# taz.de -- Regisseurin über neuen Spielfilm „Alpha“: „Für mich ist das Leben eine fortwährende Mutation“
       
       > Pandemie, Jugend und Krise. Im Spielfilm „Alpha“ erzählt die französische
       > Regisseurin Julia Ducournau von einem Virus, familiären Traumata und
       > Ausgrenzung.
       
 (IMG) Bild: Le Havre in den 80ern: Golshifteh Farahani und Tahar Rahim in Julia Ducournaus Spielfim „Alpha"
       
       Der Spielfilm „Alpha“ kreist um eine 13-Jährige (Mélissa Boros) gleichen
       Namens, die in den 1980ern im französischen Le Havre aufwächst – die Angst
       vor einem ominösen Virus, das Infizierte in Marmor verwandelt, geht um. Als
       das Mädchen auf einer Party tätowiert wird und sich die Wunde entzündet,
       wird sie von ihren Mitschülern gemieden, zugleich scheint ihr
       drogensüchtiger Onkel Amin (Tahar Rahim) bereits infiziert zu sein. Alphas
       Mutter (Golshifteh Farahani) kämpft verzweifelt um beide. 
       
       taz: Frau Ducournau, in Ihrer Body-Horror-Parabel scheint es um Traumata,
       Stigma und die Aidskrise zu gehen. Trotz der Themenvielfalt und des Spiels
       mit Zeitebenen setzt sich alles seltsam stimmig zusammen. Wie kommt man auf
       einen Film wie „Alpha“? 
       
       Julia Ducournau: Ich weiß es nicht! Wie bei jedem meiner Filme ist es ein
       langwieriger Prozess, niemals ist es nur eine einzelne durchschlagende
       Idee. Hier tauchten zuerst Bilder in meinem Kopf auf. Etwa die
       Eröffnungsszene, als Alpha als kleines Mädchen die Einstichlöcher auf dem
       Arm ihres Onkels mit einem Stift verbindet. Diese Einstellung hat für
       meinen Film eine Metabedeutung: Sie verbindet die Punkte wie Erinnerungen,
       als versuche sie daraus einen größeren Sinnzusammenhang herzustellen. In
       etwa so gehe auch ich vor, wenn ich einen Film mache: Ich lese viel, gehe
       in Museen, höre Musik und schaffe ein Netz aus Emotionen, aus dem ich dann
       etwas Kohärentes schaffen muss. Dabei leiten mich wiederum meine Figuren.
       
       taz: Welche Figur kam Ihnen in diesem Fall denn zuerst in den Sinn? War es
       Alpha selbst? 
       
       Ducournau: Für mich sind meine Figuren untrennbar miteinander verbunden,
       wie in einem Dreieck. Das Schicksal von Alpha, ihrer Mutter und Amin sind
       miteinander verwachsen, ihre Leben beeinflussen einander – und sie helfen
       sich auch gegenseitig, sich zu befreien. Amin zum Beispiel hilft Alpha bei
       der Emanzipation aus der Sphäre ihrer Mutter und deren Traumata. Alpha
       wiederum hilft ihrer Mutter, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und
       ihr Leben zurückzubekommen. So schafft sie es, ihren Bruder loszulassen –
       was dieser von Anfang an wollte. Letztlich setzen sie einen positiven
       Kreislauf in Gang.
       
       taz: Der erste Teil von „Alpha“ fühlt sich an wie ein Pandemie-Film oder
       eine Parabel über Ausgrenzung und Stigmatisierung, während sich die zweite
       Hälfte stärker dem Familiendrama zuwendet. Wie sehr hat sich die
       Coronapandemie in diesen Film eingeschrieben? 
       
       Ducournau: Indirekt ist die Pandemie in „Alpha“ gewiss gegenwärtig –
       weniger in Gestalt von „Lockdowns“ als in der allmählichen Verdunkelung der
       Welt, die in diesen Jahren begann. Die soziale und wirtschaftliche
       Rezession und wie sie die jüngere Generation daran hinderte, in ein
       selbstbestimmtes Leben einzutreten, ist im Film spürbar. Sie hätten
       erblühen sollen, eine eigene Zukunft aufbauen, und dann kam die
       Gesellschaft plötzlich zum Erliegen. Das ist herzzerreißend, es ist
       hochgradig unfair – und wir erwarten von dieser Generation, einfach damit
       klarzukommen.
       
       taz: Unfair, aber mit welchen Folgen? 
       
       Ducournau: Ich frage mich, was für eine Gesellschaft werden wir wohl in 15
       bis 20 Jahren erleben, die dann aus Erwachsenen besteht, deren Biografien
       plötzlich gestoppt wurden und die unverarbeitete Trauma mit sich
       herumtragen? Hier wird etwas unterdrückt – und alles, was in einer
       Gesellschaft unterdrückt wird, nicht verarbeitet wird, interessiert mich
       filmisch, so wie es in den Achtzigern und Neunzigern der Fall war, während
       der Aidskrise. Patienten wurden bloßgestellt und beschämt, ihr Lebensstil
       und ihre Familien gleich mit. Aus Furcht vor der Schmach wurde geschwiegen,
       weiter unterdrückt – und bis heute gibt es keine richtige Anerkennung
       dafür, dass die Gesellschaft betroffene Menschen misshandelt hat. Das
       Trauma lebt fort, auch wenn die Wissenschaft voranschreitet und Medikamente
       heute ein erfülltes Leben trotz Infektion ermöglichen – das soziale Stigma
       existiert weiterhin.
       
       taz: Sie wählen in „Alpha“ eine Metapher, um die Krankheit darzustellen:
       Infizierte Menschen werden allmählich zu Marmor, an der Krankheit
       Verstorbene enden als Statuen – warum dieses Bild? 
       
       Ducournau: Marmor ist wie kein anderer Stein. Er ist nobel, wird in
       Kathedralen und Kirchen verwendet und wird als sakral angesehen. Ich habe
       diese Metapher also gewählt, um denen, die mit Scham beladen und aus der
       Gesellschaft verdrängt wurden, das Edle und Würdige zurückzugeben – ich
       wollte ihrem Leben und Sterben etwas Sakrales verleihen. Das möchte ich
       allerdings betonen: Das Sakrale kommt für mich aus dem Inneren, den
       Patienten selbst – nicht von irgendeinem Gott, irgendetwas „da oben“.
       
       taz: Die „Marmor“-Metapher wirkt wie eine sanfte Geste, doch der Stein ist
       kalt und hart. Diese Gleichzeitigkeit ist charakteristisch für „Alpha“: Es
       gibt viele Bilder, die sowohl poetisch als auch sehr brutal sind. Etwa die
       Szene, in der Alphas Tattoo vor ihrer Klasse auf ein Bild von Edgar Allan
       Poe blutet, was dazu führt, dass die Mitschüler sie noch weiter ausgrenzen
       … 
       
       Ducournau: Das ist interessant! Die Linie zwischen Fleisch und Stein auf
       der einen Seite und dem Blut und Bild auf der anderen habe ich selbst noch
       nicht gezogen. Aber es ergibt Sinn, darüber werde ich nachdenken. Zum
       Marmor will ich ergänzen: Es ist ein unheimliches Bild, durchaus, zugleich
       aber ist Stein ein nicht wandlungsfähiges Material, anders als das Metall
       in „Titane“ kann es nicht geschmolzen werden, kann seine Form nicht ändern.
       Für mich ist das Leben eine fortwährende Mutation, damit ist der Tod die
       Abwesenheit jeglicher Mutation – und Marmor das perfekte Material, um das
       zu verdeutlichen. Näher wage ich mich jedenfalls nicht an meine eigene
       Furcht vor der Sterblichkeit heran als mit diesem symbolischen Bild.
       
       taz: Poes Gedicht „A Dream Within a Dream“ wird in besagter Szene zitiert,
       und Ihr Film selbst hat etwas Traumartiges an sich, fühlt sich zeitlos an
       und stellt doch diese klare Verbindung zur Aidskrise der 1980er/90er Jahre
       her. War das Gefühl der Zeitlosigkeit intendiert? 
       
       Ducournau: Ich fühle mich am Wohlsten, wenn sich weder Zeit noch Raum
       festlegen lassen, in dem sich meine Geschichten abspielen. Mir ist es
       wichtig, dass sich zu meinen Filmen eine universellere Beziehung herstellen
       lässt – die inneren Reisen, die mentalen Räume sind das, worauf es
       tatsächlich ankommt. Ich stelle gewissermaßen meinen eigenen
       Gedankenzustände aus und hoffe, dass das Publikum sie sich aneignen, sie
       auf sich beziehen kann. Meine Filme haben etwas von Frankensteins Kreatur,
       wenn Sie so wollen.
       
       taz: Ein gutes Stichwort, um über die Bedeutung des Körpers in Ihrem Werk
       zu sprechen: Mit der [1][Auszeichnung von „Titane“ mit der Goldenen Palme,
       dem Hauptpreis in Cannes], hat „Body Horror“ in den vergangenen Jahren eine
       neue Aufmerksamkeit erlangt. Was fasziniert Sie so am Körper als
       Schauplatz? 
       
       Ducournau: Für mich ist der Körper der Inbegriff der Menschlichkeit, der
       Ort, an dem wir mit anderen in Kontakt treten können. Und trotzdem wird der
       Körper tabuisiert und mit sozialen Manierismen beladen. Man spricht nicht
       über bestimmte Dinge, die er tut, wir tragen Make-up auf und kleiden ihn in
       Dinge, die ihm schmeicheln sollen. Das heißt, alles Körperliche, das in
       sozialen Kontexten akzeptiert wird, ist eigentlich eine Maske. Doch das ist
       nicht, was wir selbst im Spiegel sehen, und es täuscht auch nicht über die
       Angst hinweg, die ebenfalls tabuisiert wird, dass unser Körper vielleicht
       nicht so agiert und reagiert, wie wir uns das wünschen. Sein Verfall darf
       nicht thematisiert werden, weil er uns ängstigt, ebenso wie seine
       Geheimnisse – wann und woran wir sterben werden. Doch die grotesken
       Transformationen, die wir im Laufe dieses Lebens durchlaufen, zu
       thematisieren, kann Empathie, kann Mitgefühl für einander erzeugen. Ich
       will daher diese Scham durchbrechen, gerade wenn es um weibliche Körper
       geht. [2][Bei Frauen steht die fleischlich-organische Seite der Existenz
       nun mal viel mehr im Fokus] als bei Männern. Ich stelle mich dem und will
       herausstellen, dass der weibliche Körper nicht glamourös sein muss. Der
       Körper bindet uns alle an das gleiche Urteil, und dieses egalitäre Moment,
       das so oft verkannt wird und uns als Menschen verbindet, interessiert mich.
       
       1 Apr 2026
       
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