# taz.de -- „Sabotage“ im Hamburger Bahnhof: Von Knaben und Katzen
> Giulia Andreani setzt im „Hamburger Bahnhof“ Berlin Figuren der Kunst-
> und Weltgeschichte malerisch in neue Zusammenhänge. Als Vorlagen dienen
> Fotos.
(IMG) Bild: Giulia Andreanis Wandbild „Paint Unbidden (Palimpsest)“ 2025 in der Ausstellung im Hamburger Bahnhof
Ein Junge klettert links einen Baum hoch, ein Mädchen scheint auf der
rechten Seite des knapp fünf Meter breiten Wandbilds vom Himmel
herunterzuspringen – und droht dabei auf dem gebeugten Rücken Maler Sigmar
Polke zu landen. Der sucht unter ihr auf einem Rasenstück nach
halluzinogenen Pilzen.
Von Polke sind Experimente mit Pilzen und anderen Rauschmitteln
überliefert. Von seiner Malerkollegin Georgia O’Keeffe wiederum das Sammeln
von Kräutern. Sie wurde von [1][Giulia Andreani] an einem Tisch vor einem
Berg aus Pflanzen sitzend unten links im Wandbild porträtiert. Ins Zentrum
allerdings setzte die aus Italien stammende, länger aber schon in Paris
lebende Künstlerin die schillernde Figur der Anarchistin, Pazifistin,
Verlegerin und Sufi-Anhängerin Leda Rafanelli.
Diese konnte sich neben ihren künstlerischen und politischen Werken auch
damit rühmen, den amourösen Avancen des damals noch für einen Sozialisten
gehaltenen späteren italienischen Diktators Benito Mussolini eine Abfuhr
erteilt zu haben.
Sehr direkt schaut Rafanelli aus dem Bild. Man könnte ihr unterstellen, sie
frage ihr betrachtendes Gegenüber, wie dieses es so halte mit dem
Anarchismus, mit dem Nein zum Krieg und auch mit dem Nein einer Frau zu
einem machtvoll begehrenden Manne.
## Archive und Familienalben
Andreani hat in diesem großen Bildwerk gleich mehrere für sie prägende
Figuren in Konstellationen zueinander gebracht. Polkes Malerei beeinflusste
sie einst als Kunststudentin. Raffanelli steht stellvertretend für all die
Frauen, deren Bildnissen und Lebensgeschichten Andreani in Archiven und
Familienalben nachspürt.
Um verdrängte und vergessene Personen kann es sich dabei handeln, aber auch
um solche, die Zeit ihres Lebens vom Schleier der Anonymität bedeckt waren.
Andreani porträtiert sehr viele namenlose Näherinnen, Schneiderinnen und
Wäscherinnen in oft großformatigen Arrangements.
Als Vorlagen nimmt sie Fotos. Für die aktuelle Ausstellung im [2][Hamburger
Bahnhof] verlässt sie aber auch den zweidimensionalen Bildraum und reichert
ihre Werke mit technischen Objekten wie Bügeleisen und Fleischwolf,
Briefwaage und Schreibmaschine an. Für die Malerei selbst löst Andreani die
Figuren, die ihr wichtig sind, behutsam aus den originalen Bildkontexten
heraus. Sie benutzt dafür vorwiegend einen Farbton, das sogenannte
Paynesgrau. Es ist eine Mischfarbe, einst vom britischen Landschaftsmaler
William Payne für schöne Wolkentöne aus den Komponenten Ultramarin, Schwarz
und Siena entwickelt.
Je nach Untergrund sticht mal mehr das Blau, der Rotton oder eben das
Schwarz heraus. Stets aber mutet dem Pinselstrich etwas Geisterhaftes und
Mystisches an. Und so erinnert Andreanis Maltechnik denn auch an
alchimistische Praktiken und Experimente mit Fixierlösungen, bei denen
Schemen, Silhouetten und komplette Figuren hervorgezaubert werden.
## Wellenbewegungen des Erkenntnisprozesses
Gerade weil ihre Bilder so seltsam entfärbt wirken, lösen sie
Wellenbewegungen des Erkenntnisprozesses aus. Sie schaffen einerseits eine
Distanz, die zur Reflexion einlädt. Andererseits beginnt der
Wahrnehmungsapparat unwillkürlich, fehlende Farbkomponenten zu ergänzen,
was einen eher immersiven, also an- und einsaugenden Effekt hat.
„Meine besondere Farbwahl ermöglicht es mir, in einem sehr produktiven
Schwellenbereich zu arbeiten, an der Grenze zwischen Figuration und
Abstraktion, zwischen Erzählung und Fotorealismus, zwischen Symbol und
Hinweis“, erklärt sie selbst im begleitenden Katalog.
Versteckte Hinweise liefert auch die Ausstellungsarchitektur. Der Blick der
Anarchistin Rafanelli scheint durch den Raum zu gehen und zwei
Knabenporträts von hinten zu durchbohren. Nachempfunden sind sie Aufnahmen
von Donald Trump und Wladimir Putin, jeweils im Kindesalter. Eher
verträumt, fast verschüchtert blickt der eine, mit noch sanft strahlendem
Selbstbewusstsein der andere.
Was war damals schon angelegt bei diesen beiden [3][Disruptoren der
Weltgeschichte], fragt man sich unwillkürlich. Die „Sabotagen“, die
Andreani an alten Fotografien vornimmt, stellen vor allem Fragen. Im
Zeitalter der Meinungskämpfe eine geradezu wohltuende Strategie, die
dennoch keinesfalls einlullt, sondern zur Gedankenschärfe animiert.
16 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tom Mustroph
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