# taz.de -- Regisseure des Films „Jeunes mères“: „Viele Kinder und Jugendliche sind auf sich allein gestellt“
       
       > „Jeunes mères“ der Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne spielt in einem
       > Heim für junge Mütter. Ein Gespräch über ihre Verantwortung für die
       > Jugend.
       
 (IMG) Bild: Das Heim und die jungen Mütter in „Jeunes mères“
       
       Seit 30 Jahren sind Jean-Pierre und Luc Dardenne, die in den 1970er Jahren
       zunächst mit dokumentarischen Arbeiten begannen, eine feste Größe sowohl
       bei den Filmfestspielen in Cannes als auch im europäischen Arthouse-Kino
       insgesamt. In ihrem neuen Film „Jeunes mères – Junge Mütter“ erzählen die
       belgischen Brüder, die wir in Paris zum Interview trafen, von fünf
       Teenagern in einem Heim für junge Mütter. 
       
       taz: Im Zentrum Ihres neuen Films „Jeunes mères – Junge Mütter“ steht ein
       Heim für junge Frauen, die ein Kind erwarten oder gerade eines bekommen
       haben. Dabei handelt es sich um einen realen Ort, richtig? 
       
       Luc Dardenne: Wir besuchten vor einigen Jahren eine solche Einrichtung in
       der Nähe von Lüttich. Wir trugen uns mit dem Gedanken, einen Film zu drehen
       über eine junge Mutter, die versucht, eine Bindung zu ihrem Neugeborenen
       aufzubauen, und in diesem Heim vorbeizuschauen gehörte zu unserer
       Recherche. Der Gedanke, den Fokus unseres Films zu erweitern und von einer
       Gruppe junger Mütter zu erzählen, entstand dann tatsächlich vor Ort. Nicht
       nur, weil es interessant war zu sehen, wie eine solche Hilfseinrichtung
       funktioniert. Sondern vor allem, weil uns die Frauen und Mädchen mitsamt
       ihren Geschichten dort so sehr berührten.
       
       taz: Warum schlossen Sie die so schnell ins Herz? 
       
       Luc Dardenne: Es waren gar nicht so sehr die Einzelschicksale, die uns
       nahegingen. Auch wenn viele dieser jungen Frauen natürlich aus alles andere
       als einfachen Umständen kamen und ihre Lebensgeschichten oft eng verknüpft
       waren mit Armut und Gewalterfahrungen. Doch in einer Welt, die zusehends
       von Brutalität und Isolation geprägt zu sein scheint, erschien uns vor
       allem dieser Ort an sich so besonders. Dass es da einen Platz gibt, an dem
       die Mütter zusammenkommen können, und an dem es um Hilfe, Fürsorge und
       gegenseitige Unterstützung geht. Wir spürten in diesem Heim die Schwäche
       vieler Frauen und die Zerbrechlichkeit des Lebens, aber eben auch die Kraft
       und die Widerständigkeit, die dort aus der Gemeinsamkeit erwachsen. Das
       erschien uns erzählenswert, heute mehr denn je. Und dabei mehr als nur ein
       Mädchen in den Blick zu nehmen, war besonders wichtig, denn selbstständig
       zu werden und Verantwortung zu übernehmen, kann ja ganz unterschiedliche
       Formen annehmen. Während die eine ihr Baby zu lieben lernt und Kraft daraus
       zieht, sich um ein kleines Wesen zu kümmern, fasst die andere vielleicht
       den Entschluss, ihr Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben, damit
       sie sich um sich selbst kümmern und womöglich ihre Ausbildung fortsetzen
       oder einen Arbeitsplatz finden kann.
       
       taz: Basieren alle Schicksale, die wir im Film sehen, auf realen Fällen? 
       
       Jean-Pierre Dardenne: Wir haben keine Geschichte eins zu eins der Realität
       entlehnt. Aber natürlich haben wir uns inspirieren lassen, nicht nur von
       den jungen Frauen, denen wir persönlich begegnet waren, sondern auch von
       all den Geschichten und Erlebnissen, von denen uns die Leiterin und all die
       Mitarbeitenden des Heims berichteten. Es gibt diesen Ort seit mehr als 60
       Jahren, da haben die dort arbeitenden Erzieherinnen und Psychologinnen
       wirklich alles gesehen. Doch natürlich sind die Biografien unserer
       Protagonistinnen alle fiktionalisiert, was uns gerade mit Blick auf das
       Ende des Films ein Anliegen war. Denn wir wussten von Anfang an, dass wir
       für jede dieser fünf Frauen einen Ausweg finden. Und zwar einen, der sie –
       und damit auch das Publikum – zumindest mit ein wenig Licht und Hoffnung in
       die Zukunft entlässt.
       
       taz: Einige Ihrer jungen Darstellerinnen waren Laien, andere hatten schon
       ein wenig Schauspielerfahrung. Wie arbeiten Sie mit einem solchen Ensemble? 
       
       Jean-Pierre Dardenne: Elsa Houben, die die Julie spielt, ist ein klein
       wenig älter als die anderen und hatte schon ein paar Mal vor einer Kamera
       gestanden. Aber auch nicht so häufig, dass sie ein abgebrühter Profi
       gewesen wäre. Und selbst wenn: Unsere Arbeitsweise ist eigentlich immer die
       gleiche, ganz gleich, ob wir mit Schauspiel-Neulingen drehen oder mit
       etablierten Stars wie Marion Cotillard. Unser Prozess des Filmemachens
       umfasst eine Probenphase von vier bis fünf Wochen. Da spielen wir mit dem
       Ensemble die Geschichte immer wieder durch, an den Orten, an denen wir dann
       später auch drehen. Wir nehmen alles mit einer kleinen Kamera auf, und die
       Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Luc und ich finden gemeinsam die
       Abläufe und Bewegungen, den Rhythmus des Films und natürlich die Figuren in
       all ihren Nuancen. Wenn wir dann mit dem eigentlichen Drehen beginnen,
       haben wir alle Verunsicherung und Ängste ausgemerzt. Alle sind präsent und
       wissen, was sie tun. Das ist die Basis für die Wahrhaftigkeit und den
       Realismus unserer Filme.
       
       taz: Die meisten Ihrer [1][Filme handeln von Kindern und Jugendlichen].
       Warum eigentlich? 
       
       Luc Dardenne: Woraus sich Interessen entwickelt haben, finde ich in der
       Eigenanalyse einigermaßen schwer zu beantworten. Aber tatsächlich
       beschäftigen wir uns seit „Das Versprechen“ mit den Geschichten junger
       Menschen und nicht zuletzt mit dem Verhältnis von Kindern und Eltern, also
       dem Blick auf zwei untrennbar miteinander verbundene Generationen von
       Menschen. Es ist spannend zu sehen, was Erwachsene Kindern mitgeben können
       und welchen Einfluss sie auf deren Leben haben. Und gerade der Umstand,
       dass junge Menschen noch mittendrin stecken in ihrer Entwicklung, dass sie
       sich verändern und bei ihnen alles permanent im Wandel ist, macht sie für
       uns als Filmemacher so reizvoll. Am Baum des Lebens sind sie junge, noch
       grüne Triebe und Zweige, keine alten Äste, um es mal so auszudrücken! Sie
       sind so viel schützenswerter, deswegen nehmen wir uns ihrer an.
       
       taz: Aus einem Verantwortungsgefühl heraus? 
       
       Jean-Pierre Dardenne: Auch, ja. Vielleicht ganz besonders, weil wir zwei
       Brüder sind, die gemeinsam Filme drehen, und entsprechend dauerhaft mit dem
       Thema Familie konfrontiert sind. Wir als Ältere müssen uns doch fragen, was
       wir den Jüngeren mitgeben, wie wir sie vorbereiten aufs Leben und welche
       Welt wir ihnen hinterlassen. Diese Fragen liegen uns am Herzen, zumal – wie
       seit „Das Versprechen“ [2][viele unserer Geschichten zeigen – nicht jeder
       junge Mensch die Eltern oder andere Erwachsene als stabile Präsenz in
       seinem Leben hat]. So viele Kinder und Jugendliche sind auf sich allein
       gestellt bei der Suche nach ihrer Menschlichkeit.
       
       taz: Mit „Das Versprechen“ gelang Ihnen damals der Durchbruch, der Film ist
       inzwischen 30 Jahre alt. Bedeutet jung sein heute noch das gleiche wie
       damals? 
       
       Luc Dardenne: Oh, das ist eine große Frage, die andere sicherlich
       fundierter beantworten können als wir. Es lässt sich nicht leugnen, dass
       sich vieles geändert hat in unserer Gesellschaft, und das hat Einfluss auf
       die Erfahrungswelt junger Menschen. Die Lebensumstände, in denen man heute
       aufwächst, sind rauer und brutaler, und die Verführungen, die überall
       lauern, noch stärker. Entsprechend reagieren alle Menschen schneller und
       gereizter, gerade die Jungen zücken schneller die Messer, nicht nur
       buchstäblich. Von daher ist es heutzutage sicherlich noch schwieriger, jung
       zu sein, als es das schon vor 30 Jahren war. Doch eines ist auf jeden Fall
       gleichgeblieben, und das ist die Tatsache, dass junge Menschen auf die
       Hilfe anderer angewiesen sind, wenn sie eine Chance auf Rettung haben
       wollen.
       
       taz: „Das Versprechen“ war damals Ihr erster Film, der beim Festival in
       Cannes Premiere feierte, wo Sie später dann zweimal die Goldene Palme
       gewannen. Stimmt es eigentlich, dass Sie einen dieser beiden Preise
       inzwischen verloren haben? 
       
       Jean-Pierre Dardenne: Eine der beiden Palmen war lange verschwunden. Aber
       inzwischen ist sie wieder aufgetaucht. Sie lag in der untersten Schublade
       eines Schranks in unserem Büro, ganz hinten. Wir hatten einfach nicht
       gründlich genug gesucht.
       
       4 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Minderjaehrige-Gefluechtete/!5965389
 (DIR) [2] /Neuer-Film-der-Dardenne-Brueder/!5366614
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Patrick Heidmann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Belgien
 (DIR) Spielfilm
 (DIR) Mütter
 (DIR) Schwangerschaft
 (DIR) Mädchen
 (DIR) Heim
 (DIR) Migration
 (DIR) Film
 (DIR) Film
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Minderjährige Geflüchtete: Brüderchen und Schwesterchen
       
       In ihrem Film „Tori & Lokita“ erzählen Jean-Pierre und Luc Dardenne von
       sehr jungen Geflüchteten. Deren Geschichte entfaltet eine unerwartete
       Energie.
       
 (DIR) Neuer Film der Dardenne-Brüder: Verhöre im Sprechzimmer
       
       Für Dr. Davin ist alles eng verflochten, zu eng. In „Das unbekannte
       Mädchen“ werden die Brüder Dardenne zu zwei Sadisten.
       
 (DIR) Dardenne-Brüder über ihren neuen Film: „Es gibt das Moment des Kollektiven“
       
       In „Zwei Tage, eine Nacht“ kämpft eine Frau darum, ihren Job zu behalten:
       Solidarität ist zu etwas Außerordentlichem geworden, sagen Jean-Pierre und
       Luc Dardenne.