. Weitere
60 Fälle wurden zur Hauptverhandlung zugelassen, während sich 280 Fälle im
Ermittlungsverfahren befinden.
25 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /50-Jahre-Militaerputsch-in-Argentinien/!6165132
(DIR) [2] /Argentinien-50-Jahre-nach-dem-Putsch/!6165054
(DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=t7m5Ttc-SCc&embeds_referring_euri=https%3A%2F%2Fwww.clarin.com%2F&source_ve_path=Mjg2NjY%5D
(DIR) [4] /50-Jahre-Militaerputsch-in-Argentinien/!6164282
## AUTOREN
(DIR) Jürgen Vogt
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