# taz.de -- Überfischte Krebsart in dm-Produkten: Ausgekrillt?
       
       > Die Drogeriekette dm will keine Produkte mehr anbieten, die die
       > überfischte Krebsart Krill enthalten. Aber warum so kleinlaut?
       
 (IMG) Bild: Optisch unscheinbar, ganz schön klein, aber auch ganz schön wichtig: antarktischer Krill
       
       Europas größte Drogeriekette [1][dm] verabschiedet sich von Produkten auf
       Basis der überfischten Krebsart Krill. Das teilte eine Sprecherin von dm
       der Umweltorganisation Sea Shepherd Ende Februar mit. Das Schreiben liegt
       der taz vor. Im vergangenen Jahr habe das Unternehmen beschlossen, „Krillöl
       nicht mehr in unseren Eigenmarkenprodukten zu verwenden“, steht da.
       „Darüber hinaus haben wir Krillölprodukte anderer Hersteller aus unserem
       Sortiment genommen. Diese Produkte werden derzeit abverkauft.“
       
       Allerdings steht weiter oben noch ein anderer Satz: „Die Wünsche und
       Bedürfnisse unserer Kunden stehen im Mittelpunkt unseres Handelns.“ Moment,
       gar nicht die Vermeidung eines drohenden Ökosystemkollapses durch die
       Krillüberfischung? Der Satz liest sich wie ein großes Vielleicht.
       
       Krill also. Leuchtgarnelen, etwa so groß wie Heftklammern. Von ihnen
       ernähren sich Wale, Robben, Seevögel oder Pinguine. Antarktischer Krill
       transportiert außerdem Eisen in die lichtdurchfluteten Oberflächenzonen des
       Meeres, in denen der Nährstoff sonst rar wäre – obwohl er beispielsweise
       für das Wachstum von Algen zentral ist. Die wiederum binden bei der
       Fotosynthese Kohlenstoff, sind also natürliche Klimaschützer.
       
       Genau wie der Krill selbst: Er ernährt sich hauptsächlich von pflanzlichem
       Plankton. Der darin enthaltene Kohlenstoff sinkt im Krillkot auf den
       Meeresboden ab – damit bindet Krill rund 23 Millionen Tonnen Kohlenstoff im
       Jahr. Mit Blick auf die Biomasse sehen Meeresforscher in ihm den
       erfolgreichsten Organismus der Erde.
       
       ## Der Hunger auf Krillöl
       
       Wäre da nur nicht der Mensch, der Krill mit dem Klimawandel und einem
       steigenden Gesundheitsbewusstsein bedroht. In der Gastronomie ist Krill
       zwar nicht so richtig gelandet, aber der Hunger auf die im Krillöl
       enthaltenen Omega-3-Fettsäuren hat eine Menge Nahrungsergänzungsmittel in
       Supermarktregale und Drogerien geschwemmt.
       
       [2][Krillöl erwirtschaftete im vergangenen Jahr 932 Millionen US-Dollar].
       Bis 2034, so schätzen Marktanalysen, könnten es 2,43 Milliarden werden. In
       Europa ist Deutschland der größte Markt für Nahrungsergänzungsmittel. Den
       meisten Krill fangen Norweger (rund 55 Prozent) und [3][verwenden sehr viel
       davon als Futter für Lachsfarmen]. Der chinesische Markt wächst rasch.
       
       Die Verheerungen des Krillfangs sind abzusehen: Schon jetzt gehen
       Schwangerschaften von Bartenwalen zurück, bis zu 86 Prozent im Vergleich zu
       Jahren, in denen wenig Krill gefischt wurde. Pinguinpopulationen haben sich
       erheblich reduziert in den vergangenen 40 Jahren. Forscher warnen vor einem
       ökologischen Kollaps durch einen Krillmangel im Meer.
       
       In der Wirtschaft interessiert das bisher kaum jemanden. Ein wenig bewegt
       sich aber doch: Im März 2018 verkündete Holland & Barrett den Ausstieg aus
       Krillprodukten. Das Unternehmen ist die größte Verkaufskette von
       Gesundheits- und Wellnessprodukten in Großbritannien. Greenpeace hatte den
       Konzern unter Druck gesetzt. Vier Jahre später stieg Holland & Barrett
       allerdings doch wieder ins Geschäft ein – mit dem Versprechen, nur noch
       Krill zu vertreiben, der nicht um die antarktische Halbinsel gefischt
       werde, „um Schäden am empfindlichen Ökosystem zu verhindern“.
       
       Wieder dreieinhalb Jahre später entdeckte Holland & Barrett, was ihm von
       Umweltschützern bereits erklärt worden war: Umweltschonend gefangener Krill
       ist Etikettenschwindel. Ob sie ihm aufgesessen waren oder ihn in Kauf
       nahmen, bleibt unklar.
       
       Zu Beginn der noch laufenden Krillsaison jedenfalls [4][veröffentlichte]
       Holland & Barrett nun den endgültigen Rückzug aus dem Krillgeschäft und
       einen Abverkauf der Produkte bis in den April: „Wir unternehmen einen
       großen Schritt zum Schutz der fragilen antarktischen Ökosysteme, die das
       globale Wohlbefinden erhalten.“
       
       ## dm bleibt vage
       
       Zurück zu dm, dem weltweit drittgrößten Player der Branche. Gerüchte, dass
       dm von Krillprodukten Abstand nehmen wolle, gibt es schon länger. Aber auch
       jetzt, wo das Unternehmen sie gegenüber Sea Shepherd bestätigt hat, hält es
       den Ball in der Öffentlichkeit flach: keine Kampagne, keine
       Pressemitteilung.
       
       Wer beharrlicher nachfragt, ob die Gerüchte denn stimmten, bekommt von
       einer dm-Sprecherin eine vage Erklärung: Das Unternehmen wolle keinen Druck
       auf Produzenten ausüben. Auskünfte darüber, wie groß das Marktsegment
       Krillöl für dm ist oder was die Entscheidung vorantrieb, darauf zu
       verzichten, gibt es nicht. Auch, warum der Abschied sich so leise
       vollzieht, will das Unternehmen nicht erklären.
       
       Schließlich lässt sich dm doch für klitzekleine Momente in die Karten
       schauen. Ein Sprecher antwortet schriftlich, dass Produkte sich generell
       auf der begrenzten Regalfläche „behaupten“ müssten. Die Entscheidung,
       einzelne Dinge im Sortiment auszulisten, falle ins Ressort für Beschaffung.
       Und das habe nun festgestellt, dass pflanzliche Alternativen beliebter
       seien als Krillölkapseln. Und weil, möchte dm zitiert werden, „unsere
       Regalplätze begrenzt sind und wir ein nachfrageorientiertes
       Drogeriesortiment kuratieren, ist die Auslistung eine logische
       Schlussfolgerung. Auch aus ökologischen Gesichtspunkten ergibt diese
       Entscheidung für uns Sinn“.
       
       Daran ist manches heiter („kuratieren“) und eines ernst: Das Wörtchen
       „auch“ zeigt an, dass Umweltschutz vielleicht nur ein Nice-to-have ist. So
       bleiben alle Türen offen.
       
       24 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /dm/!t5009795
 (DIR) [2] https://www.fortunebusinessinsights.com/krill-oil-market-102465
 (DIR) [3] /Schutz-des-Lebens-in-der-Antarktis/!6114367
 (DIR) [4] https://www.linkedin.com/posts/holland-&-barrett_sustainability-protectantarctica-seashepherd-activity-7389591154989690881-nQHy
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lennart Laberenz
       
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