# taz.de -- Reisen mit Kindern: Ab zu den Piraten um die Ecke
       
       > Wie gelingt Familienurlaub ohne Stress? Am besten mit gemeinsamen
       > Abenteuern. Unsere Autorin hat das an der spanischen Küste ausprobiert.
       
 (IMG) Bild: „Schöne Ferien“: Die Erwartungen von Kindern und Eltern unterscheiden sich oft erheblich
       
       Viele Eltern fragen sich im Urlaub, warum sie nicht einfach mit der Familie
       ins Freibad ums Eck gefahren sind statt in ein anderes Land. Und auch die
       Kinder haben Fragen:
       
       „Wie lange fahren wir denn noch Auto?“
       
       „Schon wieder laufen?“
       
       „Das macht keinen Spaß!“
       
       „Ich will an den Pool!“
       
       „Bist du jetzt endlich fertig mit Lesen?“
       
       Die Erwartungen, was „schöne Ferien“ sind, unterscheiden sich oft
       erheblich. Erwachsene schauen gern etwas an oder in Ruhe aufs Meer. Kinder
       wollen sich bewegen, aber meist nicht durch eine Altstadt, sondern dort, wo
       sie toben, plantschen oder was entdecken können.
       
       Damit diesmal alle glücklich sind, entscheiden wir: Wir fahren keine weiten
       Strecken mit dem Auto. Wir erleben was zusammen. Und wir lernen dabei etwas
       über die Geschichte unserer Wahlheimat Spanien, konkret über die
       Piratenangriffe am Mittelmeer.
       
       Von Valencia-Stadt, wohin wir vor einigen Jahren gezogen sind, geht es mit
       unseren 3 und 7 Jahre alten Töchtern für drei Tage Richtung Norden, in die
       Provinz Castellón. Hier erstreckt sich die Costa del Azahar, die Küste der
       Orangenblüte, am Mittelmeer. Gelegen zwischen der weitaus populäreren Costa
       Dorada im Norden und der Costa de Valencia im Süden ist sie bei Ausländern
       weitgehend unbekannt. Einheimische lieben die 120 Kilometer lange Küste mit
       ihren breiten Sandstränden.
       
       Nach einer Stunde Autofahrt und noch bevor die Kinder in ihren üblichen
       Dreiklang aus „Mir ist sooo langweilig! – Ich habe Hunger! – Ich will jetzt
       endlich aussteigen!“ verfallen, erreichen wir den Urlaubsort Benicàssim.
       Wir staunen über die hohen Wohntürme. Im Sommer ziehen Spanierinnen und
       Spanier hier in ihren Zweitwohnsitz, um am Meer durchzuatmen, dann
       verdoppelt sich die Einwohnerzahl von Benicàssim von 20.000 auf 40.000.
       Jetzt, in der Nebensaison im September, sind die Türme so gut wie leer. An
       der Promenade des 50 Meter breiten Sandstrands stehen auch Villen im
       Belle-Epoque-Stil aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ich bewundere sie und
       stelle mir vor, wie viele hochherrschaftliche Partys wir feiern könnten,
       würde uns eine gehören.
       
       Genug der Träumerei. Wir müssen die Stadt verteidigen, die Piraten greifen
       an! Zum Glück ragt direkt am Strand der Verteidigungsturm Torre de San
       Vicente in den blauen Himmel. Seit über 400 Jahren stehen er und siebzehn
       weitere Türme an der Küste der Provinz Castellón und erinnern an die
       Angriffe der Korsaren, die vor allem zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert
       die Bewohner der Mittelmeerküste in Angst und Schrecken versetzten. Meist
       von Frankreich oder Nordafrika aus griffen sie Schiffe und das Festland an,
       raubten Getreide, Salz, Honig oder Wolle, entführten Menschen und
       verkauften sie in die Sklaverei.
       
       Das bekannteste Opfer: der spätere Nationaldichter und Autor von „Don
       Quijote“, [1][Miguel de Cervantes], der fünf Jahre in Algerien als Sklave
       verbrachte. Das alles können Eltern in der Ausstellung im Turm lernen,
       während ihre Kinder hinter 3-D-Brillen mit Kanonen gegen die Angreifer
       kämpfen. Ein Museumskonzept für alle Generationen.
       
       Zum Ausgleich für so viel Geschichtsunterricht steht an Tag zwei Bewegung
       auf dem Programm. Im Fahrradladen Ujibike kriegen wir Räder mit Kindersitz
       und – nicht unbedingt selbstverständlich in Spanien – ein eigenes
       Mountainbike für die 7-Jährige. Stolz stemmt sie sich in die Pedale. Hinter
       dem letzten Haus der Bucht, dem historischen Hotel Voramar, das direkt auf
       dem Strand steht, biegen wir auf die autofreie Vía Verde del Mar, eine
       spektakuläre Wander- und Radroute.
       
       Mit den Kindern Fahrrad zu fahren, kostet uns in Valencia manchmal die
       letzten Nerven. Es gibt zwar viele Radwege, doch die sind eng und stets
       voll mit Gegenverkehr. Auf der Vía Verde fühlen wir uns sicher, es ist
       flach und die Große feiert ihre Selbstständigkeit. Mehr als 130 „Grüne
       Wege“ hat Spanien auf über 3.500 Kilometer [2][stillgelegter Bahnstrecke im
       ganzen Land ausgewiesen].
       
       Unserer führt uns immer am Meer entlang, vorbei an versteckten Badebuchten,
       durch Schluchten und in die Berge gefräste Eisenbahntunnel. Nach etwa einer
       Stunde erreichen wir den Wassersporthafen von Oropesa del Mar, wo wir uns
       ein „Almuerzo“, das klassische, zweite Frühstück genehmigen, und gestärkt
       den Heimweg antreten, um die Räder rechtzeitig vor der dreistündigen Siesta
       des Verleihers zurückzubringen
       
       Mit dem Auto fahren wir anschließend noch einmal nach Oropesa del Mar
       hinein. Auf einem Küstenvorsprung erhebt sich der mächtige Torre del Rey,
       ein weiterer Verteidigungsturm, von dem aus die Wachen das Meer beobachtet
       und die Einwohner im Hinterland mit Feuer- oder Rauchzeichen gewarnt haben.
       Denn auf der Sichtachse, in geschützter Umarmung der Berge, liegt das Juwel
       des Ortes, die Burg von Oropesa del Mar, die es mit allen Mitteln zu
       verteidigen galt.
       
       Von der maurischen Burgruine mit Mauerresten aus dem 9. Jahrhundert lässt
       sich die gesamte Region überblicken. In den umliegenden Häusern werden
       keine Souvenirs, Eis oder Wasser an Touristen verkauft, es gibt auch kaum
       Restaurants wie sonst in der Umgebung einer Sehenswürdigkeit üblich. Die
       jahrhundertealten Steinhäuser sind tatsächlich bewohnt. Auch deshalb
       schieben sich hier [3][keine Menschenmassen durch die Gassen] und wir
       können entspannt durch die Vergangenheit schlendern.
       
       Nachmittags wollen die Kinder – Überraschung! – baden. Also fahren wir zu
       unserem zweiten Übernachtungsort nach Peñíscola, wo das ZT Hotel einen Pool
       samt Kinderanimation bietet, und obendrein noch spezielle Familiensuiten im
       Piratenlook. Hier zieren Schiffe die Wände, stehen Holzfässer und Öllampen
       herum und natürlich eine Schatztruhe, aus der die Kinder Schokogoldtaler
       plündern können und sich freuen, dass die Kisten am nächsten Tag wieder
       aufgefüllt sind. Für uns müde Pirateneltern gibt es ein Spa, und da es
       Öffnungszeiten für Familien hat, blubbern wir uns gemeinsam durch den
       Nachmittag.
       
       Der nächste Morgen. Ich will in die Altstadt, die Kinder wollen an den
       Pool. Der Papa deeskaliert und wirkt nicht allzu unglücklich bei der
       Vorstellung, auf einer Liege den Posten halten zu müssen.
       
       Nach einem Strandspaziergang erreiche ich die imposante Festung auf der
       Halbinsel von Peñíscola, die viele, die noch nicht da waren, trotzdem
       kennen: In der sechsten Staffel der Serie „Game of Thrones“ verwandelt sich
       Peñíscola in die fiktive Stadt Meereen.
       
       Die verwinkelten Gassen, in denen sich einst Angreifer vom Wasser verlaufen
       sollten, erkunde ich bei einem Stadtrundgang. Unsere Führerin erzählt mit
       so viel Leidenschaft von den Mythen und Geschichten der Papstresidenz und
       Templerburg, dass vor meinem inneren Auge das frühere Treiben innerhalb der
       Steinmauern zum Leben erwacht.
       
       Vom höchsten Punkt der Felsenburg blicken wir aufs Meer und die nahen
       Berge, davor blühen zwischen März und Mai die Orangenbäume. „Mittlerweile
       pflanzen die Bauern aber lieber Avocadobäume“, erklärt die Stadtführerin.
       Die Früchte würden eine höhere Marge erzielen. Das viele Wasser, das
       Avocados benötigen, komme direkt aus den Bergen, wo es ausreichend
       vorhanden sei. Das Bewässerungssystem für die Felder habe man von den
       Arabern übernommen.
       
       Ein paar Stunden später lade ich Mann und Kinder ins Auto und fahre sie in
       eines der größten Heckenlabyrinthe Spaniens. Angelegt hat es eine Familie,
       die in Peñíscola eine Gärtnerei betreibt. Auf der Suche nach dem riesigen
       Dinosaurier in der Mitte verlieren wir uns mehr als einmal.
       
       Abends checken wir dann in einem familiengeführten Apartmenthaus im
       Küstenort Alcossebre ein. Die Gastgeber begrüßen uns mit Küsschen und
       zeigen uns gleich den Kinderspielraum und unsere Wohnung mit Meerblick.
       „Die Kinder dürfen ruhig auch noch spät abends im Pool baden“, sagen sie
       und blicken in vier glückselige kleine Augen.
       
       Bevor schließlich die Heimfahrt ansteht, wollen alle vorher noch an den
       Strand. Im Restaurant essen wir eine Paella, das Nationalgericht [4][stammt
       aus der Region Valencia], und unsere Töchter spielen ein letztes Mal im
       Sand. Jetzt sind sie Piratenexpertinnen und Verteidigungskämpferinnen,
       bereit für neue Abenteuer.
       
       Transparenzhinweis: Die Autorin war im Rahmen einer Pressereise unterwegs,
       organisiert von Turespaña, der Communitat Valenciana und Tour & Kids.
       
       4 Apr 2026
       
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