# taz.de -- Ammoniakfabrik in Mexiko: Menschenrechte? Hier nicht
       
       > Mit deutschen Geldern entsteht in der Bucht von Ohuira eine
       > Ammoniakfabrik – dort, wo indigene Gemeinden fischen, um zu überleben.
       > Aktivistinnen nehmen das nicht hin.
       
 (IMG) Bild: 3.000 Familien rund um die Bucht von Ohuira finanzieren ihr Leben mit dem Fischen – noch
       
       Auf ihren Sweatshirts steht es in großen Lettern: „Aquí no!“ – „Hier
       nicht!“ Mit dieser Forderung sind Melina Maldonado und Claudia Quintero
       vergangene Woche aus dem mexikanischen Bundesstaat Sinaloa nach Deutschland
       gereist. Sie sprachen hier mit Abgeordneten und dem Auswärtigen Amt – und
       mit der KfW, der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Denn ohne die deutsche
       staatseigene Förderbank wäre das Projekt, das ihr Leben bedroht, wohl nie
       auf den Weg gebracht worden.
       
       Seit über zehn Jahren kämpfen die beiden gegen eine Ammoniakfabrik des
       deutsch-schweizerischen Unternehmens Proman AG. Die Anlage wird mithilfe
       eines KfW-Kredits von 860 Millionen Dollar in der Bucht von Ohuira gebaut –
       da, wo indigene Gemeinden täglich Krabben, Krebse und Muscheln aus dem Meer
       fischen. Rund 3.000 Fischerfamilien leben in der Region. Sollte die Anlage
       zur Herstellung von Düngemittel wie geplant im kommenden Jahr in Betrieb
       gehen, könnte ihre Lebensgrundlage bald nicht mehr existieren.
       
       [1][Viele Mangroven wurden bereits durch den Bau zerstört] – Wälder, deren
       Bäume gut im Salzwasser leben können und viele Vögel und Krustentiere
       beherbergen. Pro Fläche speichern ihre Wälder mehr Kohlendioxid als der
       Regenwald. Wissenschaftler*innen befürchten, dass das Kühlsystem das
       Wasser erwärmt und verunreinigt. Als besonders gefährlich gilt das
       Ammoniakgas. 2.200 Tonnen sollen täglich auf dem 27 Hektar großen Gelände
       hergestellt werden. Schon ein kleines Leck in der Leitung könnte tödlich
       sein, räumt eine unternehmenseigene Studie ein.
       
       Melina Maldonado beunruhigt das. Schließlich liegt ihre
       1.000-Seelen-Gemeinde Lázaro Cárdenas nur etwa sechs Kilometer von der
       Fabrik entfernt. „Vielleicht explodiert die Anlage nicht, aber schon eine
       kleine toxische Wolke kann uns auslöschen“, sagt die 47-Jährige und
       erinnert daran, dass 2005 ganz in der Nähe durch einen Unfall mit einem mit
       Ammoniak beladenen Lkw 38 Menschen ums Leben kamen.
       
       ## Die Dorfgemeinschaft ist gespalten
       
       Aquí no! ist deshalb zum Namen der oppositionellen Bewegung geworden, die
       das Projekt nahe der Stadt Topolobampo stoppen will. Auch auf einer
       Hauswand in Maldonados Heimatdorf Lázaro Cárdenas prangen die beiden Worte.
       Früher ist die indigene Frau vom Volk der Mayo-Yoreme fast täglich mit dem
       Boot rausgefahren. Inzwischen studiert Maldonado Jura. Nur noch
       gelegentlich begleitet sie ihren Vater Emilio beim Fischen.
       
       Ihrer Dorfgemeinschaft fühle sie sich weiterhin eng verbunden, erzählt sie,
       obwohl die längst tief gespalten ist: hier die Gegner, da die Befürworter
       der Anlage. Die Dorffeste finden mittlerweile getrennt statt. „Auf der
       einen Seite feiern die Unterstützer der Fabrik mit grellem Licht, lauter
       Musik und viel Essen, auf der anderen wir mit unseren traditionellen
       Zeremonien“, beschreibt Maldonado die Stimmung im Dorf.
       
       Die Firma GPO, kurz für Gas- und Petrochemie des Westens, die das Projekt
       für die Proman AG vor Ort betreibt, befeuert diese Spaltung. Sie finanziert
       Arztbesuche, unterstützt Familien in Todesfällen und wirbt mit
       Stellenangeboten. „Wir schaffen Arbeitsplätze für Tausende Menschen in
       Sinaloa“, hieß es zu Baubeginn auf Plakaten. Fragt man in Lázaro Cárdenas
       nach, setzen nicht wenige auf die Fabrik. Viele sehen neben dem Fischfang
       kaum Perspektiven. Nachdem GPO den Indigenen auch noch eine Reise in
       Vorzeigewerke in Trinidad und Tobago spendiert hatte, zeigten sich Bewohner
       wie Martín García Cruz optimistisch: „Dort gibt es eine hundertprozentige
       Entwicklung für die Leute vor Ort.“
       
       ## Gefährliche Lage für Aktivist*innen
       
       Bei Melina Maldonado zieht sich die Spaltung auch durch die Familie. Ihr
       Bruder Juan Carlos sei erst gegen die Anlage gewesen, erzählt er. Dann habe
       ihm GPO eine Stelle angeboten, und er habe zugesagt. Er hoffe, dass seine
       Kinder durch die Anlage eine bessere Zukunft bekommen. Melina Madonado
       sagt, bisher hätten nur wenige Arbeit gefunden. Inzwischen wurde Juan
       Carlos entlassen, weil der Bau wegen des Widerstands vorübergehend
       stillstand. Dafür wolle ihm GPO eine Ausbildung zum Schweißer finanzieren.
       
       Ihr Aktivismus bringt Madonado in Gefahr. Seit über drei Jahren sind sie
       und ihre Mitstreiter*innen in einem staatlichen Schutzprogramm.
       Unbekannte hätten Maldonado nach einer Demonstration im Auto gestoppt und
       versucht, sie zu entführen. Claudia Quintero, die in der indigenen Gemeinde
       Ohuira lebt, sei mit einer Pistole bedroht worden. „Die Täter waren
       Mitglieder des organisierten Verbrechens, aber dahinter steckt GPO“, meint
       Sozialarbeiterin Quintero. „Wir leben hier in Sinaloa, [2][da stecken
       Regierung, Kriminalität und Unternehmen unter einer Decke].“ Die GPO weist
       die Vorwürfe zurück.
       
       Auch elf UN-Sonderberichterstatter*innen betrachten die Entwicklungen in
       Sinaloa – die gefährdete Sicherheit der Aktivist*innen, die ökologischen
       Schäden und die sozialen Folgen – mit Sorge. Von den Beteiligten des
       Projektes wollten sie wissen, welche Maßnahmen ergriffen würden, „um den
       negativen Folgen für die Menschenrechte und die Umwelt zu begegnen“. Die
       Firma GPO und die Proman AG geben an, man halte sich an alle international
       vorgegebenen Standards sowie mexikanisches Recht, sehe keine Risiken für
       Umwelt und Menschen und verwahre sich gegen Anschuldigungen, mit Schikanen
       oder Gewalt gegen Gegner*innen vorgegangen zu sein.
       
       ## „Entwicklungspol für den Wohlstand“
       
       Auch die Regierung in Mexiko-Stadt hat mit der Fabrik keine Probleme. Der
       ehemalige Präsident Andrés Manuel López Obrador betonte deren Bedeutung für
       die nationale Unabhängigkeit und erklärte, man könne durch die Anlage bis
       zu 30 Prozent des mexikanischen Düngemittelbedarfs selbst herstellen.
       
       Seine Nachfolgerin Claudia Sheinbaum hat sich zwar als Umwelttechnikerin
       einen Namen gemacht, [3][hält aber an vielen ökologisch fragwürdigen
       Projekten ihres Vorgängers fest], so auch an der Ammoniakfabrik. „Die
       Präsidentin will unsere Heimat auf unsere Kosten zu einem industriellen
       Hotspot machen“, kritisiert Aktivistin Quintero. „Sie behaupten, sie
       brächten Fortschritt, und zerstören unser soziales Netz.“
       
       Tatsächlich hat Sheinbaum die Gegend zu einem von 14 neuen
       „wirtschaftlichen Entwicklungspolen für den Wohlstand“ ernannt.
       Investor*innen sollen etwa durch steuerliche Vorteile angelockt werden.
       Dass die Staatschefin ausgerechnet auf die Region setzt, ist naheliegend.
       Der Hafen von Topolobampo liegt im Golf von Kalifornien und verbindet
       Sinaloa mit dem Norden des Landes und mit den USA.
       
       ## Unabhängigkeit begrenzt
       
       Viele Agraranlagen haben sich hier angesiedelt, die etwa Weizen, Tomaten
       und Mais herstellen. Angesichts der weltweit unsicheren
       Düngemittelversorgung, etwa durch die Blockade der Straße von Hormus, setzt
       die Regierung auf Unabhängigkeit. Doch die ist begrenzt, schließlich
       bezieht Mexiko einen großen Teil seines auch für die Ammoniakherstellung
       benötigten Gases aus den USA.
       
       Mithilfe des KfW-Kredits werden deutsche Unternehmen, die Geräte für die
       Ammoniakfabrik bauen, mehrere Hundert Millionen Euro verdienen. Viele
       Gebäude sind fertiggestellt. Dennoch haben Maldonado und Quintero bei der
       KfW Beschwerde eingereicht. Die Firma verstoße mit dem Kredit gegen ihre
       eigenen Richtlinien, kritisieren sie. Nun hoffen sie, dass ihr Besuch zu
       einem Baustopp führt. Eine Zusage dafür hätten sie bei ihrem Treffen nicht
       bekommen, sagen sie. Was sonst besprochen wurde, wollen sie derzeit nicht
       öffentlich machen.
       
       Die Kreditanstalt erklärt allerdings auf Anfrage, dass sie sich an die
       Ecuador-Prinzipien halte. Dieser freiwillige internationale Standard für
       Banken knüpft Geldvergaben daran, dass bei den Projekten die Umwelt
       geschützt, Menschenrechte eingehalten und negative soziale Folgen
       verhindert werden.
       
       5 Apr 2026
       
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