# taz.de -- Studie zu Gen Z: Fake News zum Frauentag
> Junge Männer sind erstaunlich frauenfeindlich, wollte eine Ipsos-Studie
> zum Weltfrauentag zeigen. Nur: Einer Prüfung hält diese Geschichte nicht
> stand.
(IMG) Bild: Junge Männer sollen erstaunlich traditionell unterwegs sein. Die These klingt interessant, stimmt aber nicht
Gen Z findet: Ehefrauen sollten ihren Männern gehorchen. Mit dieser
Schlagzeile verbreiteten jüngst zahlreiche Medien Beiträge zur neuen
[1][Ipsos-Umfrage zum Weltfrauentag]. Die Botschaft: Die aktuelle
Generation [2][junger Menschen habe erstaunlich traditionelle Ansichten.]
Das Problem ist nur: Diese Geschichte hält einer genaueren Prüfung kaum
stand. Der Ausgangspunkt ist eine Pressemitteilung des
Marktforschungsunternehmens Ipsos. Darin wird der Eindruck erweckt, die
Ergebnisse einer „Studie“ seien repräsentativ für ganze Gesellschaften. Die
methodische Grundlage bleibt dagegen vage. Statt einer Erklärung zur
Stichprobenziehung und Zufallsauswahl taucht vor allem ein Begriff auf:
„Internetdurchdringung“.
Das Argument lautet sinngemäß: Wenn in einem Land fast alle Menschen Zugang
zum Internet haben, kann man sie auch online befragen. Klingt plausibel,
ist methodisch aber nicht ausreichend. Wesentlich für Repräsentativität ist
nicht, ob Menschen theoretisch teilnehmen könnten, sondern ob sie eine
ähnliche Chance haben, für die Befragung ausgewählt zu werden. Bei der
Forschungsgruppe Wahlen zum Beispiel werden zu diesem Zweck Telefonnummern
zufallsgeneriert. Landet die Interviewerin in einem Haushalt mit mehreren
Personen, wird nicht die Person befragt, die ans Telefon geht, sondern die,
die zuletzt Geburtstag hatte. Diese zweistufige Zufallsauswahl sorgt –
zusammen mit Gewichtungen nach Geschlecht, Alter und Bildung – dafür, dass
die Stichprobe repräsentativ wird.
Die Ipsos-Umfrage basiert auf einem Online-Panel. Befragt werden dabei
Personen, die sich freiwillig auf der Ipsos-eigenen Plattform registriert
haben, um regelmäßig an Umfragen teilzunehmen. Solche Panels sind in der
Marktforschung verbreitet, weil sie schnell und kostengünstig große
Stichproben ermöglichen. Aus wissenschaftlicher Sicht haben sie jedoch das
Problem, dass die Teilnehmer*innen nicht zufällig aus der Bevölkerung
gezogen werden, sondern sich selbst anmelden. Wer das macht, hat in der
Regel viel Zeit und Meinung. Eltern kleiner Kinder, pflegende Angehörige
und andere Gruppen mit wenig Zeit oder geringerer digitaler Nutzung tauchen
seltener auf.
## Genau hinschauen
Wer die Ipsos-Umfrage darüber hinaus genauer anschaut, stößt schnell auf
eine Reihe methodischer Fragwürdigkeiten. Viele der verwendeten Aussagen,
die die Teilnehmenden bewerten sollen, arbeiten mit sehr vagen oder
politisch aufgeladenen Begriffen. So wird etwa gefragt, ob „genug für
Gleichstellung getan wurde“. Was genau damit gemeint ist – rechtliche
Gleichheit, Einkommensunterschiede oder gesellschaftliche Rollenbilder –,
bleibt offen. Verschiedene Befragte können dieselbe Aussage daher völlig
unterschiedlich interpretieren.
Die Studie vergleicht Ergebnisse aus rund 30 Ländern. Damit solche
Vergleiche sinnvoll sind, müssten die Fragen in allen kulturellen Kontexten
eine ähnliche Bedeutung haben. Doch gerade Aussagen über Gehorsam,
Rollenbilder oder Gleichstellung können in unterschiedlichen Gesellschaften
sehr verschieden verstanden werden – als religiöse Norm, als ironische
Übertreibung oder als politische Provokation. Als Provokation lesbar ist in
jedem Falle auch die Reihung und Richtung der Aussagen in der Umfrage.
Die erste Aussage „Frauen können sich natürlicherweise bedingt besser um
Kinder kümmern als Männer“ [3][aktiviert Gedanken hinsichtlich
biologischer, sprich unveränderlicher Unterschiede zwischen Frauen und
Männern.] Die Richtung der Aussage, die solche Unterschiede bejaht,
strukturiert als Framing die Interpretation. Die darauffolgenden Aussagen
beinhalten extrem formulierte konservative Talking Points wie „Eine Ehefrau
sollte ihrem Mann immer gehorchen“. Es ist naheliegend, dass aufgrund der
Richtung der ersten Aussage mehr Zustimmung zu diesen Talking Points
generiert wird, als wenn es sich um eine neutralere Formulierung handeln
würde.
Auch die Interpretation der Ergebnisse wirft Fragen auf. Unterschiede
zwischen Altersgruppen werden hier als Eigenschaften ganzer Generationen
dargestellt – etwa von „Gen Z“, „Millennials“ oder „Boomern“. Methodisch
lässt sich das mit einer einmaligen Befragung aber nicht belegen. Eine
einzelne Umfrage kann nicht unterscheiden, ob Unterschiede wirklich
generationell sind oder einfach mit Lebensphasen zusammenhängen.
## Gutes Marketing
Für Ipsos ist es ausgesprochen gutes Marketing, wenn solche Umfragen mit
kontroversen Ergebnissen als „Studien“ wahrgenommen und entsprechend ernst
genommen werden. Große mediale Aufmerksamkeit signalisiert potenziellen
Kunden: Unsere Daten schaffen es in die Nachrichten. Wird auf einige der
Probleme öffentlich aufmerksam gemacht, lautet die Ipsos-Antwort gern: Man
sei ein internationales Unternehmen, arbeite mit Professoren zusammen, die
Ergebnisse würden regelmäßig von großen Medien aufgegriffen. Sprich: Die
Glaubwürdigkeit ist unantastbar.
Die Wahrnehmung der Umfrage als „Studie“ ist vor allem Werbung für das
Unternehmen. Dass viele Medien eine Pressemitteilung übernehmen, ist kein
Beleg für die Qualität der zugrunde liegenden Forschung. Es zeigt nur, wie
effektiv selbstbewusste PR-Kommunikation funktioniert. Journalistische
Redaktionen müssten zumindest einmal checken, auf welcher Datengrundlage
spektakuläre Schlagzeilen beruhen.
Wie kommt es, dass sich so viele blenden lassen von einer professionell
formulierten Pressemitteilung und einer schicken Präsentation? Entspricht
das tatsächlich den Standards, die diese Medien für sich in Anspruch
nehmen? Desinformation beginnt nicht erst, wenn jemand Fakten komplett
erfindet. Sie beginnt schon dort, wo methodische Standards und
wissenschaftliche Konventionen stillschweigend beiseitegeschoben werden, um
eine besonders eingängige Nachricht zu produzieren. Verantwortung tragen
beide Seiten: die Unternehmen, die Daten vermarkten – und Medien, die
entscheiden müssen, ob sie die Ergebnisse prüfen oder nur Schlagzeilen
daraus machen.
12 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ipsos.com/de-de/studie-weltfrauentag-2026
(DIR) [2] /Gen-Z-und-Maennlichkeit/!6160478
(DIR) [3] /Frauenarmut-und-Gender-Pay-Gap/!6066820
## AUTOREN
(DIR) Jo Lücke
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