# taz.de -- Die Wahrheit: Komm zu den Toten im Park
       
       > Aus dem Phoenix Park in Dublin steht niemand wieder auf wie aus Asche.
       > Vielmehr verendet hier vieles.
       
       Dublins Phoenix Park ist kein gutes Pflaster. Der mit 700 Hektar größte
       Stadtpark Europas ist 1662 von einem Engländer als königlicher Hirschpark
       angelegt worden. Der Herzog von Ormond ließ damals Damhirsche aus England
       importieren, die sich in Dublin so rasant vermehrten, dass die
       Stadtverwaltung heutzutage im Schnitt 90 Tiere pro Jahr von einem
       68-jährigen Scharfschützen abknallen lässt.
       
       Aber nicht nur für Tiere ist der Park lebensgefährlich. Bei verschiedenen
       Open-Air-Konzerten kam es zu Todesfällen durch Drogen, und beim Auftritt
       der Swedish House Mafia, der 45.000 Besucher in den Park lockte, wurden
       neun Menschen niedergestochen. Die überlebten allerdings – im Gegensatz zum
       britischen Chefsekretär für Irland, Lord Frederick Cavendish, und dem
       Unterstaatssekretär Thomas Henry Burke, die 1882 der von irischen Rebellen
       bei einem Spaziergang im Park erstochen wurden.
       
       Ein Butler kam 1817 im Park hingegen versehentlich zu Tode. Links vom
       Haupteingang steht ein 62 Meter hoher Obelisk, der von den Fans des Herzogs
       von Wellington erbaut wurde. Um das Geld dafür zu beschaffen,
       veranstalteten sie im Gewölbe im bereits fertiggestellten Sockel ein Dinner
       für zahlungskräftige Gäste. Nach dem Mahl wurde das Gewölbe zugemauert.
       Erst Wochen später stellte man fest, dass ein Butler, der heimlich
       mitgesoffen hatte, hinter einem Wandschirm eingeschlafen und lebendig
       eingemauert worden war.
       
       Bei einer anderen Leiche dauerte es sogar 13 Monate, bis man ihr auf die
       Spur kam. Vor gut zwei Jahren war der Tote von einem Park-Ranger in einem
       Wäldchen gefunden worden. Ein Polizist fand in einem Rucksack neben der
       Leiche den Lebenslauf eines James O’Neill mit Dubliner Adresse.
       
       ## Keine Todesursache
       
       Weil man „mehrfach und zu unterschiedlichen Zeiten“ bei dieser Adresse
       niemanden angetroffen hatte, schloss die Polizei – deren Hauptquartier im
       Phoenix Park liegt – daraus, dass der Lebenslauf gefälscht war. Auf die
       Idee, dass niemand die Tür öffnete, weil der Bewohner tot im Park lag,
       kamen die Beamten nicht. „Eine Identifizierung war nicht möglich“, heißt es
       im Obduktionsbericht. Eine Todesursache war auch nicht angegeben.
       
       Die sterblichen Überreste blieben in der Dubliner Leichenhalle, bis ein
       forensischer Anthropologe ein gutes Jahr später die Leiche untersuchte.
       Dabei wurden in einer Innentasche der Kleidung neun Ausweisdokumente
       gefunden, darunter ein britischer Führerschein, eine Kreditkarte, ein
       Kontoauszug, eine Krankenversicherungskarte und zwei Bibliotheksausweise.
       Alle lauteten auf den Namen James O’Neill.
       
       Die Polizei stellte überrascht fest, dass der neben der Leiche gefundene
       Lebenslauf wohl doch nicht gefälscht war, sondern dass es sich tatsächlich
       um James O’Neill handelte. Dessen Eltern waren ebenfalls überrascht, hatten
       sie doch angenommen, dass sich ihr Sohn auf einer langen Weltreise befand.
       
       23 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
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