# taz.de -- Weniger arbeiten als man will: Ein Traumjob
       
       > Anspruch auf einen Job per Bundesteilhabegesetz zu haben, heißt nicht,
       > ihn zu bekommen. Auch wenn mal alles passt. Und das kommt nur sehr selten
       > vor.
       
 (IMG) Bild: Nicht alles macht Spaß. Aber Pappe zerreißen beispielsweise kann ein schöner Job sein
       
       Mein Sohn Willi ist zur Zeit arbeitslos. Neulich hat er ein Praktikum
       gemacht. Die Arbeit war sehr abwechslungsreich und alles dort im Betrieb
       ist ganz auf den einzelnen Menschen abgestimmt. Diversität wird gelebt und
       die Kantine ist super.
       
       Außerdem gehen sie während der Arbeitszeit regelmäßig an die frische Luft.
       Falls jemand eine Pause benötigt, gibt es einen separaten Raum zum Hinlegen
       und immer freitags wird vor Ort musiziert.
       
       Was jetzt wie ein Job bei Google klingt, ist aber in Wirklichkeit ein Platz
       in einer Tafö. Das bedeutet Tagesförderstätte und das ist der Ort, an dem
       [1][die Menschen beschäftigt werden, die für die Behindertenwerkstatt zu
       behindert sind.] Ein Tafö-Platz ist allerdings ähnlich schwierig zu
       bekommen, ein Job wie bei einem Techgiganten im Silicon Valley.
       
       Wenn es um Wohn- oder Arbeitsplätze für Menschen mit hohem
       Unterstützungsbedarf geht, muss man entweder sehr viele Einrichtungen über
       sehr viele Jahre sehr anbetteln (die dann vielleicht nicht mal gut sind),
       oder man hat das irre Glück, genau im richtigen Moment am richtigen Ort
       anzufragen und kein Kind mit einer hochgradig stigmatisierten Behinderung
       wie Autismus zu haben.
       
       Willi hat auf diese Art einen tollen Platz zum Wohnen bekommen, dafür aber
       leider seinen geliebten Arbeitsplatz verloren, weil der Weg für die
       Beförderung zu weit war. Wenn Willi unbeschäftigt ist, ist er nicht etwa
       untätig. Im Gegenteil: Ein gelangweilter Willi hat einen enormen Tatendrang
       und man kann nur hoffen, dass der Hausmeister nicht noch einmal den
       Akkuschrauber auf dem Flur stehen lässt.
       
       Obwohl unser Bundeskanzler sagt, wir sollten mehr arbeiten, meint er damit
       nicht Willi. Der würde gerne arbeiten, darf aber nicht, weil er kein
       Arbeitnehmer im Sinne einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung
       ist und zerschraubte Möbel möchte man auch nicht ständig haben. Ein
       Arbeitsgeber ist Willi auch nicht, obwohl er eine Menge Arbeit verursacht.
       
       Erwerbstätig wird Willi auch nie sein, denn behinderte Menschen erwerben
       weder in der Werkstatt noch in der Tagesförderung Geld mit ihrer Arbeit.
       Willi ist vielmehr einer der Kostenfaktoren im sozialen Bereich, von denen
       Herr Merz oft spricht. Ein blödes Gefühl.
       
       Viele Mütter würden übrigens ganz gerne zur Abwechslung mal für Geld
       arbeiten gehen, [2][können das aber aufgrund ihres „Ich habe ein
       behindertes Kind ohne verlässliche Betreuung][3][“][4][-Lifestyles nicht].
       
       ## 25 Schrauben, 25 Löcher
       
       Am Ende von Willis Praktikum war übrigens klar: Sägen und Spazierengehen
       hat ihm nicht gefallen. Pappen zerreißen und Mittagessen hat ihm gut
       gefallen. Sein Traumjob war aber Folgender: Eine Unmenge großer Schrauben
       musste in Paketen zu jeweils 25 Stück verpackt werden. Weil Willi nicht
       zählen kann, durfte er die Schrauben in ein Brett mit 25 vorgebohrten
       Löchern stecken.
       
       Diese Arbeit hat ihn so fasziniert, dass er am Musikfreitag nicht mal in
       den Partyraum gehen wollte. Willi will den Job! Auch die Einrichtung möchte
       Willi! Ein Sechser im Lotto! Leider muss aber alles, worauf ein Mensch
       [5][laut Bundesteilhabegesetz Anspruch hat], trotzdem erst beantragt und
       bewilligt werden in unterbesetzten und völlig überlasteten Behörden.
       
       Die Tagesförderung wird nur genehmigt, wenn auch eine Bewilligung für die
       Fahrten vorliegt, die aber nur gewährt wird, wenn der Beförderungsdienst
       Kapazitäten hat usw. Ein zäher Prozess, der bei einem zwangsläufig
       denselben Impuls wie bei Willi nach drei Monaten ohne Beschäftigung
       auslöst, nämlich sich auf den Kopf zu hauen.
       
       Schade, dass es für Willi nicht einen Job im Lager direkt bei Würth oder
       SPAX gibt. Seine Mitarbeiter*innen müssten ihn nur auf die Toilette
       begleiten, Blasmusik mögen und rechtzeitig sein Sortierbrett ausleeren.
       Sonst kippt Willi nämlich die Schrauben wieder raus, um sie danach fein
       säuberlich zurückzustecken. Für ihn ist der Weg das Ziel – außer beim
       Spazierengehen.
       
       12 Mar 2026
       
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