# taz.de -- Konflikt Pakistan-Afghanistan: „Offener Krieg“ in der Eskalationsspirale
> Ausgelöst von Terrorangriffen in Pakistan ging der Krieg mit dem
> afghanischen Taliban-Regime am Sonntag unvermindert in den dritten Tag.
(IMG) Bild: Taliban-Kämpfer an einem Kontrollpunkt nahe dem Grenzübergang Torkham zwischen Pakistan und Afghanistan
In der Nacht zu Sonntag haben pakistanische Jets zum zweiten Mal innerhalb
von drei Tagen die afghanische Hauptstadt Kabul sowie [1][erstmals den
Luftstützpunkt Bagram] 47 Kilometer nördlich davon bombardiert. Auch an
mehreren Abschnitten der 2600 Kilometer langen Grenze wurde wieder
gekämpft.
Pakistans Ziele in Kabul waren das Innenministerium nahe dem Flughafen
sowie der Stadtteil Schaschdarak. Dort sind Einrichtungen des Militärs, des
Geheimdienstes GDI und Ministerien. [2][Es wurden heftige Explosionen
gemeldet]. In Bagram versuchte Pakistan offenbar, die kleine Luftwaffe der
Taliban zu treffen. Nach deren Angaben konnten ihre Abwehr das aber
verhindern.
Die Taliban reagierten ihrerseits mit Drohnenangriffen auf
Militärstützpunkte in Pakistan, darunter in der Hauptstadt Islamabad, gut
150 Kilometer von der Grenze entfernt. Am Sonntagvormittag griffen sie auch
grenznahe pakistanische Stellungen sowie das Hauptquartier eines Armeekorps
in Quetta an. Hier behauptete wiederum Pakistan, den Angriff abgewehrt zu
haben.
Ausmaß und Wirkungen der Angriffe blieben weitgehend unklar. Beide Seiten
geben hohe, zum Teil dreistellige und nicht überprüfbare Opferzahlen der
Gegenseite an. [3][Die Taliban untersagten zudem afghanischen Medien,
eigenständig aus dem Kampfgebiet zu berichten]. Am Freitag töteten
Geschosse mehrere aus Pakistan abgeschobener Afghan*innen in
Rückkehrerlagern. Pakistanische Medien zeigte ihrerseits Bilder zerstörter
Moscheen im Land.
## Pakistan wirft Kabul Unterstützung der TTP vor
Der Krieg hat alle Merkmale einer Eskalationsspirale. Ausgelöst wurde er
durch mehrere Terroranschläge in Pakistan. Anfang Februar tötete ein
Selbstmordattentäter mutmaßlich des Terrornetzwerkes Islamischer Staat (IS)
Dutzende schiitischer Muslime in einer Moschee in Islamabad. Es folgten
Angriffe auf Armee- und Polizeieinrichtungen. Der Dachverband der
pakistanischen Taliban (TTP) sowie Splittergruppen verstärkten in diesem
Jahr wieder ihre Angriffe gegen die Regierung in Islamabad, die sie als
unislamisch betrachten.
Die beschuldigt die afghanischen Taliban, ihren pakistanischen
Namensvettern und den IS zu unterstützen. Die streiten das ab. In
Afghanistan leben mehrere zehntausend Flüchtlinge, die 2014 vor einer
Anti-TTP-Offensive Pakistans geflohen waren. Unter ihnen sind sicherlich
Taliban-Kämpfer aus Pakistan und deren Familien. Forderungen aus Islamabad
nach deren Auslieferung lehnten die afghanischen Taliban immer wieder ab.
Sie werfen Pakistan vor, den IS zu unterstützen, der auch ihr Regime
bekämpft. Teilweise agiert der IS von Lagern in Pakistans ebenfalls
umkämpfter Provinz Belutschistan aus.
In der Nacht zum vorigen Sonntag griff Pakistan dann angebliche
TTP-„Terrorcamps“ in den afghanischen Grenzprovinzen Paktika, Nangrahar und
Chost an. Das führte am Dienstag zu Gefechten zwischen Truppen der
afghanischen Taliban und Pakistans sowie weiteren pakistanischen
Bombardements entlang der Grenze. In der Nacht zum Freitag reagierte das
Taliban-Regime mit Angriffen auf pakistanische Stellungen entlang der
Grenze. Daraufhin eskalierte Pakistan am Donnerstag seine Angriffe über die
Grenzregion hinaus.
Am Freitag griff Pakistans Luftwaffe erstmals Kabul sowie das
südafghanische Kandahar an, wo sich die Talibanführung Hebatullah
Achundsada aufhält. Er könnte auch selbst angegriffen worden sein. Am
selben Tag ließen Afghanistans Taliban ihrerseits Drohnen auf Militärbasen
in Islamabad und Pakistans Nordwestprovinz Khyber-Pakhtunkhwa (K-P) los.
Ebenfalls am Freitag erklärte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja
Mohammad Asif in sozialen Medien, nun herrsche „offener Krieg“.
[4][Der eigentliche Zankapfel zwischen beiden Staaten ist ihre Grenze, die
sogenannte Durand-Linie]. Keine Regierung in Kabul hat sie jemals
anerkannt, denn sie geht auf die britische Kolonisierung Indiens zurück,
dem bis ins 19. Jahrhundert hinein zu Afghanistan gehörende, überwiegend
von Paschtunen bewohnte Gebiete angegliedert wurden. Sie bilden heute
Pakistans Provinz Khyber-Pachtunkhwa. Ab 1947 unterstützte Kabul dort
Rebellen, die einen Wiederanschluss an Afghanistan betrieben.
## Stellvertreterkrieg mit bewaffneten Islamistengruppen
Später förderte Pakistan seinerseits bewaffnete Islamisten in Afghanistan.
Nach der dortigen sowjetischen Invasion 1979 wuchsen diese Gruppen durch
massive westliche, arabische und chinesische Hilfe, die über Pakistans
damaliges islamistisches Militärregime kanalisiert wurde, zur Bewegung der
Mudschahedin. Als diese nach dem sowjetischen Abzug 1992 einen
Fraktionskrieg anzettelten, bildeten frühere Mitkämpfer, die sich aus
diesem Konflikt herausgehalten hatten, die Taliban-Bewegung. Die erhielt
erneut Unterstützung von Pakistans mächtigem Militär- und Geheimdienst und
übernahm 1996 erstmals die Macht in Kabul.
Nach der erneuten Machtübernahme der Taliban 2021 ging Pakistan davon aus,
in Kabul ein Vasallenregime zu haben, das für die jahrzehntelange
Unterstützung dankbar sei und der Regelung der Grenzfrage zustimmen würde.
Doch das war eine Fehlkalkulation. Wie sehr sich Pakistans Haltung zu den
Taliban gedreht hat, zeigt eine Erklärung seines Außenministeriums vom
Oktober 2025: „Wir hoffen, dass das afghanische Volk eines Tages befreit
sein wird und von einer wirklich repräsentativen Regierung regiert wird.“
Der Konflikt hat auch regionale Dimensionen. Minister Khawaja beschuldigt
Pakistans Erzfeind Indien, über Afghanistan Anschläge des TTP und des IS in
Pakistan zu unterstützen. Den Taliban wirft er vor, Afghanistan „in eine
Kolonie Indiens“ verwandelt zu haben. Indien streitet das ab, aber seine
Geheimdienste dürften – wie die vieler anderer Staaten – nicht nur in der
Vergangenheit in Afghanistan operiert haben. Zudem unterstützte Kabul immer
wieder bewaffnete Gruppen, die bis heute für eine Unabhängigkeit
Belutschistans von Pakistan kämpfen.
Trump: Pakistan hat das Recht zur Selbstverteidigung
Zudem näherte sich Pakistan unter der Trump-Regierung wieder den USA an.
[5][Der betonte jetzt auch persönlich Islamabads „Selbstverteidigungsrecht“
gegenüber den Taliban.] Auch will Trump noch zahlreiche Waffen zurückhaben,
die das US-Militär bei seinem Abzug 2021 aus Afghanistan zurückließ. Auch
will er mit Blick auf China und auf Pakistans Atomwaffen die Kontrolle über
den Stützpunkt Bagram wieder haben. Pakistan seinerseits dürfte auf
US-Waffenhilfe gegen die Taliban hoffen.
Die Taliban hatten kurz vor Ausbruch des Iran-Krieges erklärt, man würde
Teheran bei einem US-Angriff unterstützen. Nach Pakistans Angriffen dürfte
sie logistisch dazu aber nicht in der Lage sein. Doch stellen die großen
schiitischen Bevölkerungsgruppen in Afghanistan und Pakistan einen schwer
berechenbaren Faktor dar. Pakistanische Schiiten sollen am Sonntag
maßgeblich beim versuchten Sturm Protestierender auf das US-Konsulat im
pakistanischen Karatschi gewesen sein. Dabei wurden mindestens 9 Personen
getötet.
1 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.thenews.pk/print/1402092-us-backs-pakistan-s-right-to-self-defence-against-afghan-taliban
(DIR) [2] https://amu.tv/228821/
(DIR) [3] https://amu.tv/228828/
(DIR) [4] /Afghanisch-pakistanischer-Konflikt/!6158490
(DIR) [5] https://www.thenews.pk/print/1402092-us-backs-pakistan-s-right-to-self-defence-against-afghan-taliban
## AUTOREN
(DIR) Thomas Ruttig
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