# taz.de -- Sitzen auf Baumstümpfen: Von den Freuden des Mitmachtheaters
       
       > In Bremen hat die Shakespeare Company unter dem Titel „Liebe geht raus“
       > ein ganzes Festival mit interaktivem Theater aufgelegt. Schön war’s!
       
 (IMG) Bild: Vorhang auf und alle dürfen mitmachen
       
       Ein Ausflug mit der Grundschule in den 80er Jahren nach Hamburg ins Theater
       für Kinder: „Der Freischütz“ wurde gegeben, eine Oper. Und jetzt kommt’s:
       WIR SASSEN AUF BAUMSTÜMPFEN! UND DIE SCHAUSPIELER LIEFEN DURCHS PUBLIKUM!
       
       Diese Ausweitung des Bühnenraums und Transformation des Zuschauersaals
       haben mich nachhaltig beeindruckt. Es gab also mehr als die da oben, die
       für uns da unten performen! Solche Theaterereignisse ziehen mich seitdem
       magisch an, vor allem die, bei denen ich mehr machen darf als sitzen und
       schweigen. Ganz nach meinem Geschmack schien mir daher das Theaterfestival
       „Liebe geht raus – tolldreiste Theatertage“ [1][in der Bremer Shakespeare
       Company].
       
       Die Schlüsselworte in der Ankündigung sind „interaktiv“ und „gemeinsames
       Erleben“, das Theater will Liebe in die Welt bringen, und Liebe ist das
       verbindende Motiv der Inszenierungen. Am Ende schaffe ich nur drei von
       einem Dutzend Veranstaltungen, darunter ein Stimmworkshop.
       
       ## Zurück nach Westerland
       
       Mit 70 Fremden singe ich also an einem Samstagabend in der in einer Schule
       residierenden Shakespare Company erst „Angels“ von Robbie Williams und dann
       „Oh, ich hab solche Sehnsucht, ich verliere den Verstand, ich will wieder
       an die Nordsee, ich will zurück nach Westerland“, und wie immer bei diesem
       albern-schönen Ärzte-Lied läuft mir ein kleiner Schauer über den Rücken.
       
       Vorher haben wir einer Datingshow mit Shakespeare-Figuren zugesehen, nach
       dem Vorbild der ARD-Sendung „Herzblatt“. Auf Baumstümpfen sitzen wir zum
       Glück nicht, das wäre im fortgeschrittenen Alter – in dem sind die meisten
       hier – zu unbequem. Stattdessen ist vor der Bühne ein Kneipenraum
       entstanden: Orange gestrichene Stühle stehen um Tische herum, an der Seite
       ist eine Bar aufgebaut. Mit echten Getränken und Preisen.
       
       Das Setting steht auch eine Woche später beim „Seltsamen Fall der Prudencia
       Hart“, einem Stück des schottischen Dramatikers David Greig. Die Bremer
       Shakespeare Company hat es 2022 in Deutschland das erste Mal auf die Bühne
       gebracht, denn das ensemblegeleitete Theater führt nicht nur
       Shakespeare-Stücke auf.
       
       Bei „Prudencia Hart“ sind wir wirklich mittendrin, bilden mal das Publikum
       einer Tagung über Volkslieder aus der schottisch-englischen Grenzregion,
       mal sind wir Kneipengäste, und am Schluss des Stücks dürfen wir singen. Ach
       was, singen, wir schmettern „Es gibt nur einen Colin Mann“, nach der
       Melodie von „Guantanamera“.
       
       Colin Mann ist der schmierige Macker von Wissenschaftler mit
       Twitter-Account, der die Titelheldin vor dem Teufel retten muss, weil der
       sie als seine Seelenpartnerin in der Hölle festhalten will. Die Hölle ist
       in diesem Fall ein Bed and Breakfast hinter einem Supermarktparkplatz in
       Kelso, einem Kaff im schottischen Grenzgebiet. Für die Gäste gibt es
       Puzzle, Lunchpakete gibt’s nach Anmeldung am Vortag.
       
       ## In der Karaokebar
       
       So wie die Wissenschaftler im Stück landen wir hinterher in einer
       Karaokebar. Wer will, kann sich auf die Bühne stellen und vor großem
       Publikum singen, auf einer Leinwand wird der Text eingeblendet. Das Ganze
       ist ein Riesenspaß, und daran ist nichts verkehrt, aber auf die
       Inszenierung haben wir hier keinen Einfluss.
       
       Das war anders einen Monat zuvor im Zentrum für Kunst im Tabakquartier, wo
       zwei Bremer Performerinnen ihr interaktives Tanzstück „Verknäulen. Über
       Angstmut“ aufführten. Vor dem Stück schreiben wir Zuschauer:innen auf
       Zettel, was wir tun, wenn wir Angst haben. Die Zettel werden später
       vorgelesen, und alle, die diese Strategie anwenden, dürfen sich einen
       Schritt zubewegen auf das lilafarbene Knäuel Angstmut auf der Bühne, das
       eben noch für uns getanzt hat.
       
       Sehr viele haben „atmen“ auf ihre Zettel geschrieben und „mit jemand
       reden“, und so stehen irgendwann etwa 30 Menschen im Kreis um das Knäuel,
       in dem die zwei Performerinnen stecken. Und es fühlt sich so an, als wären
       wir Teil eines großen Ganzen und hätten die Kraft, es zum Besseren zu
       wenden.
       
       21 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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