# taz.de -- Buch über Fehler deutscher Außenpolitik: Mangel an politischer Vorstellungskraft
       
       > Es gilt, sich von alten Denkmustern zu verabschieden, meint Jörg Lau. In
       > seinem neuen Buch fordert er eine neue deutsche Außenpolitik.
       
 (IMG) Bild: Russlandfans hatten viele Entschuldigungen parat, als Putin 2014 den Donbas destabilisierte. Das Foto entstand 2015 in Horlivka
       
       Die internationale Ordnung zerbröselt rapide. In der alten hatte sich
       Deutschland bequem eingerichtet: Die USA garantierten da die Sicherheit,
       Russland lieferte billige Energie und China bot lukrative Absatzmärkte. All
       das ist vorbei. Jörg Lau, internationaler Korrespondent der Zeit, sieht
       Deutschland mit seiner Außenpolitik deshalb an einem Nullpunkt angekommen.
       Die jahrzehntelang kultivierte Politik, die auf der Annahme fußte, man sei
       von Freunden umzingelt und könne in autoritären Staaten „Wandel durch
       Handel“ erreichen, sei gescheitert, meint Lau.
       
       Die neue Situation fasst er programmatisch im Titel seines Buchs zusammen:
       „Der Westen sind jetzt wir“. Anhand von vier Fällen – USA, Russland, Israel
       und China, denen er jeweils ein eigenes Großkapitel widmet –, analysiert
       Lau, wie ein Mangel an politischer Vorstellungskraft zu folgenreichen
       Fehleinschätzungen führte.
       
       ## Trump kumpelt mit Putin
       
       Im Kapitel „Nullpunkt USA“ beschreibt Lau, wie die USA in der zweiten
       Trump-Präsidentschaft sich vom Partner zum Gegner wandeln. Dabei mischt er
       Analyse, Reisebeobachtungen und Begegnungen mit Gesprächspartnern und
       zeigt, dass die Abkehr von Europa schon viel weiter zurückreicht als der
       Aufstieg der MAGA-Bewegung. Der US-Präsident kumpelt mit Putin bei dessen
       Staatsbesuch in Alaska. Die Ukraine ist nur mehr ein Hindernis auf dem Weg,
       Milliardengeschäfte mit Russland einzufädeln. Trumps Amerika verfolge nun
       innenpolitisch wie außenpolitisch eine antidemokratische Agenda, meint Lau.
       
       Die Beistandsgarantie der Nato sei ausgehöhlt, weil die Trump-Regierung
       militärischen Schutz an politisches Wohlverhalten knüpfe. Die Allianz
       wandle sich so zu einem Instrument der Schutzgelderpressung. Zudem hat die
       Trump-Regierung mehrfach klargemacht, dass sie nicht für
       Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach einem möglichen Friedensschluss
       zur Verfügung steht.
       
       Die Fixierung der Ukraine-Debatte auf eine amerikanische Rückversicherung
       habe zu einer „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ der Europäer geführt,
       kritisiert Lau. Wobei er einräumt, dass auch er nicht mit der Radikalität
       gerechnet habe, mit der Trump und seine Leute in dessen zweiter Amtszeit
       die Grundfesten des außenpolitischen Common Sense zertrümmern.
       
       ## Transatlantiker Merz muss die Loslösung vorantreiben
       
       Es sei weltfremd, darauf zu hoffen, dass mit dem Ende von Trumps Amtszeit
       das alte Verhältnis zurückkehre. Die Kräfte, die Trump und sein politisches
       Programm groß gemacht haben, werden wohl nicht einfach verschwinden, dafür
       haben die MAGA-Leute die Republikanische Partei mittlerweile zu fest im
       Griff.
       
       Unter den vielen Baustellen der deutschen Außenpolitik identifiziert Lau
       diese Zerrüttung des Verhältnisses zu den USA als diejenige, die alle
       anderen in den Schatten stellt. Ironischerweise fällt nun dem überzeugten
       Transatlantiker Friedrich Merz die Aufgabe zu, als Kanzler die Loslösung
       von den USA voranzutreiben. Hier erkennt Lau aber auch eine Chance: So wie
       nur der stramme Anti-Kommunist Richard Nixon in den 1970ern die Annäherung
       an China vollziehen konnte, könne nur ein ausgewiesener Freund Amerikas die
       europäische Unabhängigkeit von den USA voranbringen.
       
       ## Die Russland-Politik endete im Desaster
       
       Im Großkapitel „Nullpunkt Russland“ zeichnet Lau in knappen Zügen die
       Vorgeschichte des Ukraine-Krieges nach. Die Russland-Nähe einflussreicher
       Personen der Zeit verschweigt er dabei nicht. So sprachen der ehemalige
       Chefredakteur Theo Sommer und der Ex-Kanzler und Zeit-Herausgeber Helmut
       Schmidt in der Redaktion in den 2010er-Jahren oft von Russland als „unserem
       Nachbarn“, als gäbe es zwischen Berlin und Moskau keine anderen Länder.
       
       Im März 2014, kurz nach der Annexion der Krim, gab Schmidt der Zeit ein
       Interview, in dem er bezweifelte, „ob es überhaupt eine ukrainische Nation
       gibt“ – gab also ein zentrales Versatzstück der russischen Propaganda zum
       Besten. Lau spricht deshalb vom „Irrlichtern“ Schmidts in Sachen Russland.
       
       Er erzählt von seinen Reisen mit Frank-Walter Steinmeier, damals
       Außenminister unter Angela Merkel, der Russland eine
       „Modernisierungspartnerschaft“ anbot. Während diese damals als Fortführung
       der Tradition der Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr verkauft wurde,
       betont Lau nun den Unterschied: „Steinmeiers Ansatz ging weit darüber
       hinaus. Statt nach einem Modus Vivendi mit einer feindlichen Macht zu
       suchen, die diametral entgegengesetzte Interessen verfolgte, wie es Brandt
       und Bahr mit dem kommunistischen Block getan hatten, beruhte seine
       Ostpolitik auf der optimistischen Vorstellung, Russland und Deutschland
       hätten weitgehend deckungsgleiche Interessen und würden, wenn man nur die
       richtigen Anreize setzte, ihre Werte ebenfalls angleichen.“
       
       [1][Wie bekannt, endete die Russland-Politik im Desaster]. Mit dem 24.
       Februar 2022 zerstob nicht nur die Vorstellung, zwischenstaatliche Kriege
       seien in Europa ein Stück der Vergangenheit, Lau betont auch, dass
       Deutschland damit die ostpolitische Deutungshoheit in Europa verloren hat –
       versinnbildlicht durch die Ausladung Steinmeiers als Bundespräsident
       seitens der Ukraine im April 2022.
       
       ## Die Zweistaatenlösung, eine Hoffnung von gestern
       
       Welche geopolitischen Konsequenzen das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023
       und die darauf folgenden Kriege haben, untersucht Lau im Kapitel „Nullpunkt
       Nahost“ und kritisiert, dass die deutsche Israel-Politik sich zu sehr an
       leeren Formeln festhalte, etwa „Staatsräson“ oder „Zweistaatenlösung“. Die
       Zweistaatenlösung nennt er eine „Hoffnung von gestern“, weil durch den
       forcierten Siedlungsbau im Westjordanland ihre Umsetzung faktisch unmöglich
       geworden sei. Er empfiehlt deshalb in der Israel-Politik „Tapferkeit vor
       dem Freund“.
       
       Es brauche mehr Empathie für die existentielle Bedrohung Israels durch den
       Iran und die Hamas, aber gleichzeitig mehr Härte gegenüber der israelischen
       Besatzungspolitik und dem Abbau der Demokratie unter Benjamin Netanjahu:
       „Die israelische Rechte ist mit ihrem Nationalismus, ihrer Verachtung des
       Rechtsstaats, ihrer Siedlungspolitik und ihrer Verweigerung einer
       politischen Perspektive für die Palästinenser kein Partner.“ Mit hohlen
       Solidaritätsadressen komme man jedenfalls nicht weiter.
       
       ## Eine geopolitische Zeitbombe
       
       Das Buch profitiert sehr von zahlreichen Reisen, die Lau in den vergangenen
       zwei Jahrzehnten für seine Arbeit unternommen hat. Deshalb kann er auch im
       China-Kapitel aus eigener Anschauung berichten, wie das Land unter Xi
       Jinping immer autoritärer regiert wird und sich immer aggressiver gegenüber
       Taiwan verhält: China sei kein Partner mehr, sondern ein systemischer
       Rivale, der zusammen mit Russland eine autokratische Weltordnung anstrebe.
       Die wirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands bezeichnet Lau als
       „geopolitische Zeitbombe“.
       
       In Taiwan fragt er auf einer Recherchereise einen Militärexperten, was
       Deutschland für das von China bedrängte Land tun könne. Seine Antwort:
       „Ganz einfach. Helfen Sie der Ukraine. Das macht auch Taiwan sicherer, weil
       es China von Abenteuern abschreckt.“
       
       Jörg Lau hat ein dichtes und scharfsinniges Buch über Außenpolitik
       geschrieben. Wer über Deutschlands Rolle in einer sich rapid ändernden Welt
       nachdenken will, sollte es unbedingt lesen.
       
       10 Apr 2026
       
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