# taz.de -- Begegnungsorte in Deutschland: Einer für alle
       
       > Wir müssen mehr miteinander reden, heißt es. Aber wo? Eine Spurensuche
       > vom Volkshochschulkurs bis zur Eckkneipe.
       
 (IMG) Bild: Alle wollen ihre Gelenke in Bewegung halten, hier: Betriebssportgruppe in Hamburg
       
       Vor einiger Zeit habe ich einen [1][Sportkurs an der Hamburger
       Volkshochschule] besucht. Er hieß „Rückenfit“ und begann oft damit, dass
       wir bunte Hüpfbälle vor uns her schoben und versuchten, sie den
       Entgegenkommenden wegzuschlagen. Der Kurs war deutlich lustiger als der
       Yoga-Unterricht, den ich vorher in einem Studio belegt hatte, und die
       Teilnehmer:innen waren sehr viel gemischter als beim Yoga, wo alle
       anderen ebenso weiß, mittelalt und akademisch waren wie ich.
       
       Aus dem Volkshochschulkurs erinnere ich mich an eine energische Frau, die
       bei einer Bank arbeitete, eine jüngere Frau mit osteuropäischem Vornamen,
       die akademisch wirkte, und an einen älteren Mann in schwarzen
       Turnschläppchen, der früher auf dem Markt gearbeitet hatte. Lange
       Unterhaltungen gab es dort nicht, wir waren da, um [2][unsere steifen
       Gelenke zu lockern]. Aber in der Eingangsrunde schien kurz auf, wie es den
       Leuten ging, ob ihr Kreuz schmerzte oder ihre Arbeit gerade mühsam war.
       
       Ich habe viel von diesem Kurs erzählt und irgendwann fragte ich mich: Wie
       kann es sein, dass mir ein Kurs, in dem Menschen Gummibälle prellen, so
       auffällt? Und: Wo sonst mischen sich Leute aus verschiedenen sozialen
       Schichten, Religionen, Altersgruppen und Kulturen?
       
       Der US-amerikanische Soziologe Ray Oldenburg hat 1989 ein Buch namens „The
       Great Good Place“ geschrieben, das so leidenschaftlich ist, wie der Titel
       klingt. Es ist ein Plädoyer für informelle Treffpunkte für alle, für Cafés,
       Büchereien und Friseursalons, in denen [3][soziale Unterschiede keine Rolle
       spielen]. Glaubt man Oldenburg, so sind diese Orte die Grundlage für eine
       funktionierende Nachbarschaft, mehr noch, der Kitt für eine ganze
       Gesellschaft. Er folgt damit der Kontakthypothese, die der Psychologe
       Gordon Allport in den segregationistischen USA der 1950er-Jahre aufgestellt
       hat und die schlicht wie schlüssig ist: Kontakte zwischen verschiedenen
       sozialen Gruppen bauen Vorurteile und Angst ab. Dazu braucht es gemeinsame
       Orte und eben diese sieht Oldenburg im Verschwinden begriffen. Sein Text
       ist eine Lobrede und gleichzeitig ein Abgesang.
       
       ## Wo sind sie, die Dritten Orte?
       
       Sein Konzept ist dagegen vital, mehr noch, es feiert gerade eine
       Renaissance. „Dritte Orte“ sind das Zauberwort all derer, die sich Sorgen
       machen um eine polarisierte, auseinanderdriftende Gesellschaft. Stiftungen
       veranstalten Tagungen zum Dritten Ort, Soziolog:innen und auch
       Politiker:innen versprechen sich neuen Zusammenhalt davon. Aber wo
       sind sie, die Dritten Orte? Entsteht dort tatsächlich Gemeinschaftlichkeit?
       Und wer will sie eigentlich wirklich, diese Orte für alle, wer hat Lust,
       dorthin zu gehen, und wer möchte sie jenseits frommer Absichtserklärungen
       betreiben?
       
       Eine Zeit lang dachte ich, dass der Rückenfit-Kurs gemischt war, weil er in
       der Hamburger Schanze stattfand, die weitestgehend, aber noch nicht
       komplett gentrifiziert ist. Der Mann in den Turnschläppchen hatte
       vermutlich noch einen alten Mietvertrag, der ihm das Bleiben erlaubte,
       während sich einige der Jüngeren auch die neuen Mieten leisten konnten.
       Bringt die Gentrifizierung also mit sich, dass sich die Schichten mischen?
       So wie in einem Metallwarenladen um die Ecke, wo polnische Handwerker,
       Hipster und Menschen mit wenig Geld gleichermaßen ihre Schrauben kaufen.
       Aber damit endet meine Liste Dritter Orte für die Schanze bereits.
       
       Zwei Straßen weiter hat ein Bekannter von mir, ein Architekt, eine Kneipe
       übernommen. Er war früher oft als Gast dort, die Wirtin hieß Anni und ihre
       Gäste waren alte Männer, die mit dem Rollator aus dem Pflegeheim zu ihr
       kamen oder vom Stadtrand aus anreisten, als sie sich die Mieten vor Ort
       nicht mehr leisten konnten. „Ich habe Interesse für Alltagskultur, die im
       Untergang begriffen ist“, sagt mein Bekannter und es klingt wie ein
       ethnologisches Projekt.
       
       Als Anni selbst ins Pflegeheim musste, kaufte er das Haus und renovierte
       die Kneipe, die früher höhlenartig war, mit zugeklebten Fenstern. Nun kam
       Licht in einen Raum mit neuen Tischen und Stühlen. Nur den Eingang
       veränderte mein Bekannter nicht.
       
       Für wen die neue Kneipe gedacht war? „Für uns und unsere Freunde, als eine
       Art Wohnzimmer“, sagt mein Bekannter, und es war keine Überraschung, dass
       die alten Gäste nicht mehr kamen, selbst nicht, wenn er sie hereinbat. Mein
       Bekannter schenkt dort weiter das Fassbier aus, zu dem die schöne alte
       Leuchtreklame am Eingang passt. Aber das Bier ist so teuer, dass ihm seine
       Töchter sagten, er müsse noch ein billigeres ausschenken, damit sie kämen.
       
       Wahrscheinlich waren die Gäste zu Annis Zeiten nicht gemischter, als sie es
       heute sind. Frauen hatte mein Bekannter dort nicht gesehen, und der eine
       Stammgast, der weiterhin kam, tat sich schwer damit, dass sie nun auch
       erschienen und sogar laut lachten. Ist von Kneipen also ohnehin nicht mehr
       zu erwarten als dass sie ein [4][Versammlungsort von Gleichen] ist – einmal
       eine Kneipe nur für nicht akademische alte Männer und dann eine nur für
       akademische Hipster?
       
       Ray Oldenburgs Antwort wäre klar: auf keinen Fall. Für den Soziologen gibt
       es echte Kneipen und es gibt etwas, das er abschätzig B.Y.O.F.-Kneipen
       nennt, „Bring your own friends“. Das sind Orte, die man mit seiner eigenen
       Gruppe betritt, dort auch gar keinen Kontakt mit anderen will, also wie ein
       Ufo ein- und wieder ausfliegt. Es ist das ausgelagerte Wohnzimmer, das sich
       mein Bekannter gewünscht hat, wo man keine anderen Meinungen ertragen muss,
       und genau nicht das, was ein Dritter Ort bieten könnte: so etwas wie ein
       Forum, wo Gemeinsamkeiten und Unterschiede austariert werden.
       
       ## Es ist kein Stadt-versus-Land-Problem
       
       Die [5][bloße Koexistenz verschiedener Milieus], Kulturen und
       Nationalitäten an einem Ort bedeutet erst einmal wenig. Das Leben in der
       Stadt ist nicht zwangsläufig sozial vielfältiger als das auf dem Dorf – wer
       möchte, bleibt in seiner Blase. Und das geht womöglich sogar leichter als
       auf dem Dorf, wo alle Kinder zur gleichen Schule gehen und es eben nur den
       einen Fußballverein gibt.
       
       In Deutschland werden die Wohngebiete in vielen Städten immer homogener,
       die [6][Grenzlinie läuft entlang der Armutsgrenze], die oft mit nicht
       deutscher Staatsbürgerschaft einhergeht. Ist das nicht automatisch das Aus
       für eine Kneipe, in der sich unterschiedliche Milieus treffen? Wie viele
       Dritte Orte kann es in einer Stadt geben, wenn Arme und Reichere keinen
       gemeinsamen Bäcker haben und in unterschiedliche Büchereien gehen?
       
       In Hamburg hat man die Geflüchteten-Unterkünfte lange dort gebaut, wo
       andere Arme lebten. Bis das Ungleichgewicht so offensichtlich wurde, dass
       2017 ein „Schlüssel für gerechtere Verteilung“ geschaffen wurde. Eine der
       [7][neuen Unterkünfte wurde im edlen Blankenese] gebaut, wo die
       Anwohner:innen prompt auf die Barrikaden gingen. Carmen Girmscheid, die
       Leiterin, erinnert sich noch an die Nachbar:innen, die in den ersten
       Monaten kamen, um sich zu beschweren: über die Kinder auf dem Spielplatz
       oder über das Taxi, das mutmaßlich gekommen sei, weil jemand
       Drogengeschäfte abgewickelt habe, während es tatsächlich ein Krankenwagen
       für eine Schwangere war.
       
       Aber dann drehte sich der Wind und er drehte sich nicht wegen spektakulärer
       Veränderungen, sondern weil eine Ehrenamtliche, von deren Sozialkompetenz
       Carmen Girmscheid nahezu andächtig erzählt, das Gespräch mit den
       Anwohner:innen suchte. In der Adventszeit standen dann plötzlich drei
       von ihnen mit Keksen an der Tür. Fortan gab es regelmäßige Teestunden. Die
       Frauen begannen die Kinder der Geflüchteten in ihren SUVs mit zur Schule zu
       nehmen; sie luden sie ein, gemeinsam mit ihren eigenen Kindern im
       Gartenpool zu planschen. Nur zum Hockeykurs nahmen sie sie nicht mit, denn
       den konnten die Geflüchteten nicht zahlen.
       
       Er fände nicht, dass dieses Gefälle ein Grund sei, die Geflüchteten nicht
       in den reicheren Bezirken unterzubringen, sagt Girmscheids Kollege Saeid
       Alisedaghat. Im Gegenteil. „Wenn die Kinder sehen, dass Familien einen
       eigenen Garten haben, dann wollen sie sich später auch so etwas leisten
       können“. Bei ihm zumindest sei es so gewesen.
       
       Bei der nächsten Bürger:innenbefragung in Blankenese sprach sich
       plötzlich eine Mehrheit dafür aus, dass die Unterkunft bleiben solle.
       Trotzdem wurde sie 2023 geschlossen, an ihrer statt entstanden
       Sozialwohnungen, auch für Mieter:innen, die im regulären Wohnungsmarkt
       chancenlos sind. „Es tut uns so leid, dass ihr geht“, sagten die
       Anwohner:innen zu Carmen Girmscheid.
       
       Es gibt eine interessante Diskrepanz zwischen praktischen Erfahrungen und
       theoretischen Haltungen. Der Soziologe Maurice Crul und die
       Sozialwissenschaftlerin Frans Lelie sind bei ihrer Studie „Gesellschaft der
       Minderheiten. Leben in der Superdiversität“ darauf gestoßen, dass eine
       nicht unerhebliche Gruppe in der alten Mehrheitsgesellschaft in der Praxis
       positive Erfahrungen mit ihrer migrantischen Nachbarschaft macht, aber
       dennoch Vielfalt theoretisch negativ sieht. Das gleiche gilt auch
       andersrum. Menschen, die Vielfalt positiv sehen, lassen sich oft durch
       praktische negative Erfahrungen nicht beeinflussen.
       
       ## Theoretisch tolerant, praktisch in der Blase
       
       Gleichzeitig fanden Crul und Lelie heraus, dass Menschen mit hohem
       Bildungsabschluss, die Vielfalt positiv gegenüberstehen, in der Praxis oft
       in ihrer eigenen Blase bleiben, selbst wenn sie in einem gemischten
       Quartier leben. Während Menschen mit einem niedrigem Schulabschluss
       deutlich häufiger einen gemischten Freundes- und Bekanntenkreis haben.
       
       Aber was ist eigentlich gewonnen, wenn Menschen zwar positive Erfahrungen
       mit anderen machen, das aber ihre grundsätzlich ablehnende Haltung nicht
       beeinflusst? Crul und Lelie haben in ihrer Studie unter denjenigen, die
       Diversität ablehnen, zwei Typen gefunden: solche, die in der Praxis
       negative Erfahrungen machen, und solche, die in der Praxis positive
       Begegnungen haben.
       
       Diese theoretisch und praktisch Ablehnenden verfestigten sich in einer
       Negativspirale, während die anderen mehr Kontakte hatten und einen
       differenzierteren Blick auf die Mitglieder der anderen sozialen Gruppen
       warfen. Sie fanden Diversität nicht gut – aber sie versuchten, das Beste
       für sich daraus zu machen. Das ist wenig, wenn man Grundhaltungen ändern
       will. Es ist viel, wenn es um ein funktionierendes Zusammenleben geht.
       
       Nachbarschaft allein, das bloße Tür an Tür wohnen, bedeutet noch kein
       Zusammen. Aber es ist die [8][Gelegenheit für mehr]. Eine Kollegin von mir
       lebt mit ihrer Familie in einem städtischen Mietblock, in dem viele
       Migrant:innen wohnen. Sie hatte eine andere Wohnung nicht bekommen,
       diese zweite aber sehr schnell, und sie glaubt nicht, dass es Zufall war:
       „Biodeutsche Namen und zwei angehende Akademiker“, sagt sie, das sei ein
       gutes Argument für die Wohnungsbaugesellschaft gewesen. Sie selbst wäre
       lieber, wie ihre Freund:innen und Bekannte, in einen Altbau gezogen.
       
       Nun lebt sie seit zwei Jahren in einem Hochhausblock und hätte nie gedacht,
       dass es so „nett und so gemeinschaftlich ist“. Die Nachbarinnen bringen
       Suppe, wenn sie krank ist, sie borgen sich gegenseitig Milch, Koffer und
       auch Geld. Es gibt eine Teerunde, die sich abends trifft, oft bis in die
       Nacht hinein.
       
       Zwei aus der Runde sind arbeitslos und haben einen anderen Schlafrhythmus
       als meine Kollegin. Sie haben manchmal auch andere Ansichten, zum Beispiel,
       wenn es um die Rollen von Jungen und Mädchen geht. „Mädchen sind zickiger“,
       heißt es dann. „Ist es wirklich so?“, murmelt meine Kollegin, aber sie
       belässt es dabei. In ihrer alten Polit-WG war sie auf einer Linie mit den
       anderen, aber wenn sie krank war, brachte niemand Suppe.
       
       Wer über Dritte Orte spricht, merkt ziemlich bald, dass sie keine
       Selbstgänger sind. Nicht mal Schulen mit diverser Schüler:innenschaft
       sind es. Maurice Crul und Frans Lelie kommen zu dem durchaus deprimierenden
       Ergebnis, dass der Besuch solcher Schulen nicht notwendigerweise dazu
       führt, dass man als Erwachsene Diversität positiv gegenüber steht.
       
       Dritte Orte können Begegnungen ermöglichen, nicht mehr und nicht weniger.
       Und dazu braucht es mehr als einen bloßen Raum. Ray Oldenburg schreibt
       ausführlich über die Qualitäten der Wirt:innen, die aus ihrer Kneipe echte
       Begegnungsräume machen. Dazu gehört auch ein Verzicht: auf auffällige
       Dekoration, die wortlos Klassenzugehörigkeit und soziale Codes schon beim
       Reinkommen aufruft. Schnellimbiss- und [9][Café-Ketten] spricht Oldenburg
       jegliche Dritte-Ort-Qualität ab.
       
       Es würde ihn schmerzen, dass sie heute diverser besucht sind als die
       allermeisten inhabergeführten Alternativen. Wer in Hamburg seine Blase
       verlassen möchte, sollte zur Bäckerei Junge gehen oder in die
       Ikea-Cafeteria und das ist doppelt bedauerlich, denn natürlich hat
       Oldenburg recht. Austausch oder Begegnung findet da kaum statt.
       
       Aber was braucht ein Dritter Ort, um Begegnung zu katalysieren? Gordon
       Allport glaubte, dass die Begegnung allein nicht genügt, sondern dass vier
       Bedingungen erfüllt sein müssen: Die Beteiligten sollten den gleichen
       Status haben, gemeinsame Ziele verfolgen, zusammenarbeiten und
       institutionell unterstützt werden. Die gegenwärtige Forschung ist nicht
       mehr ganz so streng wie Allport, aber eines bestätigt sie doch: Je stärker
       diese Bedingungen erfüllt sind, desto größer ist der Effekt des Kontakts.
       Reicht es, wenn im Museum am eintrittsfreien Donnerstag der
       Bildungsinteressierte mit gehobenem Einkommen wahrnimmt, dass es eine
       Gruppe von Leuten mit weniger Geld gibt, die sich ebenfalls für
       Handschriften aus Südostasien interessiert?
       
       Maurice Crul und Frans Lelie schreiben in ihrer Studie von
       „bedeutungsvollen Begegnungen“, was so emphatisch klingt wie Oldenburgs
       echter Wirt. Sie glauben, dass sie am häufigsten über organisierte
       Aktivitäten gelingen, ein gemeinsames Interesse wie Gärtnern oder Sport
       oder Sprachenlernen. Dort wird aus der Person, die eine andere Partei wählt
       als man selbst, anders isst, anders glaubt, anders gendert, eine Person,
       die wie man selbst Karotten ziehen oder endlich Französisch können will. Es
       kann etwas sehr Erleichterndes haben, nicht länger die Unterschiede
       auszumessen.
       
       Und damit landet man wieder bei Einrichtungen wie der Volkshochschule,
       deren Gründungsgedanke Bildung für alle ist. Aber diejenigen, die dorthin
       kommen, sind sich oft ähnlich: weiblich, nicht mehr erwerbstätig und mit
       hohem Bildungsabschluss. Eine Schraube, an der die Volkshochschule für mehr
       Vielfalt drehen kann, sind die Gebühren – und die Hamburger Volkshochschule
       dreht energischer daran als es die Museen tun. Wer wenig Geld hat, aber
       nicht unter die üblichen Ermäßigungen fällt, kann formlos einen Antrag beim
       Verein „Bildung für alle“ auf Förderung stellen.
       
       Die Grundbildungskurse sind sowieso kostenlos, aber in Stadtteilen, wo die
       Leute wenig Geld haben, wie etwa am Osdorfer Born, gibt es einen
       Sozialrabatt, sodass sie nur die Hälfte der Gebühren zahlen. „Viele Leute
       haben zwei oder drei Jobs und trotzdem kaum Geld“, sagt Kerstin Wolf, die
       die Kurse hier organisiert. Und die Geflüchteten, die sie nach den
       Grundbildungskursen gern in anderen Angeboten sähe, beim Fotografieren oder
       Zeichnen, haben andere Sorgen: irgendwie eine Stelle, eine Wohnung finden.
       
       Es gibt ein Projekt, bei dem Kerstin Wolf leuchtet, wenn sie davon erzählt.
       Es war ein Kurs, bei dem Schüler:innen Seniorinnen zeigten, wie man ein
       Handy bedient. „Dann saßen sie da und es kam ein Schwarzer Jugendlicher“,
       sagt Wolf und ahmt nach, wie eine alte Dame zurückschreckt. Aber am Ende
       reichten die Damen den Jugendlichen, die eigentlich nur einen Zuschuss für
       die Klassenkasse bekamen, eine Tafel Schokolade oder fünf Euro unter dem
       Tisch durch.
       
       ## So schlicht wie herausfordernd
       
       Die Dritten Orte sind so schlicht wie herausfordernd. Es kann der Tisch
       sein, den die Nachbarinnen im Laubengang meiner Kollegin aufgestellt haben.
       Es kann das Café in der Berliner Stadtbibliothek Mitte sein, wo sich
       Schrate, Studierende und junge Eltern niederlassen können, weil der
       Betreiber nur 1,70 Euro für einen sehr guten Cappuccino nimmt. Er findet,
       dass er hier nicht mehr verdienen muss als in seinem früheren Job als
       Verkäufer. Dritte Orte erfordern etwas Toleranz, einen gewissen Verzicht
       auf Profit und ein Leben, das nicht die gesamten Kräfte auffrisst. Das
       klingt nach wenig, ist es aber nicht.
       
       Ich habe aufgehört mit dem Rückenfit-Kurs, weil ich nach etwas suchte, wo
       ich mehr Zorn lassen konnte als es ein Gummiball erlaubt. Ich landete
       [10][beim Fechten] in einem Sportverein in der bürgerlichen Stadtmitte.
       Dort fochten Akademiker:innen, aber auch eine Bürgergeldempfängerin aus
       einer anderen Stadt, ein Krankenpfleger und ein Straßenbau-Azubi.
       
       Irgendwann tauchten sie nicht mehr auf. Ich glaube nicht, dass es nur daran
       lag, dass sie das Interesse verloren. Sondern weil die Anfahrt für die
       Bürgergeldempfängerin zu teuer war, Straßenbau zu anstrengend ist, um
       danach noch Sport zu machen, und der Schichtdienst Freizeitpläne
       zerschießt. Mit den Dienstzeiten sei es nicht einfach, regelmäßig zu
       kommen, hat der Krankenpfleger einmal entschuldigend gesagt. Natürlich geht
       das Fechten auch ohne sie weiter, aber es ist nicht mehr das Gleiche.
       
       29 Mar 2026
       
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       Ostern in der Bahn: Ein Mann findet die älteren Frauen mit Piccolo zu laut.
       Klar, die kümmern sich ja auch einmal nur um sich selbst statt um andere.
       
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       Fundament.
       
 (DIR) Soziologin über Mitte der Gesellschaft: „Die Bühne ist der Friseursalon“
       
       Die Kanadierin Barbara Thériault ist von Hause aus Soziologin. Parallel
       arbeitet sie als Friseurin und bekommt Einblick in andere Welten.