# taz.de -- Hamburg verlängert „Bündnis für Wohnen“: Wegen des großen Erfolges
       
       > Zum vierten Mal gehen Stadt und Bauwirtschaft ein Bündnis für mehr
       > Wohnungsbau ein. Hamburg will dafür auch wieder mehr Flächen verkaufen.
       
 (IMG) Bild: Hier wurden ordentlich Wohnungen gebaut: Fassade in Mitte Altona
       
       Es war eine durchaus ermüdende Prozedur im Turmzimmer des Hamburger
       Rathauses: 18 Menschen setzten, einer nach dem anderen, ihre Unterschrift
       unter den Vertragstext für die vierte Auflage des Hamburger Bündnisses für
       das Wohnen – und lächelten danach ein paar Sekunden in die Kameras. Das
       sollte deutlich machen, dass die hehren Ziele breit getragen sind: von der
       Stadt, vertreten durch mehrere Senatsressorts und die Bezirke, sowie von
       der Wohnungswirtschaft; von der stadteigenen Saga über die
       gemeinwohlorientierten bis hin zu den privaten Wohnungsbesitzern.
       
       Das 2011 von seinem Vorgänger Olaf Scholz ins Leben gerufene Bündnis sei
       eine Erfolgsgeschichte, sagte der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher
       (SPD). Und schon darüber lässt sich trefflich streiten.
       
       Sein Ziel, mindestens 10.000 neu genehmigte Wohneinheiten im Jahr, hat es
       nämlich 2022 zuletzt erreicht. Tschentscher führt ins Feld, das sei im
       Durchschnitt der ersten zehn Jahre gelungen. Andererseits hatte Scholz
       seinerzeit von „30.000 bis 40.000“ fehlenden Wohnungen gesprochen,
       Tschentscher meinte im vergangenen Jahr, also nach 14 Jahren Bündnis, gar,
       damit der Markt wieder funktioniere, fehlten 100.000.
       
       Und dann [1][kam der Absturz 2023], als nur noch 5.600 Genehmigungen
       erteilt wurden. Das liege vor allem an gestiegenen Bauzinsen und Baukosten,
       so Tschentscher. Letzteren will die Stadt mit dem vor einem Jahr
       vorgestellten [2][„Hamburg-Standard“ für kostengünstiges Bauen] begegnen.
       Dafür gibt es bislang erst 30 Modellprojekte in der Stadt und die sind noch
       zu frisch, um abzuschätzen, ob sie tatsächlich in die Nähe der angestrebten
       Einsparungen von bis zu 2.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche kommen.
       
       ## Zinstief hatte Bauboom ermöglicht
       
       Was sich schon sagen lässt: Bauanträge hat die Stadt im vergangenen Jahr
       schon etwas zügiger bearbeitet. Nachdem die Verfahrensdauer jahrelang
       zugenommen hatte, ist die Verwaltung nun immerhin schon wieder so
       „schnell“, wie zuletzt 2021: Knapp fünf Monate vergehen im Schnitt vom
       Bauantrag bis zur Genehmigung.
       
       Nicht drehen kann die Stadt an der Zinsschraube. Und was Tschentscher nicht
       gesagt hat: Der Bau-Boom der Jahre 2018 bis 2020, der dem Bündnis die
       Bilanz gerettet hatte, war durch ein historisches Zinstief begründet, das
       es attraktiv machte, geliehenes Geld in Betongold zu investieren. Das wird
       so vielleicht nie wieder kommen. Kurzfristig wird wegen der instabilen
       Weltlage sogar mit steigenden Bauzinsen gerechnet.
       
       Tschentscher ist deswegen vorsichtig: Er gibt zwar das Ziel aus, auch
       weiterhin 10.000 Wohnungen im Jahr zu genehmigen. Aber er sagt gleich: „In
       den kommenden Jahren wird das schwer zu erreichen sein.“
       
       Für ihn gelten ohnehin andere Maßstäbe: Gern vergleicht er die Bilanz der
       SPD-Senate mit jener der CDU-geführten Vorgängerregierungen: Nicht einmal
       4.000 Wohnungen hätten die im Jahr genehmigt – „das passt nicht zu einer
       wachsenden Stadt“. Dabei war die einst CDU, die die „wachsende Stadt“ zum
       Motto erhoben hatte. „Nicht auszudenken“, so Tschentscher, „wo wir wären,
       wenn wir das einfach weiter hätten so laufen lassen.“
       
       Auch dem Klimabeirat der Stadt gibt der Bürgermeister einen mit, der
       empfohlen hatte, aus Gründen des Klimaschutzes nicht mehr als 5.000 neue
       Wohnungen im Jahr zu bauen: „Das war ein schlechter Rat. Es ist gut, das
       wir uns nicht daran gehalten haben.“ Tschentscher verweist stolz darauf,
       dass der „Mietanstieg in Hamburg deutlich geringer sei als in allen anderen
       Großstädten“. Das sei auch ein Erfolg des Bündnisses.
       
       Dass die Verlängerung um weitere fünf Jahre kein Selbstgänger war, zeigt
       sich an einer vermeintlichen Detailfrage: Die Stadt will künftig wieder
       mehr Flächen an Investoren verkaufen. Dabei hatte die rot-grüne
       Regierungsmehrheit sich erst vor vier Jahren mit der Volksinitiative „Keine
       Profite mit Boden & Miete!“ darauf geeinigt, städtische Grundstücke künftig
       „grundsätzlich“ nur noch in Erbpacht zu vergeben – und das in der
       Verfassung festgeschrieben.
       
       Das Wort „grundsätzlich“ signalisiert allerdings, dass Ausnahmen möglich
       sind. Nun will der Senat bei größeren Neubaugebieten wie etwa dem
       Wilhelmsburger Rathausviertel sogar bis zu 35 Prozent der Flächen
       verkaufen, was gar nicht mehr so nach Ausnahme klingt.
       
       So soll einerseits der so genannte Drittelmix aus Eigentumswohnungen, frei
       finanzierten und geförderten Mietwohnungen gewährleistet werden, den die
       Stadt aus Gründen der Durchmischung der Stadtteile anstrebt. „Das brauchen
       wir, um den Markt anzuschieben“, sagte Kay Brahmst vom Bundesverband Freier
       Immobilien- und Wohnungsunternehmen, „mindestens so lange das Erbbaurecht
       bei den privaten Investoren noch keine Glaubwürdigkeit besitzt.“ Offenbar
       haben die privaten Vermieter dem Senat das abgehandelt.
       
       Die Stadt hat aber auch ein eigenes Interesse daran, wieder mehr Flächen zu
       verkaufen: Sie kann damit einen Teil der hohen Erschließungskosten für
       Neubaugebiete wieder einspielen, statt den Haushalt damit zu belasten.
       
       ## Zu wenig Sozialwohnungen
       
       Künftig dürfte also der fast zum Erliegen gekommene private Wohnungsbau
       wieder etwas Fahrt aufnehmen. Das könnte zu Lasten von Sozialwohnungen
       gehen. Denn wo private dankend verzichteten, war zuletzt oft die städtische
       Sage in die Bresche gesprungen und hatte vor allem öffentlich geförderte
       Wohnungen gebaut.
       
       Künftig könnte sich also die Schlagseite weiter verschärfen, die die Linke
       ausgemacht hat: „Statt dem versprochenen Drittel der Neubauwohnungen wurden
       mit 30.000 geförderten Wohnungen in fünfzehn Jahren gerade mal 27 Prozent
       erreicht“, hat Fraktionschefin Heike Sudmann für die bisherigen Laufzeiten
       des Bündnisses für das Wohnen ausgerechnet. Und gerade die würden dringend
       gebraucht.
       
       Der Bestand hat sich seit Anfang des Jahrtausends halbiert. Zuletzt hat die
       Stadt ihn [3][bei etwa 80.000 stabilisiert], aber nur indem sie unter
       anderem Bindungen bei existierenden Wohnungen angekauft hat. Nur etwa jeder
       achte berechtigte Haushalt bewohnt tatsächlich eine Sozialwohnung.
       
       18 Mar 2026
       
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