# taz.de -- Wissenschaftsrat: Wohin steuert die Wissenschaft?
       
       > Der Wissenschaftsrat hat vier Zukunftsszenarien für die Wissenschaft
       > entworfen. Diese reichen von Wissenschaftsrepublik bis hin zu Dystopie.
       
 (IMG) Bild: Quo vadis Wissenschaft- welches Zukunftsszenario solls sein? Vielleicht was mit Supercomputer wie hier mit dem JUPITER?
       
       Die Zukunft hat gerade keinen besonders guten Leumund. Auf die kommenden
       Jahre wird mehr angstbesetzt denn erwartungsfroh geblickt. Von daher ist es
       bemerkenswert, dass sich der [1][Wissenschaftsrat], das wichtigste
       Beratungsgremium von Wissenschaft und Politik in Deutschland, in einer
       tiefgehenden Studie mit der künftigen Entwicklung von Forschung und
       Hochschulen befasst hat.
       
       Ungewöhnlich an dem Positionspapier mit dem Titel „[2][Wissenschaft in
       Deutschland – Perspektiven bis 2040]“, das auf Eigeninitiative des Gremiums
       unter Leitung des Heidelberger Mediziners Wolfgang Wick erarbeitet wurde,
       ist zweierlei: Zum einen der lang ausgreifende Betrachtungszeitraum über
       anderthalb Jahrzehnte hinweg. Nur die wenigsten Mitglieder des Rates
       dürften das Jahr 2040 noch als Professor oder in politischen Ämtern
       erleben.
       
       Zielsetzung ist, aus dieser langfristigen Sicht zu den richtigen
       Entscheidungen in der Gegenwart zu gelangen. Sei es bei der Eröffnung neuer
       Forschungsfelder oder zur Sicherung der Wissenschaftsfreiheit. „Wir drohen
       in Zukunft den Anschluss zu verlieren, wenn wir nicht heute die Weichen
       richtig stellen“, erklärte Wick bei Vorstellung des Papiers in Berlin. „Die
       Wissenschafts- und Innovationspolitik muss schneller und wirksamer auf neue
       Umstände reagieren können“, lautet daher eine zentrale Schlussfolgerung.
       
       Noch interessanter ist jedoch das Wagnis der Betrachtungsperspektive, das
       sich der Wissenschaftsrat gestattet hat. Die Empfehlungen werden nämlich
       nicht monokausal entwickelt, sondern unter Skizzierung von vier
       verschiedenen Wegen, wie sich Wissenschaft bis 2040 alternativ entwickeln
       könnte. An dieser Stelle, wo sich der Rat Szenarien von gar nicht so
       positiven Wissensschafts-Zukünften überlegt, wird das Papier richtig
       spannend.
       
       ## Alle Szenarien haben Vorteile und Nachteile
       
       So hat etwa in dem Szenario mit der Bezeichnung „Die Wissenschaftsrepublik“
       das deutsche Wissenschaftssystem im Jahr 2040 einen massiven Einfluss auf
       die Politik erreicht. Durch Umschichtung aus anderen Bereichen wird die
       Forschungs- und Entwicklungsquote am Bruttoinlandsprodukt auf über sechs
       Prozent gesteigert, derzeit knapp über drei. Doch während die Wissenschaft
       blüht, „haben sich gesellschaftliche Spaltungen und soziale Spannungen
       sogar erkennbar verstärkt“.
       
       Im Szenario „Der globale Forschungsraum“ wird von einer Reihe von Staaten
       eine „Global Research Area“ (GRA) gegründet, die zwar über mehr als doppelt
       so viele FuE-Beschäftigte wie die USA verfügt. Die Schattenseite: In diesem
       Weltmodell ist „die Zahl der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in
       allen Weltteilen wegen des Einsatzes von KI in den letzten Jahren deutlich
       zurückgegangen“. KI-Fortschritt macht Forscher arbeitslos.
       
       Das Szenario „Die situative Wissenschaftspolitik“ wiederum ist durch
       stetige Aushandlungsprozesse mit der Politik gekennzeichnet, deren
       Ergebnisse schwer vorhersehbar sind. Der akademische Sektor ist kein Hort
       der Stabilität, sondern produziert ein „hohes Maß an Unsicherheit“.
       
       Richtig dystopisch wird es im Szenario „Die instrumentalisierte
       Wissenschaft“, in dem die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland 2040
       von einigen wenigen Techkonzernen dominiert wird, was auch das
       Wissenschaftssystem entscheidend beeinflusst.
       
       „Denn diese Konzerne haben ihre Marktmacht eingesetzt, um konkurrenzlose
       digitale Forschungsökosysteme zu schaffen, und so nicht nur exklusiven
       Zugriff auf große Datenmengen, sondern durch den Einsatz von Künstlicher
       Intelligenz (KI) ein monopolistisches Wissen darüber erlangt, welche
       Forschungsvorhaben die höchste Rendite versprechen“, beschreibt das Papier
       des Wissenschaftsrates. Die Folge: „Andere wissenschaftliche Vorhaben haben
       wenig Aussicht auf Förderung.“
       
       ## Kritiker begrüßen das Szenariendenken
       
       Für den Wirtschaftswissenschaftler Uwe Cantner von der Uni Jena, der nicht
       am Gutachten beteiligt war und bis zum letzten Herbst die
       „Expertenkommission Forschung und Innovation“ (EFI) über viele Jahre
       geleitet hat, sind die Erörterungen des Wissenschaftsrates „sehr zu
       begrüßen“. Weltweit stehe das Wissenschaftssystem unter Druck – „sehr
       offensichtlich in den USA, in Deutschland so langsam schleichend und
       zunehmend“, äußert sich der Innovationsforscher auf Anfrage der taz.
       
       Gerade bei der Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit rät Cantner zur
       höchsten Sensibilität. So könne die gewünschte Verbesserung des Transfers
       zwischen Forschung und Wirtschaft letztlich auch dazu führen, dass die
       Erwartungen der Unternehmen „die Forschung in eine ganz bestimmte Richtung
       drücken und anderes fällt aus dem Forschungskanon heraus“. Was im
       Einzelfall „gut und akzeptabel“ sei, könne in großer Breite von
       nachteiliger Wirkung sein.
       
       Auch sollte die „Grenze zwischen Wissenschaft und Gesellschaft durchlässig
       sein“, aber sie dürfe „auf der Wissenschaftsseite zu keinen Verzerrungen
       und damit Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit oder bei den anderen
       Erwartungen führen“, hebt der Wirtschaftsprofessor hervor.
       
       Ein konkretes Beispiel dafür ist die heutige Kontroverse über die
       Verstärkung der Dual-Use-Nutzung, um aus deutschen Hochschulen heraus zu
       mehr Verteidigungsforschung zu kommen. In der Vergangenheit hatten sich
       viele Hochschulen eine „[3][Zivilklausel]“ gegeben, mit der Versicherung,
       nur zivile und keine Rüstungsforschung zu betreiben. Bei immer mehr
       Technologien, etwa der Mikroelektronik oder der Drohnentechnik, ist aber
       eine zweifache Nutzung – zivil und militärisch – möglich, was sich bei
       Forschungsbeginn nicht ausschließen lässt.
       
       ## Einem Kritiker fehlt ein fünftes Szenario
       
       Noch weiter geht Uwe Schneidewind, der frühere wissenschaftliche Leiter des
       Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie und zwischenzeitliche
       Oberbürgermeister von Wuppertal, der nicht an der Studie beteiligt war und
       das Gutachten des Wissenschaftsrates als ein „eindrucksvolles Dokument“
       bezeichnet, „das gerade durch den Szenarien-Ansatz sehr produktive
       Diskussionen in der Wissenschaftspolitik und den
       Wissenschaftsorganisationen auslösen kann und wird“.
       
       Gegenüber der taz bedauert es Schneidewind, dass der Wissenschaftsrat sich
       nicht getraut habe, „ein durchaus nicht unrealistisches Radikalszenario
       durchzuspielen“, das er mit den Worten „Umfassender integrierter
       Wissenserwerb bei vollständigem Bedeutungsverlust der Institution
       Präsenzuniversität“ beschreibt.
       
       Dieses Szenario würde über die skizzierte „instrumentalisierte
       Wissenschaft“ noch weit hinausgehen, und die radikale Entwicklung von
       Künstlicher Intelligenz, von Individualisierung, von demografischem Wandel
       und „hybriden Organisationsformen“ fortschreiben.
       
       Vor diesem Hintergrund zeichne sich ab, „dass Qualifizierung und
       Wissensaufbau Domänen-spezifisch immer mehr unmittelbar an die Orte der
       Wissensverwertung wandert“, stellt Schneidewind fest. Heute schon nähmen
       die dualen Studiengänge zusammen mit der Wirtschaft rasant zu, und
       „Unternehmens-Forschungszentren überflügeln die Potenz staatlicher
       Einrichtungen“.
       
       Orientierungswissen werde vermehrt durch akademische „Einzelstars“
       erbracht, deren Anbindung eine Hochschule „nur noch Reputationskulisse
       ist“. Von daher erscheint es Schneidewind „nicht völlig unwahrscheinlich,
       dass wir ab 2040 Hochschulgebäude immer mehr genauso umwidmen werden wie
       heute Kirchengebäude in einer säkularisierten Welt“.
       
       Das große Hochschulsterben in 15 Jahren, diesen Teufel wollte der
       Wissenschaftsrat in der Tat nicht an die Wand malen. Wissen wird es weiter
       geben, aber wo und wie damit in Zukunft umgegangen wird, lässt sich schwer
       abschätzen.
       
       28 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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