# taz.de -- Groteske über Familienerbe: Eiskalte Psychoschlammschlacht
       
       > Oma als Ursünde: Lars Werners „Gewalt erben“ am Deutschen Theater
       > Göttingen ist eine bittere Groteske über ein dunkles Erbe und tiefe
       > Familienkonflikte.
       
 (IMG) Bild: In der Skihütte fallen nicht nur die psychischen Hüllen: „Gewalt erleben“ in Göttingen
       
       Wahnsinn! Mal wieder ein Feier-, Geburts-, Jubiläums-, Todestag als Anlass,
       die schrecklich nette Familie zusammenzurufen. Die wollen alle als gut und
       intakt, als Halt und Sicherheit gebend empfinden. Daher geben sie sich
       Mühe, die Zusammenkunft entsprechend zu inszenieren. Aber unter der dünnen
       Oberfläche wimmelt und brodelt es. Aus dem anfangs noch zugewandtem Kontakt
       zwischen den Generationen erblühen bald alte wie neue Verletzungen und
       Konflikte.
       
       [1][Lars Werner] bezieht sich in seinem [2][am DT Göttingen uraufgeführten
       Stück „Gewalt erben“] auf die großen Psychoschlammschlachten der Kino- und
       Theatergeschichte und nutzt die dafür klassische Enthüllungsdramaturgie:
       Kurz soll der Schein einer Happy Family glänzen, schnell sind die
       Bruchkanten des Miteinanders in den Fokus zu rücken, schon beginnt das
       Hauen und Stechen. Dabei kommt ein düsteres Geheimnis ans Licht, mit dem
       das Seelengemetzel erklärt und aufgezeigt wird. Auswege aus diesen Ritualen
       gibt es nicht.
       
       Damit die negativen Energien ungestört ausbrechen können, ist das Spiel in
       der eiskalten Abgeschiedenheit einer Skihütte angesiedelt. Darauf verweist
       eine Kunstfellkuschelzone vor einer Bretterwand (Ausstattung: Ken Chinea).
       Brodelnder Vulkan und Maître de plaisir des Abends ist Sohn Julian (Leonard
       Wilhelm). Er liebt es, mit Psychopathengrinsen und dem Recht der
       Verzweifelten zu provozieren und Situationen eskalieren zu lassen. Michael
       Letmathe scheint die Regieanweisung ausgegeben zu haben: lustig
       übertreiben.
       
       Es fließt Sekt, was die Entblößung des Personals beschleunigt. Zur
       Verdeutlichung ziehen sich alle bis auf die Unterwäsche aus, tragen dazu
       Fellstiefel oder hundegesichtige Hausschuhe. Sie machen sich zu Witzfiguren
       und sehen auch so aus. Sie setzen mit dem verdichteten Alltagsjargon der
       Vorlage auf einen Realismus der Groteske. Der Figurenzeichnung verzichtet
       auf Tiefe – wie auch der Spielort, die Vorderbühne.
       
       Der Grund der Zusammenkunft: Omas Asche soll beerdigt werden. Aber niemand
       mochte Oma. Sie wird als personifizierte Ursünde der Familiengeschichte in
       Video-Rückblenden vorgestellt. Hat sie doch als Kind im zerbombten Berlin
       des Zweiten Weltkriegs vermutlich einen Wehrmachtssoldaten getötet, um an
       [3][sein Raubgut] zu kommen.
       
       In der DDR konnte er nicht zu Geld gemacht werden, wird in den Westen zu
       einer Cousine geschmuggelt, die ihn einem Museum gibt, von wo aus er nach
       der Wende per Diebstahl zurück in Omas Nachlass wandert. Jede:r mögliche
       Erb:in pitcht nun Ideen, was bei einem Verkauf mit dem Geld geschehen
       könnte. Alle finden, als Menschen mit Ost-Geschichte hätten sie den kleinen
       Reichtum verdient. Oma hat das vorgelebt, die Eltern setzten das fort, was
       Tochter Lena in einer ausufernden Vaterbeschimpfung rauslässt.
       
       ## Traumata und Familientrümmer
       
       Nun stehen sie hier, die auf Abgrenzung bedachten, nie geliebten, nicht
       lieben könnenden Kinder. Und weil die kriminelle Familienenergie offenbar
       ist, endet auch das Stück mit einem weiteren Toten. Die Familie bleibt als
       menschliche Trümmerlandschaft zurück.
       
       Als einzige Hoffnungsträgerin hat sich Lars Werner eine Frau ausgedacht.
       Sie fantasiert in Monologen einen Actionfilm, in dem sie den Degen an sich
       reißt, damit gen Zukunft düst mit einem Kind von Sohn Markus im Bauch. Das
       soll ohne die psychischen und sozialen Deformationen der Familie
       aufwachsen.
       
       Der bitterböse Humor, mit dem Werner die Familie zerlegt, macht Spaß. Dass
       das ein Spiegel der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche der
       jüngeren deutschen Geschichte ist, wird leider nicht deutlich. Kaum
       nachvollziehbar zudem, wie Omas unverarbeitete Erfahrungen zu einem
       transgenerationalen Trauma wurden. Das spielfreudige Ensemble ist um
       satirisch klärende Zuspitzung bemüht, lässt aller Brisanz zum Trotz aber
       eher ratlos zurück im tödlichen Wahnsinn Familie.
       
       16 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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