# taz.de -- CDU in Baden-Württemberg: Vorsprung verhagelt
> Spitzenkandidat Manuel Hagel erreicht mit seiner CDU zunächst nur Platz
> 2. Er unterliegt dem weit erfahreneren Cem Özdemir.
(IMG) Bild: Offensichtlich enttäuscht: Manuel Hagel auf der Wahlparty der CDU in Stuttgart
Vor zwei Wochen war sich Friedrich Merz noch sicher: Manuel Hagel, der
CDU-Spitzenkandidat, werde bald Ministerpräsident von Baden-Württemberg
sein. So hat der Kanzler das auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart voller
Zuversicht formuliert. Generalsekretär Carsten Linnemann sprach gar von
zehn Ministerpräsidenten, die die Union im Frühjahr stellen werde, so
viele, wie schon lange nicht mehr. Denn Baden-Württemberg solle „die Rampe
bauen auch für Rheinland-Pfalz“. Dort wird in zwei Wochen gewählt, bislang
regiert hier eine SPD-geführte Ampel.
Lange sah es tatsächlich so aus, als könnte das mit der Rampe etwas werden:
Die Baden-Württemberger CDU lag in den Umfragen klar vorn, lange mit mehr
als zehn Prozentpunkten. Die Christdemokrat*innen hofften, sie könnten
das korrigieren, was viele von ihnen ohnehin für einen Unfall halten – auch
wenn dieser nun seit 15 Jahren angedauert: Dass sie ihr Kernland verloren
haben. Und das ausgerechnet an die Grünen.
Doch die Wähler*innen haben sich anscheinend anders entschieden: Am
frühen Abend liegt die CDU nur auf Platz zwei. Vorne liegen die Grünen.
Deren Spitzenkandidat Cem Özdemir ist damit eine sensationelle Aufholjagd
gelungen. Und wenn die Zahlen so bleiben, ist Manuel Hagel, der junge
Frontmann der CDU, gescheitert – obwohl seine Partei im Vergleich zur
Landtagswahl 2016 deutlich zugelegt hat.
Als Hagel um Viertel nach sechs vor die Kameras tritt, sagt er zwar, dass
man die weitere Entwicklung des Abends noch abwarten müsse. Aber er wirkt,
als hätte er bereits verloren. Er liest vom Blatt ab, verhaspelt sich und
sagt dann: „Ich trage für den Wahlkampf, für die Kampagne, für dieses
Ergebnis die Verantwortung.“
## Die Grünen? Längst verankert
Schon in den letzten Tagen, als sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen abzeichnete,
ging hinter vorgehaltener Hand in der CDU die Suche nach den Schuldigen
los. Vom Bund habe jeder Rückenwind gefehlt, heißt es im Land. Im
Schlafwagen könne man mit einem unbekannten Kandidaten eben keinen
Wahlkampf gewinnen, hört man im Bund. Besonders wenn man mit einem wie
Özdemir einen prominenten und erfahrenen Gegner habe.
Die CDU war sich ihres Sieges sicher, wohl zu sicher. Sie setzte auf die
konservative gesellschaftliche Stimmung im Land und darauf, dass sich die
Grünen – zumal ohne Winfried Kretschmann – als ernsthafter Konkurrent mit
dem Ampel-Desaster quasi von selbst erledigt hätten. Im Wahlkampf arbeitete
sich die CDU wenig an den Grünen ab, mit denen man weitgehend geräuschlos
regiert.
Hauptgegner, das hatte nicht nur Spitzenmann Hagel immer wieder betont, sei
die extrem rechte AfD. Mit der schloss er jede Zusammenarbeit aus, auf den
Wahlkampfveranstaltungen erhielt er dafür viel Applaus. Das Hauptthema: die
Wirtschaftskrise. Gewinnen, so dachte man bei der CDU, werde man über die
alte Stärke in den ländlichen Regionen. Jetzt aber muss sie feststellen:
Auch hier sind die Grünen längst verankert. Und die AfD zu einem
Konkurrenten aufgestiegen, der zwar nicht um Platz eins mitspielt, aber
entscheidende Prozentpunkte kosten kann.
Klar war, dass der junge, unbekannte Hagel gegen den erfahrenen und
prominenten Özdemir im Wahlkampf an Profil gewinnen muss, der Grüne war bei
den Menschen von Beginn an deutlich beliebter. Hagel ist blass geblieben.
Fast so, als reiche es angesichts des Umfragevorsprungs aus, keine Fehler
zu machen, um zu gewinnen. Auf den Plakaten sah der perfekt gestylte Hagel
nicht unsympathisch, aber glatt und austauschbar aus – bei Veranstaltungen
wirkte er immer wieder hölzern, seine Reden mitunter aufgesetzt.
## Der fatale Rehaugen-Blick
Der 37-Jährige hat sich als oberschwäbischer Bub aus einfachen
Verhältnissen dargestellt: katholisch und familienorientiert,
naturverbunden und verlässlich. Allerdings ist Hagel im Wahlkampf immer
wieder damit aufgefallen, dass er die eigene Geschichte pimpte. Zwar durfte
er sich formal [1][Sparkassen-„Direktor“] nennen, aber eigentlich war er
nur der Filialleiter in seinem Heimatort. Er bezeichnete sich als
diplomierten Bankbetriebswirt, verschwieg aber, dass dies keinen
Studienabschluss meinte, sondern auf eine Fortbildung der „Frankfurt School
of Finance & Management“ abhob.
Und dann tauchte noch das acht Jahre alte [2][„Rehaugen“-Video] aus einem
Lokalsender auf, in dem Hagel von einem Schulbesuch in einer Klasse mit 80
Prozent Mädchen schwärmte. Nach Bekanntwerden sprach Hagel zwar von „Mist“,
die Einordnung aber überließ er seiner Frau: Die habe ihm damals schon den
Kopf gewaschen.
In einer ARD-Reportage erklärte er zuletzt Schüler*innen den
Treibhauseffekt falsch. Das hätten viele vermutlich gar nicht bemerkt.
Sofort aber fiel unangenehm auf, dass Hagel auch noch die Lehrerin
anblaffte. Der CDU-Mann wirkte nervös und unsouverän.
Mit Blick auf das alte Video, das eine grüne Bundestagsabgeordnete gepostet
hatte, spricht die CDU seitdem von einer Schmutzkampagne. Auch dass
irgendwann klar war, dass die CDU wieder nur eine Koalition mit den Grünen
bilden könnte, hat womöglich Stimmen gekostet. Bei dem konservativen Teil
der CDU-Anhänger*innen stehen die Grünen als Bündnispartner nicht hoch im
Kurs.
## Zu viel Merz
Auch die Koalition in Berlin und die mitunter wilden Signale aus der
Bundespartei und ihrem Umfeld haben es der Südwest-CDU nicht leichter
gemacht. Schwarz-Rot regiert rumpelig, von den Wähler*innen wird die
Bundesregierung schlecht bewertet, Kanzler Merz ist bei der Bevölkerung
unbeliebt.
Nicht besonders hilfreich waren auch die Debatten über
„Lifestyle-Teilzeit“, zu viele Krankschreibungen und Zahnarzt-Kosten, die
gesetzlich Versicherte auch selbst übernehmen könnten. Und sollte der
[3][Schlag gegen das verhasste Heizungsgesetz] von Robert Habeck als Push
für die Baden-Württemberger gedacht gewesen sein, so wurde dies
möglicherweise durch den Iran-Krieg und die steigenden Ölpreise
konterkariert.
So eng das Rennen am frühen Wahlabend auch noch war, klar ist bereits: Aus
der Rampe für Mainz ist nichts geworden.
8 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /CDU-Politiker-Manuel-Hagel/!6154479
(DIR) [2] /Sexistische-Aussagen-von-Hagel/!6157841
(DIR) [3] /Reform-des-Heizungsgesetzes/!6157810
## AUTOREN
(DIR) Sabine am Orde
## TAGS
(DIR) CDU Baden-Württemberg
(DIR) Manuel Hagel
(DIR) Schwerpunkt Landtagswahlen
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Wahl in Baden-Württemberg
(DIR) Cem Özdemir
(DIR) Wahl in Baden-Württemberg
(DIR) Wahl in Baden-Württemberg
(DIR) Wahl in Baden-Württemberg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Rassismus, Razzien und rote Socken: 11 echte Schmutzkampagnen der CDU
Die CDU beschwert sich nach dem sexistischen Rehaugen-Video bei der Wahl
über eine angebliche Kampagne. Dabei war die Partei selbst nie zimperlich.
(DIR) Shitstorm gegen Grüne Zoe Mayer: Die Art junge Politikerin, vor der in der CDU gewarnt wird
Hat Zoe Mayer im Alleingang Manuel Hagel um den Wahlsieg in
Baden-Württemberg gebracht? Die CDU stellt es so dar – und entlarvt damit
ihren Sexismus.
(DIR) Wahlkampfendspurt in Baden-Württemberg: Hagel setzt auf Katherina Reiche, Özdemir auf Erneuerbare
Der Irankrieg und die steigenden Spritpreise werden im Südwesten zum
Wahlkampfthema. In einer Umfrage haben die Grünen derweil die CDU
eingeholt.
(DIR) CDU-Politiker Manuel Hagel: Von der Sparkasse in die Spitzenpolitik
Jung, ehrgeizig, strategisch geschult – Manuel Hagel gilt als große
Hoffnung der Südwest-CDU. Im Wahlkampf zeigt sich: Talent allein reicht
nicht.
(DIR) Umfrage zur Landtagswahl in BaWü: Ach du grüne Neune
Vor der Wahl in Baden-Württemberg holen Cem Özdemir und die Grünen in einer
neuen Umfrage auf und liegen fast gleichauf mit der CDU von Manuel Hagel.