# taz.de -- Hashtag #alpinedivorce: Das Patriarchat in der Wildnis
       
       > Unter dem Hashtag #alpinedivorce berichten Frauen, wie sie von ihren
       > Partnern am Berg zurückgelassen wurden. Der Begriff ist verharmlosend.
       
 (IMG) Bild: Wenn das Patriarchat in der Natur erscheint
       
       Eine Frau erzählt, wie ihr Partner [1][plötzlich losrannte], um als Erster
       auf dem Gipfel zu sein. Eine andere, wie [2][ihr Mann sie anschrie], weil
       sie beim Wandern nicht mehr konnte. Eine dritte berichtet davon, wie sie
       [3][verletzt zurückgelassen] wurde und Panikattacken ertragen musste.
       
       Aktuell häufen sich in den sozialen Medien Berichte von Frauen, die beim
       Wandern und Bergsteigen von ihren männlichen Begleitern allein
       zurückgelassen wurden. Auslöser für diese Flut an teilweise sehr
       emotionalen Erfahrungsberichten ist der Fall von Kerstin G., für die eine
       solche Situation tödlich endete. [4][Sie erfror vor über einem Jahr beim
       Besteigen des Großglockners], nachdem ihr Partner ohne sie weiter den Berg
       bestiegen hatte. Im Februar wurde er von einem österreichischen Gericht
       wegen grob fahrlässiger Tötung für schuldig befunden.
       
       Während die einen bezweifeln, dass er wirklich für den Tod seiner Freundin
       verantwortlich gemacht werden kann, fordern andere eine höhere Strafe.
       Folgt man dem Hashtag #alpinedivorce, bekommt man das Gefühl, Männer ließen
       ihre Tourenpartnerinnen häufiger in der Wildnis allein. Als hätte das
       System. Darum hat das Phänomen einen Namen bekommen – nur leider keinen
       guten: alpine divorce, auf Deutsch „alpine Scheidung“.
       
       Der Begriff geht auf die gleichnamige Kurzgeschichte von Robert Barr aus
       dem Jahr 1893 zurück, in der ein Mann seine Ehefrau in den Bergen in den
       Tod stößt, um sie loszuwerden. Wer auf die Idee kam, dieses staubige Stück
       Literatur aus dem vorletzten Jahrhundert auszugraben, ist nicht bekannt.
       
       ## Toxische Männlichkeit in ihrer sportlichsten Form
       
       Klar ist aber, dass sein Titel nicht der realen Gewalt gerecht wird, von
       der manche Frauen erzählen. Eine Scheidung kann auch einvernehmlich, ganz
       ohne Trauma ablaufen. Mit der sogenannten alpinen Scheidung haben wir es
       aber mit einer extrem egoistischen Form patriarchaler Gewalt in der
       westlichen Welt zu tun, die einen angemessenen Namen braucht.
       
       Ich wohne in Oberbayern. Wenn ich aus dem Fenster schaue, blicke ich auf
       das Kaisergebirge. In unserem WG-Keller lagert ein Haufen an
       Bergsteigequipment. Ich weiß, wie es sich anfühlt, in einem Gelände, in dem
       dich ein falscher Schritt in den Tod stürzen könnte, auf die Expertise und
       die Erfahrung einer anderen Person angewiesen zu sein. Und ich finde:
       Alpine divorce ist eine sprachliche Verharmlosung. Es ist dasselbe Muster,
       nach dem Femizide blumig als Beziehungsdramen bezeichnet werden und nicht
       als das, was sie eigentlich sind: die Tötung von Frauen, weil sie Frauen
       sind.
       
       Im Alpinsport sterben mehr Männer als Frauen. So waren [5][im Jahr 2024 87
       Prozent] der österreichischen Todesfälle am Berg männlich. Laut Studien
       sind Männer [6][risikoaffiner] und [7][wettbewerbsorientierter], das
       könnten Gründe dafür sein. Es ist toxische Männlichkeit in ihrer
       sportlichsten Form. Damit hätten wir auch schon das Fundament, auf dem die
       Gewalt, der Frauen in den Bergen ausgesetzt sind, gedeiht.
       
       Eine viel passendere Bezeichnung für die traumatischen Erfahrungen wäre
       also: toxischer Alpinismus. Die Frauen, die ihm zum Opfer fielen, wirken
       oft fit und wie erfahrene Bergsteigerinnen. Doch vom eigenen Partner bei
       Nacht, im Schnee und erschöpft am Fels des höchsten Gipfels Österreichs
       zurückgelassen zu werden, darauf kann sich kein Mensch vorbereiten.
       
       Darum verstehe ich jede Person, die ab jetzt keine Lust mehr hat, mit
       Männern in die Berge zu gehen. Vielleicht wird der Berg dann auch mehr zu
       einem feministischen Raum. Einem Ort, an dem wir zwar nie ganz sicher vor
       dem Wetter, dem Fels und der Tiefe sein werden, aber – in weiblicher
       Begleitung – wenigstens vor den fahrlässigen Entscheidungen mancher Männer.
       
       26 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.tiktok.com/@everafteriya/video/7613029520878128415?_r=1&_t=ZG-94gIKYllD2u
 (DIR) [2] https://kurier.at/meinung/gastkommentare/alpine-divorce-erschoepfung-berg-alltag-grossglockner-scheidung-weltfrauentag/403138301
 (DIR) [3] https://www.tiktok.com/@notkijo/video/7610550067732155679?_r=1&_t=ZG-94gIIqS64Mj
 (DIR) [4] https://www.zdfheute.de/panorama/kriminalitaet/grossglockner-urteil-prozess-bergtour-frau-tot-100.html
 (DIR) [5] https://alpinesicherheit.at/alpinunfaelle-in-oesterreich-2024-ein-jahresrueckblick/
 (DIR) [6] https://assets.bergundsteigen.com/2021/08/56-63-das-geschlecht-laeuft-immer-mit.pdf
 (DIR) [7] https://www.spiegel.de/fitness/sportpsychologie-maenner-neigen-dazu-sich-durch-wettbewerb-anzutreiben-a-6c39d4c7-dc0f-46b5-839f-f4ce41949b63
       
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