# taz.de -- Küstenschutz in Zeiten des Klimawandels: Wo die Deiche weichen
       
       > In Schleswig-Holstein bringt der Klimawandel alte Gewissheiten ins
       > Wanken: Immer höhere Deiche können Sturmfluten nicht abwehren. Was dann?
       
 (IMG) Bild: Immer länger, höher, breiter reicht nicht: Es braucht an der Ostsee Alternativen zum Deich
       
       Die Ostsee zeigt sich an diesem Frühlingstag von ihrer besten Seite:
       Schaumgekrönte Wellen laufen am Strand aus, Möwen hängen am blauen Himmel,
       eine Familie schiebt Fahrräder zum Strand. Doch Hans-Rudolf Osbahr,
       Bürgermeister der Gemeinde Behrensdorf im Kreis Plön in Schleswig-Holstein,
       und Jörg Dittmann, der Vorsitzende des örtlichen Deichverbandes, kennen
       auch die anderen Gesichter der See.
       
       Osbahr zeigt auf einen Punkt am Deich, der den Küstenort mit seinen rund
       630 Bewohner:innen vor Sturmfluten schützen soll: „Da stand das
       Wasser.“ Kaum 40 Zentimeter hätten bei der Sturmflut im Herbst 2023
       gefehlt, und der Deich wäre überspült gewesen. Nun will die Gemeinde ihn
       aufgeben.
       
       Moment – den Deich nicht verstärken, sondern öffnen? Ja, bestätigt der
       CDU-Politiker Osbahr: „Es ist allen klar, dass wir das machen müssen.“
       Dittmann nickt.
       
       „De nich will dieken, mutt wieken“ – wer nicht deichen will, muss weichen –
       heißt es seit Jahrhunderten an Schleswig-Holsteins Küsten. Aber der
       Klimawandel bringt alte Gewissheiten ins Wanken. Die Meeresspiegel steigen,
       und die Ostsee, als flaches Binnenmeer eigentlich harmloser als die Nordsee
       mit ihrem Tidenhub, zeigt immer öfter, dass sie gefährlich werden kann.
       
       ## Deiche allein reichen nicht mehr aus
       
       „Bei der Sturmflut 2017 sagte der damalige Bürgermeister, das sei ein
       Jahrhundertereignis“, erinnert sich Osbahr. Dann kam 2019 die nächste Flut.
       Und 2020. Und 2023, [1][als die See die Innenstädte von Flensburg und
       Schleswig überspülte].
       
       Damals kamen viele Kommunalpolitiker:innen ins Grübeln. Denn oft
       unterhalten kommunale Deichverbände, die den örtlichen Gemeinderäten
       unterstehen, die Deiche an Schleswig-Holsteins Ostseeküste. Immer höher und
       immer breiter bauen? „Wir haben ein Jahresbudget von 20.000 Euro“, sagt
       Dittmann. Das ist kaum ein Taschengeld angesichts der 80 bis 90 Millionen
       Euro, die Land und Bund pro Jahr für Schleswig-Holsteins Küstenschutz
       ausgeben.
       
       Den Großteil [2][verschlingen die Außendeiche an der Nordsee], die die
       flachen Köge schützen. Sie liegen unter dem Meeresspiegel und würden
       bereits bei normalen Fluten überspült werden. Aber auch an der 541
       Kilometer langen Ostseeküste gibt es Gebiete, die vom Wasser bedroht sind.
       Insgesamt liegt fast ein Viertel Schleswig-Holsteins, rund 4.000
       Quadratkilometer, in überflutungsgefährdeten Küstenniederungen.
       
       „In diesem Raum leben etwa 333.000 Menschen und sind Sachwerte in Höhe von
       60 Milliarden Euro vorhanden“, heißt es auf der Homepage des Umwelt- und
       Küstenschutzministeriums, [3][das eine „Niederungsstrategie“ für den Schutz
       dieser Flächen entworfen hat].
       
       Für neue Ansätze plädiert auch Volkher Looft, Sprecher der
       Arbeitsgemeinschaft „Rettet Feuchtgebiete“, einem Verbund von
       Naturschützer:innen auf Landesebene. Looft steht ebenfalls am
       Behrensdorfer Deich, aber an einem Punkt, von dem er ins Naturschutzgebiet
       sehen kann.
       
       In den 1960er Jahren baute die Gemeinde den Schutzwall auf dem kürzesten
       Weg quer durch den naturgeschützten Binnensee und die Feuchtwiesen. „Mitten
       durch's Herz des Naturschutzgebietes“, sagt Looft, der sich seit
       Jahrzehnten für Naturschutz engagiert, unter anderem war er fast ein
       Vierteljahrhundert Vorsitzender des Landesnaturschutzverbandes
       Schleswig-Holstein. Er hat ein Fernglas in der Hand und hält nach Vögeln
       Ausschau, der Binnensee ist – trotz des störenden Deichs – ein Paradies für
       seltene Arten.
       
       ## Weniger Deiche mehr Küstenschütz?
       
       Die AG Feuchtgebiete entstand 1981 als Zusammenschluss von
       Naturschutz-Aktiven aus verschiedenen Verbänden. Sie setzt sich für eine
       „Meereswende“ ein: Deiche an der Ostsee sollten abgebaut und soweit irgend
       möglich ins Landesinnere verlegt werden.
       
       Es gehe nicht darum, den Schutz zu schleifen, betont Looft. Er plädiert
       allerdings dafür, den alten Deich nicht zu durchbrechen, sondern abzutragen
       und als Baumaterial für den neu entstehenden Riegeldeich vor Behrensdorf zu
       verwenden. „Ansonsten würde dieses Deichstück legal oder illegal von
       Wanderern genutzt und die Vogelwelt des angrenzenden Flachsees ständig
       aufgestört“, befürchtet er.
       
       Der Rückbau würde für ein breiteres Vorland und damit mehr Küstenschutz
       sorgen. Denn die Ostsee brauche Raum, damit die Meeresenergie bei
       Sturmfluten auslaufen und durch die aufkommende Vegetation gebremst werden
       kann.
       
       So, wie Looft es erklärt, klingt es simpel. Aber das ist es natürlich
       nicht. Denn wenn ein Deich verlegt wird, geraten Flächen, die bisher
       geschützt waren, in Überflutungsgefahr. In Behrensdorf ist vor allem das
       Naturschutzgebiet betroffen, da gibt es keine Kläger:innen.
       
       ## Diskussion um Deiche gab es schon in den 1990ern
       
       Aber es braucht auch die Zustimmung privater Landbesitzer:innen, die
       Flächen für den Bau eines neuen Deichs weiter im Inland abtreten müssen. In
       den 1990er Jahren diskutierten die Behrensdorfer:innen schon einmal
       die Rückverlegung. Damals habe es große Ängste gegeben, sagt Dittmann: „Es
       hieß, der Strand werde unbenutzbar, dabei liegt der ohnehin vor dem Deich.“
       
       1996 sprach sich eine Mehrheit gegen die Deichverlegung aus. Jetzt, drei
       Jahrzehnte später, beschloss der Gemeinderat den Neubau einstimmig. Es
       seien eben andere Zeiten, sagt Osbahr. „Niemand will bei Hochwasser hier
       stehen und sagen, da sei leider nichts zu retten“, ergänzt Dittmann.
       
       Retten soll es nun das Land, das den neuen Deich im Hinterland bauen und
       unterhalten soll. Auf die Frage, was das Küstenschutzministerium
       grundsätzlich von der Idee der „Meeresende“ halten, die Volkher Looft und
       die AG Feuchtgebiete vertreten, sagt Clara van Biezen, Sprecherin des
       Ministers Tobias Goldschmidt (Grüne), spontan: „Das machen wir doch
       längst!“ Das erste erfolgreiche Projekt gab es 2009 [4][im
       Naturschutzgebiet Geltinger Birk].
       
       ## Gemeinden müssten Hoheit abgeben
       
       Das Ministerium argumentiert wie Volkher Looft: Mit der Rückverlegung der
       Deichlinie könne eine Zone geschaffen werden, die bei starken Sturmfluten
       einen Großteil der Energie der einlaufenden Sturmwellen abbauen.
       „Deichrückverlegung trägt also zur Stärkung des Küstenschutzes bei“, so van
       Biezen.
       
       Die AG Feuchtgebiete hat in einer Broschüre eine Liste mit 50 Stellen
       veröffentlicht, an denen Deiche zurückverlegt und der Natur mehr Raum
       gegeben werden könnte. Doch die einfach abzuarbeiten, kommt aus Sicht des
       Landes nicht infrage. „Um den Aufwand in einem vertretbaren Rahmen zu
       halten, müssen wir Schutzmaßnahmen auf Siedlungen und wichtige
       Infrastrukturanlagen fokussieren“, so die Sprecherin. Lösungen könnten
       „regional sehr unterschiedlich aussehen“.
       
       Denn es braucht Gemeinden, die die Hoheit über ihre Deiche abgeben, und
       Landbesitzer:innen, die zulassen, dass ihre Flächen ausgedeicht werden. Und
       offenbar braucht es, wie in Behrensdorf, einfach Zeit, um neue Erkenntnisse
       reifen zu lassen.
       
       1 Jun 2026
       
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