# taz.de -- FFH-Gebiet soll Industrieanlage werden: Vogelschutz für die Katz
> Wilhelmshaven will das Naturschutzgebiet Voslapper Groden für einen
> Energiepark opfern. Das ist symptomatisch für den Umgang mit
> Schutzgebieten.
(IMG) Bild: Rote Linie gegen die Fossilenergie: Anti-LNG-Kundgebung von Fridays for Future am Außenhafen Hooksiel bei Wilhelmshaven
Wer eine rote Linie zieht, signalisiert: Bis hierhin und nicht weiter.
AktivistInnen von Fridays For Future (FFF) haben am Außenhafen Hooksiel
Anfang März eine solche Linie gezogen, symbolhaft, als Mahnwache gegen ein
geplantes drittes LNG-Terminal bei Wilhelmshaven. Rund 80 Menschen sind da.
Schilder werden hochgehalten: „Stop Gas“. Im Hintergrund, fast 300 Meter
lang, knapp 50 Meter breit, das Speicher- und Wiederverdampfungsschiff
„Höegh Esperanza“.
Auch Martin Lüdders, FFF-Aktivist aus Stade, ist dabei, hält eine Rede.
Wilhelmshaven, sagt er, ist „die am stärksten gefährdete Region durch die
Klimakrise in Deutschland“. Er bezieht sich auf den [1][Klimarisikoindex],
eine neue Studie, die das direkt an der Nordsee gelegene Wilhelmshaven als
besonders verwundbar einstuft: steigender Meeresspiegel, Sturmfluten, Hitze
und Wasserknappheit drohen hier in hohem Maß.
„Und trotzdem soll hier das europaweit größte LNG-Terminal gebaut werden,
und dafür wird keine Rücksicht auf die Natur genommen. Das ist absolut
crazy“, sagt er. Die Bundesregierung wolle „die Energiewende torpedieren,
[2][wieder auf vergangenheitsorientierte fossile Brennstoffe setzen]“.
Den AktivistInnen von Fridays vor Future geht es mit ihrer roten Linie auch
um das angrenzende Natur- und EU-[3][Vogelschutzgebiet Voslapper
Groden-Nord]. Weil es symptomatisch dafür ist, wie mit Schutzgebieten
umgegangen ist. Das Gebiet, einst durch Eindeichung gewonnen, ursprünglich
für Industrie gedacht und heute von Industrie umgeben, misst 257 Hektar.
Rohrdommel und Tüpfelsumpfhuhn, Blaukehlchen und Schilfrohrsänger fühlen
sich hier wohl.
Geht es nach der Stadt Wilhelmshaven, soll hier ein Energiepark von Tree
Energy Solutions (TES) und Deutsche Grüngas und Energieversorgung (DGGEV)
entstehen, kommerzieller Betrieb ab 2030.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat sich mit BUND und Nabu aus Wilhelmshaven
und Niedersachsen zu einem Schutzbündnis dagegen formiert. „Es geht darum,
ob ein Schutzgebiet verhandelbar ist oder ob der Schutzstatus auch
tatsächlich schützt“, beschreibt Milena Pressentin von DUH im Gespräch mit
der taz die Tragweite. Auch sie hat auf der FFF-Mahnwache eine Rede
gehalten. Ihre Befürchtung: „Die fossilen Interessen werden nicht am
Voslapper Groden-Nord haltmachen, sondern zukünftig auch weitere Flächen
betreffen.“
Das Gebiet sei „ein Hotspot der Biodiversität“, ein „Schlüsselgebiet für
den Naturschutz“. Mehr als 600 Arten kommen hier vor, viele gefährdet und
geschützt, von der Fledermaus bis zur Wildbiene, vom Schneiden-Röhricht bis
zum Laufkäfer. „Für diese Fläche gibt es in der Region keine
Kompensationsflächen“, sagt Pressentin.
Ein Normenkontrollantrag des Bündnisses gegen den aus ihrer Sicht
naturgefährdenden Bebauungsplan Nr. 225 läuft, eine Einwendung gegen die
Bauleitplanung, eine weitere gegen die Änderung der Naturschutzverordnung.
Jetzt heißt es warten. Und: wachsam sein. Entwässerungsgräben, vorschnell
gezogen, mussten bereits wieder rückgebaut werden.
Auf der Mahnwache kamen auch Teilnehmende einer dreitägigen internationalen
Anti-LNG-Konferenz zu Wort, die zuvor in Wilhelmshaven stattgefunden hatte.
„Was hier vor sich geht, ist nicht nur die Abhängigkeit von fossilen
Brennstoffen“, sagt [4][James Hiatt, aus den USA angereist, als Aktivist
der Anti-Frackinggas-Organisation „For a Better Bayou“], „sondern auch der
Individualismus, der das Herz der Menschlichkeit vergiftet.“
Das sieht Niksa Marusic, Wilhelmshavens Stadtbaurat, ganz anders. In seinen
Augen zielen die Änderung des Flächennutzungsplans und der Bebauungsplan
Nr. 225 auf einen „substanziellen Beitrag zur Erreichung der
Klimaschutzziele und zugleich zur Energieversorgungssicherheit in
Deutschland“.
## Vier LNG-Terminals an Nord- und Ostsee entstanden
Das sei „Augenwischerei und Greenwashing vom Feinsten“, hält Pressentin von
der DUH dagegen. Der Kern des für die nächsten zwei Jahrzehnte Geplanten
sei „die Errichtung und der Betrieb eines fossilen LNG-Terminals für den
Import von fossilem Erdgas“.
Seit 2022 seien vier LNG-Terminals an Nord- und Ostsee entstanden, es
bestehe keine Versorgungslücke. „Im Gegenteil, es besteht bereits jetzt
eine Überkapazität, die durch das dritte LNG-Terminal in Wilhelmshaven
nochmals verschärft werden würde.“ Das Gesamtprojekt sei ein „fossiler
Rückschritt“, kein Übergang in eine erneuerbare Zukunft.
„Abzuwarten, bis ein industrieller Markt für Wasserstoff und
Wasserstoff-Derivate besteht und dann erst handeln, ist keine Option“,
schreibt der Stadtbaurat.
Genau das bezwecke das Vorhaben aber aktuell, so Pressentin. „Es wird jetzt
ein fossiles Projekt beantragt und dann wird abgewartet, ob es sich
transformieren lässt. Und wenn nicht, wird das Projekt weiterhin so
betrieben: fossil.“
Die Energiewende sei dafür nur ein „Deckmantel“. Die Planung der DGGEV,
später auch Wasserstoff aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, unterstützt
die DUH. Aber: Dafür brauche sie weder den Voslapper Groden-Nord noch einen
Hafenstandort.
## Genese des Schutzgebietes wird diskutiert
Der Fall sei „in keiner Weise geeignet, ein Präzedenzfall zu sein“,
schreibt Marusic der taz, er sei „in der Form einmalig“. Es sei „mitnichten
zu befürchten, dass nun nach dem Beispiel Wilhelmshaven flächendeckend
Natura 2000-Gebiete in Anspruch genommen werden“.
Dass es hier zur Entstehung von Schutzgebieten gekommen sei, liege nur an
der jahrzehntelangen Nichtnutzung. „Zugleich weisen die hiesigen
Schutzgebiete damit aber Standortbedingungen auf, die suboptimal sind.“ Das
Gebiet sei vom Menschen angelegt, existiere erst rund 50 Jahre, so dass
sich „die hier etablierten Schutzgüter bei entsprechenden
Habitatbedingungen auch an anderer Stelle einstellen werden“.
„Die Genese eines Schutzgebietes“, entgegnet Pressentin, „sagt nichts über
ihren Schutzwert aus“. Außerdem: „Was war zuerst da? Natur oder Industrie?“
Und nicht nur in Wilhelmshaven laufen juristische Gefechte. „Schon heute
läuft ein Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen Deutschland
wegen der mangelhaften Umsetzung der Vogelschutzrichtlinie“, schreibt
Holger Buschmann, Landesvorsitzender des Nabu Niedersachsen, Anfang 2026
zur Gründung des Schutzbündnisses. „Eigentlich müssten neue Schutzgebiete
ausgewiesen werden, nicht bestehende gestrichen.“ Werde der Voslapper
Groden-Nord geopfert, habe das unabsehbare Folgen, „auch für das Verfahren
vor dem Europäischen Gerichtshof“.
22 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/johannes-ewald-hanno-kempermann-welche-regionen-besonders-vom-klimawandel-bedroht-sind.html
(DIR) [2] /Energiepolitik-der-Bundesregierung/!6159456
(DIR) [3] /Entscheidung-ueber-Gas-Terminal/!6144940
(DIR) [4] /Protest-gegen-LNG-in-den-USA/!6062886
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
## TAGS
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(DIR) Schwerpunkt Artenschutz
(DIR) LNG
(DIR) Wilhelmshaven
(DIR) Schwerpunkt Klimawandel
(DIR) Green Deal
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