# taz.de -- Vom Basketballtrainer bedrängt?: Belästigte Frauen vor Gericht
       
       > Basketballerinnen eines Berliner Vereins beanstanden
       > grenzüberschreitendes Verhalten des Trainers vom Männerteam. Nun müssen
       > sie sich verteidigen.
       
 (IMG) Bild: Füreinander einstehen: Basketballerinnen am Rande eines Spiels
       
       Eine Gruppe Frauen drängt an einem Wintermorgen im Dezember in einen
       Berliner Gerichtssaal. Es geht laut und vertraut zu. Einige haben sich
       monatelang nicht gesehen. Zimtschnecken werden verteilt. Für das gemeinsame
       Wohlergehen ist gesorgt an diesem schwierigen Tag. Denn sie sind als
       Beklagte vor dem Berliner Landgericht vorgeladen worden. Kläger ist der
       ehemalige Basketballtrainer der Männermannschaft ihres Vereins.
       
       Mehrere Basketballerinnen werfen dem früheren Klubtrainer
       grenzüberschreitendes Verhalten vor, weshalb sie im Verein darauf
       aufmerksam machten. Nun sitzen die Frauen hier. Das sei der Kern des
       Problems, sagt ihre Anwältin Ludmilla Kuhlen, dass Betroffene sich vor
       Gericht rechtfertigen müssen, weil sie sich vor zwei Jahren Hilfe gesucht
       haben.
       
       Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein Trainer, der auf eine
       Spielerkarriere als Profi zurückblicken kann, und der die hier Beklagten
       nach deren Schilderungen wiederholt und teils zu später Stunde über soziale
       Medien anschrieb, Partyeinladungen aussprach und übergriffige Fragen
       stellte. So soll er eine Frau, die auf seine Nachfrage schrieb, dass sie
       Frauen liebe, erklärt haben, sie habe vielleicht noch nicht den richtigen
       Mann gefunden.
       
       „Das war einfach unangemessen“, erklärt Anna (alle Namen der Betroffenen
       hat die Redaktion anonymisiert), die selbst betroffen, aber nicht
       Beteiligte des Verfahrens ist. „Als wir uns in der Umkleide zufällig
       austauschten, wurde klar, dass mehrere von uns ähnliche Nachrichten
       bekommen hatten. Er hat uns [1][unseren Safe Space] genommen“, erklärt sie.
       Warum sie nicht vor Gericht steht? Sie gehe davon aus, erklärt Anna, dass
       nur Spielerinnen, die an dem vereinsinternen Meeting zum Trainerverhalten
       teilgenommen haben, auf der Anklagebank sitzen.
       
       ## Trainer weist Vorwürfe zurück
       
       Der Trainer, der von seinem Anwalt etwas hochtrabend als „Legende in
       Basketballkreisen“ beschrieben wird, sieht sein Persönlichkeitsrecht durch
       eine „Verleumdungskampagne“ verletzt und fürchtet um seine Karriere. Er
       weist die Vorwürfe der Frauen zurück. Nach seiner Darstellung seien seine
       Äußerungen und Nachrichten missverstanden worden. Er wünscht sich einen
       Schrieb, aus dem hervorgeht, dass er niemanden belästigt habe. Sein Anwalt
       beschreibt die Vorwürfe als „Cancel-Kampagne“ und „hanebüchen“.
       
       Damals folgte zwischen den Beteiligten des Konflikts ein Gespräch in der
       Umkleidekabine, das dem Trainer die Möglichkeit der Entschuldigung bot.
       Doch dies verlief für die Spielerinnen enttäuschend. „Er hat sich
       verteidigt, alles relativiert und schlimmer gemacht“, berichtet Emily. „Er
       meinte, er habe ja fünf Schwestern, würde niemals Frauen belästigen.
       
       Er hat den Absprung vom Spielerdasein nicht geschafft. Das hier ist ein
       anderes Machtgefälle“, erklärt sie die Nachrichten, die er an ihre
       Teamkolleginnen versendet hat und in denen sie ein Nähe-Distanz-Problem
       sieht. Unter Spielern und Spielerinnen seien Kontaktaufnahmen und Austausch
       über Privates üblich. Geht diese Ansprache jedoch von Trainern aus, bekäme
       es ihr zufolge eine andere Bedeutung.
       
       Der Basketballverein, um den es hier geht, gibt sich nach außen offen,
       bunt, progressiv. Doch hinter den Kulissen zeigt sich: Zwischen Leitbild
       und Alltag klafft eine Lücke. „Practice what you preach“, tadelt Spielerin
       Emily. Mittlerweile gibt sie selbst Training in dem Verein.
       
       Nach Bekanntwerden der Vorwürfe tagte der damalige Vorstand, bestehend aus
       drei Männern und einer Frau. Letztere plädierte für eine Entlassung des
       Trainers, um den Verein für die betroffenen Frauen zu einem sicheren Ort zu
       machen. Sie wird jedoch überstimmt. Der ehemalige Geschäftsführer erklärt
       im Nachhinein, es sei um subjektive Wahrnehmungen gegangen. Es wäre viel
       Emotionalität im Spiel gewesen. „Es war für uns nicht ausreichend, um eine
       Kündigung zu vollziehen.“ Der Vorstand beschließt folgende Maßnahmen:
       Kontaktverbot zu den Spielerinnen, ein verpflichtender
       Sensibilisierungs-Workshop, die Spende eines Monatsgehalts des Trainers.
       
       ## Fatale Entscheidung
       
       Immerhin, könnte man sagen. Doch eine Entscheidung des Vorstands wird den
       Frauen zum Verhängnis. Das interne Protokoll des Treffens, in dem sich die
       Spielerinnen über ihre intimsten Erfahrungen mit Grenzüberschreitungen
       austauschten, wird an den Trainer herausgegeben – samt Adressen der
       Spielerinnen. Diese erfuhren von der Weitergabe erst, als sie Abmahnungen
       und zwei Jahre später dann Klageschriften in ihren Briefkästen vorfanden.
       Seit Mai 2024 ist der Trainer nicht mehr für den Verein tätig. Seine
       Kündigung begründete der Verein damals mit „notwendigen finanziellen
       Einschnitten“.
       
       Die Spielerinnen fühlen sich vom Verein verraten. „Vereinsvorstände können
       halt nicht nur aus Bros bestehen“, kritisiert Maira, die im Verein auch als
       Trainerin arbeitet.
       
       Der Landessportbund Berlin (LSB) macht auf die Grenzen vereinsinterner
       Lösungen aufmerksam, „sobald Unabhängigkeit, Schutz oder Fachlichkeit nicht
       mehr gewährleistet sind“. Dann sei [2][externe Unterstützung] nicht nur
       sinnvoll, sondern notwendig. Dabei gibt es allerdings ein Problem.
       Unabhängige Beschwerdestellen, die selbst ermitteln können, fehlen, räumt
       Gerd Graus, Sprecher des LSB, ein. „Wir empfehlen, dass Privatkontakte
       zwischen Trainerinnen und Spielerinnen möglichst vermieden werden.
       Kommunikation sollte über offizielle Vereinskanäle laufen, keine privaten,
       nicht trainingsbezogenen Themen, insbesondere zu später Stunde.“
       
       Aus einem vereinsinternen Protokoll, das der taz vorliegt, geht hervor,
       dass ein damaliges Vorstandsmitglied des Basketballvereins „das Thema“ bei
       der damaligen Gleichstellungsbeauftragten des Landessportbunds eingereicht
       und diese die „getroffenen Maßnahmen“ als „angebracht“ befunden habe. Diese
       Kontaktaufnahme seitens des Vereins konnte durch den Landessportbund wegen
       eines Personalwechsels an dieser Stelle nicht bestätigt werden.
       
       ## Auch finanziell bedrohlich
       
       Laut Landessportbund brauche es verbindlichere und bekanntere Strukturen
       [3][wie unabhängige Anlaufstellen], eindeutige Zuständigkeiten sowie
       transparente Melde- und Beratungswege. Es brauche zudem, so die Forderungen
       der Spielerinnen, klare Regeln für den Kontakt zwischen Trainerinnen und
       Spielerinnen, Whistleblower-Mail-Adressen und interne
       Gleichstellungsbeauftragte.
       
       Aufklärung sowie das Implementieren von Verhaltensrichtlinien und
       unabhängigen Anlaufstellen findet Emily ebenfalls wichtig. Mit den
       Maßnahmen des Vereins ist sie bis heute unzufrieden. Ihr Weg nun vor das
       Berliner Landgericht schrecke andere Betroffene ab. „Nach dem Motto: Sag
       lieber nichts, sonst stehst du selbst vor Gericht. Aber wir sprechen Fakten
       aus.“ Es ginge doch um Folgendes: „Hat er uns geschrieben? Ja. Wollten wir
       das nicht? Ja. Und das muss erzählt werden, egal, was dagegen unternommen
       wird.“
       
       Der Preis dafür ist hoch. Der Streitwert der Klage wird mit 70.000 Euro
       bemessen. Diese Prozesstage seien nicht nur finanziell bedrohlich, sondern
       auch emotional belastend, sagen die Spielerinnen. „Das glaubt mir immer
       keiner, wenn ich das erzähle“, sagt Emily, deren Verhandlung noch aussteht.
       Im Gerichtssaal sitzt der Kläger mit hängenden Schultern, sein Gesicht hat
       er auf die Hand gestützt. Den Beklagten wiederum stehen im Publikum Freunde
       und Familie bei. „Ich musste fast weinen“, sagt Anna, die von der
       Solidarität ergriffen ist. Der Prozess habe auch die Beklagten
       zusammengeschweißt.
       
       ## „Recht kann nicht alles lösen“
       
       Ludmilla Kuhlen hebt die große Relevanz des Verfahrens hervor. Die Anwältin
       sagt: „Es ist ein Frauenthema. Ich möchte gesellschaftliche Verantwortung
       übernehmen, und weiß, was es heißt, mit Dingen konfrontiert zu sein, die
       die Absender solcher Botschaften als nicht gravierend empfinden.“
       
       Für sie ist klar: „Es gibt Lebensbereiche, die nicht der juristischen
       Wertung zugänglich sind. Das Recht kann nicht alles lösen. Es geht um
       Gerechtigkeit, aber auch um Befriedung.“ Ihr Fazit: „Es bleibt verbrannte
       Erde zurück.“ Wie das der ehemalige Trainer der Männermannschaft sieht, ist
       unklar. Auf eine Anfrage der taz hat er sich bis Redaktionsschluss nicht
       geäußert.
       
       Das Landgericht Berlin hat an diesem Tag die Klage des Trainers
       zurückgewiesen. Wegen „geringer äußerungsrechtlicher Relevanz“, wie es
       heißt. Die Freude der Spielerinnen darüber ist begrenzt. Es bleibe das
       Gefühl, sich für die eigene Wahrnehmung rechtfertigen zu müssen, sagen sie.
       Der Anwalt des Trainers hat bereits Berufung gegen das Urteil vom Dezember
       eingelegt. Dazu werden nach den fünf bisherigen abgewiesenen Klagen weitere
       drei Verfahren in dieser Angelegenheit bis Juni verhandelt. Ungelöst bleibt
       die Frage: [4][Wer schützt eigentlich diejenigen, die Missstände benennen?]
       Und was bleibt von dem Versprechen der Vereine, Frauen einen sicheren Raum
       zu bieten, wenn das Benennen von Grenzverletzungen sie vor Gericht führt.
       
       27 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Debatte-um-Safe-Spaces/!5363497
 (DIR) [2] https://www.lsb-berlin.de/themenwelten/kinderschutz
 (DIR) [3] /Anlaufstelle-fuer-Gewaltopfer-im-Sport/!5852496
 (DIR) [4] /Sexualisierte-Gewalt-im-Sport/!5827703
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nathalia Böckmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Basketball
 (DIR) Frauensport
 (DIR) Belästigung
 (DIR) Sexismus
 (DIR) Gewalt gegen Frauen
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Sportvereine
 (DIR) Sexualisierte Gewalt
 (DIR) Schwerpunkt #metoo
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Bundesweites Trainerregister: Rote Karte für Täter
       
       Sportvereine haben ein massives Problem mit sexualisierter Gewalt. Täter
       sind oft Trainer. Bessere Kontrollmaßnahmen sind längst überfällig.
       
 (DIR) Missbrauch im Sport: Sicher schwimmen
       
       Eine Untersuchung stellt dem Deutschen Schwimm-Verband ein miserables
       Zeugnis im Umgang mit sexualisierter Gewalt aus. Neue Regeln sollen es nun
       richten.
       
 (DIR) #MeToo beim Fußball: Leider kein Safe Space
       
       Das Machoreich des Weltfußballs blieb viel zu lange verschont von der
       #MeToo-Debatte. Das gilt auch für den Frauenfußball.