# taz.de -- Klimawandel in den Alpen: Die Bereitschaft zum Nichtduschen wächst
> Der Deutsche Alpenverein will bis 2030 klimaneutral sein, der
> Ressourcenverbrauch der Hütten soll sinken – zum Beispiel mit
> Trockentoiletten.
(IMG) Bild: Trockentoiletten: Was das für den Wirt heißt, wollen die Warte wissen. Mehrarbeit: Er muss die Scheiße-Säcke regelmäßig tauschen
Wenn in wenigen Wochen die ersten Bergwandernden die Neue Prager Hütte im
Nationalpark Hohe Tauern erreichen, werden sie eine Überraschung erleben.
Die Hütte mit ihren 70 Schlafplätzen, hoch gelegen mit fast 2.800 Metern,
hat umgebaut: Es wird unbequemer, statt Spültoiletten gibt es jetzt
Trockentoiletten, und das auch noch außerhalb des Hauptgebäudes.
Die Bauarbeiten an dieser Hütte sind erst der Anfang. Denn [1][der
Klimawandel hat die Alpen längst härter erreicht als das Flachland]:
Während die globale Durchschnittstemperatur um etwa 1,5 °C gestiegen ist,
verzeichnen die Alpen bereits eine Erwärmung von über 2 °C. Das hat Folgen:
Hütten, die vom Schmelz- und Regenwasser abhängen wie die Neue Prager
Hütte, fehlt immer öfter Wasser – für Trinkwasser, Toiletten, Duschen.
Häuser, die Strom mit Kleinwasserkraftwerken erzeugen, müssen umplanen.
[2][Wege und Brücken, die von Muren, Steinschlag oder Starkregen bedroht
sind], müssen aufgeräumt, gesichert oder verlegt werden.
Vielerorts wird umgedacht: Im Brandenburger Haus, das auf rund 3.280 Metern
im Ötztal thront – dort gab es noch nie Duschen –, soll auch im Waschraum
und in der Küche Wasser gespart werden. Die Berliner Hütte, der imposante
„Alpenpalast“ im Zillertal, steht vor einer anderen Herausforderung: Ein
Zuweg muss komplett verlegt werden.
Neu ist das Thema für den Deutschen Alpenverein (DAV) nicht, der will 2030
klimaneutral sein. Aber jetzt geht der Verein mit seinen 325 Hütten noch
weiter. Schluss mit Luxus und Komfort auf den Bergen, mit schicken
Ausbauten und teuren Brücken. Stattdessen, so der 2025 gefasste Beschluss
„Hüttenwegweiser 2030“: Runter mit Wasser-, Strom- und Ressourcenverbrauch.
„Schutzhütten sind einfach und suffizient“, heißt es dort, und: „Wir
bewirtschaften unsere Hütten einfach – eingeschränkte Speisekarte, Verzicht
auf Duschen, Trockentoiletten.“
## Konferenz der Hüttenbesitzer*innen
Die Umsetzung ist allerdings alles andere als einfach. Vergangene Woche
trafen sich dazu im bayerischen Benediktbeuern rund 200 Hütten- und
Wegewarte – sie sind es, die in ihren Sektionen für die Planungen zuständig
sind. Es ist ein System, das den meisten Bergwandernden unbekannt ist:
Während Wirt*innen und Bedienung Gesicht zeigen, managen die Warte wie
Hausmeister den Hintergrund, oft mit Hilfe von freiwilligen Helfenden, egal
ob es um neue Bettgestelle, Solaranlagen, Fenster, Dächer oder Wege geht.
Also ist das Fachsymposium ausgebucht, es geht um Praxis: Wozu ein
Energiemanagementsystem? Welche Batteriespeicher gibt es? Und was kostet
das, eine hochalpine Hütte wasserfest umzurüsten? 850.000 Euro bei der
Neuen Prager Hütte, die außer Trockentoiletten auch noch einen
Regenwasserspeicher und eine neue Fassung an der Quelle bekommen hat,
erzählt Moritz Pfeiffer vom DAV-Ressort Hütten und Wege. Denn Bauarbeiten
im Berg sind teuer: Meist muss jeder Balken, jeder Kleinbagger hochgeflogen
werden, jeder Bauschutt runter. Aber schon ein kleiner Helikopter kostet
mindestens 30 Euro – pro Minute.
Und Trockentoiletten. Was das für den Wirt heißt, wollen die Warte wissen.
Mehrarbeit: Er muss die Scheiße-Säcke regelmäßig austauschen. Wie
vermittelt man den Gästen: Keine Duschen mehr? „Die Bereitschaft zum
Nichtduschen wächst“, sagt Johanna Felber vom DAV-Klimaschutz-Team. Das
Motto lautet: Lappen statt Brause. Ist genügend Geld für alle notwendigen
Maßnahmen da? Nein, die Anträge übersteigen die Etats bei Weitem, sowohl im
Dachverband als auch in den Sektionen.
Eine Alternative gibt es aber beim Wasser kaum, wenn es keine eigene Quelle
gibt und Schnee und Regen ausbleiben. Die Neue Prager Hütte musste bereits
2025 früher schließen, weil kein Wasser da war. „Beim Brandenburger Haus
haben wir schon mal Snow-Farming ausprobiert“, erzählt Johannes Scholz,
zuständiger Hüttenwart: Um das frühe Schmelzen der Schneedecke zu bremsen,
wurde Schnee mit heller Folie abgedeckt. Am Wassersparen kommen die Hütten
aber auch mit solchen Maßnahmen nicht vorbei.
## Lange hieß es, der Gast will mehr Komfort
Das Ziel der „einfachen Hütte“ und deren Definition ist ein
Paradigmenwechsel für den Verein. Denn lange hieß es: Der Gast will mehr
Komfort, wie ein Frühstücksbuffet und warm duschen. „Wir haben ja auch
Hütten groß gebaut und gemacht in den vergangenen 50 Jahren“, sagt
DAV-Präsident Roland Stierle. Und verweist auf die Winterlager, die
Wanderer aufsuchen können, wenn die Hütten schließen. Das sind immer noch
einfache Schutzräume, mit Schlafplatz, Ofen, Selbstversorgung und
Plumpsklo. „Das ist die einfache Hütte, von der wir eigentlich immer reden.
Der Winterraum mit seiner Selbstversorgung spielt eine dominante Rolle in
der Philosophie und in der Geschichte des Deutschen Alpenvereins.“ Also
dann? „Wenn wir eine Hütte zukunftsfest machen wollen und müssen, dann ist
die Dusche out. Da tut es auch ein Waschlappen.“
Stierles Blick geht dabei auch in die Schweiz mit vielen hochalpinen
Hütten, wo seit Jahren schon Trockentoiletten Standard sind und der Wandel
die Speisekarte prägt: „Da gibt es halt nur zwei Speisen und keine zwei-
oder dreiseitige Speisekarte. Das reduziert Logistik und Infrastruktur.
Oder lange Weinkarten. Das kann man alles vereinfachen.“
Betroffen sind aber nicht nur die Hütten. Auch bei den 30.000 Kilometern
Wege, die der DAV pflegt und verwaltet, findet ein Umdenken statt. „Wir
müssen zurückhaltender bauen“, sagt Gabriela Scheierl, Expertin beim DAV
für Wegebau- und Instandsetzungsmaßnahmen. „Wenn ich eine Hängebrücke für
teures Geld irgendwo hinbaue und die ist im nächsten Jahr weg, dann ist der
Schaden größer als bei einer einfachen Brücke aus einem anderen Material.“
Oder Wege werden komplett verlegt, wie an der Berliner Hütte, wo Starkregen
den Weg stark beschädigt hat.
Auf der Neuen Prager Hütte hat sich der Einsatz gelohnt, sagt Pfeiffer.
„Wir sind jetzt so ausgerüstet, dass wir bis zu 20 Tagen Trockenheit über
die Runden kommen. Mit dieser Klimaanpassung können wir die Hütte weiter
sicher betreiben“. Er hat schon die nächsten Hütten für die Umrüstung im
Blick.
Ob die Maßnahmen reichen, um Hütten und Wege langfristig zu erhalten, ist
allerdings offen. Das Hochwildehaus in den Ötztaler Alpen ist seit 2016 zu,
es wurde instabil nach Gletscherschmelze und Bergbewegung. Es dürfte nicht
das letzte Haus sein, das dem Klimawandel nicht standhalten kann.
12 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Maike Rademaker
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