# taz.de -- Tod des georgischen Patriarchen: Oberhirte mit vielen Gesichtern
> Ilia II. ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Kritisiert wurde er für
> seine Nähe zu Moskau. Mit Gebeten rief er zum Frieden für die Ukraine
> auf.
(IMG) Bild: Ilia II. ist im Alter von 93 Jahren gestorben
Am Ende ging alles ganz schnell: Ilia II., Oberhaupt der Georgischen
Orthodoxen Kirche (GPZ), ist tot. Am Montag war der 93-Jährige in ein
Krankenhaus in Tbilissi eingeliefert worden, in der Nacht zu Dienstag
verschlechterte sich sein Gesundheitszustand dramatisch. Medien berichteten
von schweren inneren Blutungen und schließlich multiplem Organversagen.
Am Dienstagabend wurde sein Tod bekannt gegeben. Ilia II. war eines der am
längsten amtierenden Kirchen-Oberhäupter weltweit und zudem einer der
ältesten Bischöfe. Metropolit Shio Mujiri, der die Kirche bis zur Wahl
eines neuen Patriarchen übergangsweise leiten wird, sprach von einer
Persönlichkeit, die eine ganze Epoche geprägt habe.
Ilia II. wurde am 4. Januar 1933 in Wladikawkas (damals Ordschonikidse) als
Irakli Ghuduschauri-Schiolaschwili geboren. An seine Kindheit habe er sich
oft erinnert, wie er einmal in einem Interview sagte. Seine Familie habe
häufig auch Muslime zu Besuch gehabt. Dann hätten die Eltern immer ihr
schönstes Zimmer mit einem Teppich ausgelegt, wo die Gäste beteten.
Nach seinem Schulabschluss ging er nach Moskau, um dort am Theologischen
Seminar und später an der Theologischen Akademie zu studieren. 1957, im
Alter von 24 Jahren, legte er das Ordensgelübde als Mönch ab. Zwei Jahre
später wurde er zum Priester geweiht.
## Dienst in Abchasien
1963 kehrte er nach Georgien zurück, war als Bischof zunächst in Batumi und
wurde vier Jahre später nach Abchasien versetzt – neben Südossetien eine
von zwei unabhängigen Regionen, die nicht unter der Kontrolle von Tbilissi
steht. Am 23. Dezember 1977 wurde er zum Katholikos-Patriarchen der GPZ
gewählt und erhielt nach seiner Inthronisation den Namen Ilia II.
Die Zeremonie fand zwei Tage später in Mzcheta statt, einem religiösen
Zentrum des Landes. Der Ort war von Polizeikräften weiträumig abgesperrt
worden. Dennoch gelang es einigen Gläubigen, die sich zu Fuß auf den Weg zu
der Swetizchoweli-Kathedrale gemacht hatten, die Absperrungen zu
überwinden. Am 9. April 1989 versammelten sich auf der Hauptstraße von
Tbilissi, dem Rustaveliprospekt, Tausende Menschen, die für die
Unabhängigkeit Georgiens und den Austritt aus der Sowjetunion
protestierten.
Russische Soldaten lösten das „Problem“ auf ihre Weise und gingen, unter
Einsatz von Giftgas, mit äußerster Brutalität gegen die Menge vor. Am Ende
waren 21 Tote und über 2.000 Verletzte zu beklagen. Ilia II. versuchte zu
vermitteln, konnte jedoch nicht dazu beitragen, die Tragödie zu verhindern.
## Nähe zur Kirche
Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 gewann die GPZ immer mehr an
Einfluss. Auch die Staatsmacht suchte die Nähe zur Kirche. Eduard
Schewardnadse, ehemaliger sowjetischer Außenminister und in den 90er Jahren
zweiter Präsident Georgiens, ließ sich 1992 taufen, sein Taufpate war Ilia
II.
Der bekam es auch im Jahre 2008 mit Krieg und Gewalt zu tun. Im August
brach zwischen Russland und Georgien ein Krieg um Südossetien aus. Er
dauerte wenige Tage und endete mit einem Sieg russischer Truppen sowie der
Anerkennung der Unabhängigkeit Südossetiens durch Moskau. 850 Menschen
wurden getötet, mehr als 190.000 Menschen wurden zu Flüchtlingen. Ilia II.
beteiligte sich an der Evakuierung Verletzter und halb dabei, die Körper
Getöteter zu überführen.
Obwohl der Krieg 2008 zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen
Russland und Georgien führte, hielt die GPZ ihre Kontakte zur
Russisch-Orthodoxen Kirche aufrecht. Den Moskauer Patriarchen Kirill I.
kannte Ilia II. noch aus Sowjetzeiten.
2013 verlieh der Moskauer Oberhirte Ilia II. den Preis der Stiftung für die
Einheit der orthodoxen Nationen. Während dieses Besuchs traf Ilia II. auch
mit Wladimir Putin zusammen und überbrachte Grüße des damaligen georgischen
Premiers Bidzina Iwanischwili.
## Ultrakonservative Tendenzen
Dieser tue alles Notwendige und Mögliche, um die Beziehungen zu allen
Seiten zu verbessern. „Ich glaube, dass die Probleme, die zwischen uns
bestehen, gelöst werden und wir weiterhin Brüder sein werden“, sagte Ilia
II.
Nicht nur seine Nähe zu Moskau brachte Ilia II. Kritik ein. Denn
gleichzeitig traten auch wachsende ultrakonservative Tendenzen in seiner
Kirche immer offener zutage. Besonders unrühmlich waren Auftritte und
Äußerungen von Kirchenvertretern im Zusammenhang mit Kundgebungen von
Vertreter*innen sexueller Minderheiten.
Am 17. Mai 2013, dem Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie,
störten Tausende – darunter auch Geistliche – eine Kundgebung von
LGBTQIA-Aktivist*innen im Zentrum von Tbilissi. Ilia II. erklärte
daraufhin, die Kirche distanziere sich von Gewalt, aber die „Propaganda der
Sünde“ sei inakzeptabel.
Am 5. Juli 2021 [1][musste eine Pride in Tbilissi aufgrund von Gewalt und
Vergeltungsmaßnahmen homophober Gruppen auch gegen Journalist*innen
abgesagt werden]. Auch daran hatte die Kirche einen maßgeblichen Anteil.
## Wochenlange Proteste
Auch mit seinen Glückwünschen zum Wahlsieg an die Adresse der autoritär
agierenden Regierungspartei „Georgischer Traum“ im Oktober 2024 machte sich
Georgiens Patriarch keine Freund*innen. Massive, keineswegs aus der Luft
gegriffenen Fälschungsvorwürfe führten im Nachgang der Abstimmung [2][zu
wochenlangen Protesten der Opposition]. Ilia II. hingegen äußerte die
Hoffnung, dass Opposition und Regierung „die kommenden Jahre bestmöglich
für den Fortschritt und den Wohlstand des Landes nutzen werden“.
Nach dem Beginn von Russlands vollumfänglichem Einmarsch in die Ukraine
drückte Patriarch Ilia II. dem ukrainischen Volk seine Solidarität aus.
Georgien wisse aus eigener Erfahrung, wie wichtig die territoriale
Integrität eines Staates sei. Er verfolge die Ereignisse in der Ukraine mit
Schmerz. Der Konflikt habe bereits zu Blutvergießen geführt, doch die
Möglichkeit einer friedlichen Lösung bestehe weiterhin, sagte der
Patriarch.
Ilia II., der wegen gesundheitlicher Probleme schon länger nicht mehr
öffentlich in Erscheinung getreten war, rief zum Frieden auf und betete für
die Ukraine. Leider wurden seine Gebete, zumindest zu Lebzeiten, nicht
erhört.
18 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Oertel
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