# taz.de -- Die Wahrheit: In der Schlange spricht man nicht
       
       > Ein Jahr ihres Lebens verbringen Engländer mit dem Warten, wenn sie sich
       > irgendwo anstellen. Deshalb schmeckt das Bier im Pub auch so schal.
       
       Dass Engländer es lieben, sich anzustellen, ist bekannt. Laut einer Studie
       verbringen sie ein Jahr ihres Lebens in einer Schlange. Dabei gibt es
       genaue Verhaltensregeln, die Ausländer nicht verstehen. So kommt es zum
       Beispiel auf den richtigen Abstand zum Vordermann an. Ist der Abstand zu
       groß, wird man gefragt, ob man überhaupt Teil der Schlange sei. Ist er zu
       klein, fühlt sich der andere belästigt. Der Guardian empfahl einmal, man
       solle so viel Platz lassen wie beim Tanzen mit Großtante Hildegard.
       
       Die Pandemie stürzte die Nation in Verzweiflung, weil man sich nirgends
       anstellen konnte. Manche führten das Schlangestehen zu Hause ein, damit man
       nicht außer Übung kam. Es entwickelte sich ein Hang zur
       Einpersonenschlange. Die kann man auch an Bushaltestellen beobachten. Wenn
       dort noch niemand wartet, ist man automatisch der Schlangenkopf. In der
       Schlange spricht man nicht. Man schaut sich nicht einmal an. Eine
       Labour-Regierung wollte das Schlangestehen sogar als Einbürgerungstest für
       Migranten einführen.
       
       Es gab bisher nur einen Ort in England, wo man nicht Schlange stand: im
       Pub. Die Wirtshäuser sind der Eckpfeiler der englischen Kultur, wo es seit
       jeher eine unausgesprochene Regel gab: Man ging an die Bar und versuchte,
       die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erhaschen. Aus und vorbei. Der
       englische Pub ist am Ende. Man kann dort zwar immer noch ein Pint trinken,
       aber eine Mehrheit ist mittlerweile der Meinung, dass man dafür Schlange
       stehen muss.
       
       ## Entsetzte Wirte
       
       Die Gastwirte sind entsetzt, denn das bringt ihr System, das so alt ist wie
       die Teppichfliesen der Pinten, ins Wanken. Es sind vor allem junge Leute,
       die sich wie Lemminge hintereinander anstellen und warten, bis sie an den
       Tresen gerufen werden. Es sei, als würden sie eine Grenzkontrolle
       passieren, sagte die Wirtin Jess Riley, Managerin einer großen Bar im
       nordenglischen Newcastle, zum Guardian: „Ich weiß, dass wir Engländer sind
       und gern Schlange stehen, aber das ist lächerlich.“
       
       Ihr Laden verfügt über mehrere Tresen, von denen einer sogar sechs Meter
       lang ist. Dahinter sind vier Barmänner damit beschäftigt, schaumloses,
       warmes Bier randvoll in Pint-Gläser zu zapfen. Nun müssen sie auch noch die
       Kunden, die eine ordentliche Schlange gebildet haben, anlocken, damit sie
       ihre Bestellung aufgeben.
       
       Das Anstehen in Pubs vereine die schlimmsten Elemente des Kommunismus ohne
       die guten Seiten wie kostenlose Wohnungen oder hastig gebaute
       Kernkraftwerke, lamentiert der Journalist Will Dunn im New Statesman: „Ist
       dies das Ergebnis einer durch das Internet infantilisierten Bevölkerung?
       Warum verwandelt man nicht alle Autobahnen in einspurige Straßen, wenn man
       der Bevölkerung eine so einfache, lineare Leistungsgesellschaft aufzwingen
       will? Das dürfen wir nicht hinnehmen. Das entspricht nicht unserem
       Selbstverständnis als Engländer.“
       
       9 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
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