# taz.de -- Kurdischer Modedesigner in Berlin: Ein Pulli, der polarisiert
       
       > Sezgin Kivrim sieht seine Mode als Aktivismus und kämpft damit gegen Hass
       > und Vorurteile. Sein Pullover im Stil der kurdischen Flagge ging viral.
       
 (IMG) Bild: Outfits vom kurdischen Modedesigner Sezgin Kivrim
       
       Angst – das war sein Gefühl, als er den Pulli das erste Mal auf der Straße
       trug. Darauf: eine Sonne auf weißem Grund, darüber ein roter, darunter ein
       grüner Balken: die kurdische Flagge. „Die Wahrscheinlichkeit, in Berlin
       Menschen mit anti-kurdischer Haltung zu begegnen, ist hoch“, sagt Sezgin
       Kivrim. Dennoch entscheidet sich der kurdische Alevit für Sichtbarkeit.
       
       Kivrim ist Gründer des Labels Sezgin. Gestartet hat er es 2024 gemeinsam
       mit einer Freundin nach Abschluss seines Modestudiums an der Universität
       der Künste (UdK). Das Markenzeichen: der Strickpulli mit der kurdischen
       Flagge.
       
       Über Nacht ging der Pulli viral. Auslöser war Kerstin Weng, Chefredakteurin
       der deutschen Vogue, die ihn 2024 bei einer Konferenz des Magazins in
       Berlin trug. Innerhalb weniger Stunden habe er Tausende neue Follower auf
       Instagram gehabt und zahlreiche Anfragen erhalten, erzählt Kivrim der taz.
       Und er bekam viel positive Resonanz: Viele Kurd*innen sagten ihm, sie
       hätten sich gesehen gefühlt, [1][kurdische Medien griffen die Geschichte
       auf ] und baten um Interviews.
       
       Mit dem Hype kam aber auch der Hass: In den sozialen Medien schrieben
       Menschen: „Faschistische Flagge“, „Fuck Kurdistan“ oder „Ich würde dir
       sagen, du sollst in dein Land zurückgehen – aber du hast ja keines, in das
       du zurückkehren könntest“. Türkische Politiker*innen twitterten
       „PKK-Modenschau“.
       
       ## „Ich will über die schönen Dinge unserer Kultur sprechen“
       
       „Ich hätte nicht gedacht, dass Menschen sich von der Sichtbarkeit einer
       Kultur so getriggerd fühlen“, sagt Kivrim, insbesondere, weil er sie [2][an
       keiner Stelle mit Staaten wie Irak], Syrien, Iran oder Türkei in Verbindung
       gesetzt habe. „Es zeigt, dass uns Kurden der Raum fehlt, unsere Kultur zu
       teilen, ohne, dass Leute auf uns losgehen“, sagt der 27-Jährige.
       
       Das habe ihn sehr traurig und ängstlich gemacht. Denn dass er keinen Bezug
       zu bestimmten Ländern oder Regionen hergestellt habe, das sei eine bewusste
       Entscheidung gewesen. „Die kurdische Geschichte wird immer nur über
       Unterdrückung und Leid erzählt“, sagt er. „Ich will aber über die schönen
       Dinge unserer Kultur sprechen: unsere Bräuche und Traditionen, Gemeinschaft
       und Zusammenhalt – über Sonnenblumenkerne essen und Tee trinken.“
       
       Dieses Lebensgefühl brachte Kivrim im Februar auf die Berliner Fashion
       Week: Bei seiner Show saßen Models auf Klappstühlen, knabberten
       Sonnenblumenkerne, spielten das mit Backgammon verwandte Brettspiel Tavla
       und flochten sich gegenseitig die Haare. „Das hat mir viel Hoffnung
       gegeben“, sagt Kivrim und strahlt.
       
       Die Mode von Sezgin verbindet Tradition und Moderne: Handarbeit und
       Blümchenstoffe der Oma treffen auf zeitgenössisches Modedesign. Damit
       möchte Kivrim dem Narrativ, dass Kurd*innen „zurückgebliebene Bauern in
       den Bergen“ seien, etwas entgegensetzen. „Wir Kurden tragen auch
       semi-transparente Mesh-Oberteile. Viele von uns sind ja auch in der
       Diaspora“, erklärt er. „Es ist mir wichtig zu zeigen, dass wir modern sind
       und popkulturelle Bewegungen haben können.“ In seiner nächsten Kollektion
       will er erkunden, wie kurdische Popkultur aussehen würde, wenn sie mehr
       Raum hätte.
       
       „Her bijî“ prangt auf Kivrims Shirts, das heißt „Es lebe!“ – ein kurdischer
       Solidaritätsruf, eingefasst von einem Herz. Weitere Stücke der Kollektion
       sind kräftige rote und blaue Tops sowie durchsichtige Mesh-Longsleeves,
       gesäumt mit Sonnen aus langen Zickzacklinien. Um die Hüften tragen Models
       filigrane Schmuckketten mit Pailletten oder dem kurdischen Sonnenemblem.
       
       ## Im Identitätskonflikt
       
       Seine kurdische Identität hat der Modedesigner nicht immer so ausgelebt.
       Kivrim ist in der Nähe von Ulm geboren und aufgewachsen, vor sieben Jahren
       ist er nach Berlin gezogen. „Es war ein großes Lost-Sein“, sagt er über
       seinen Identitätskonflikt. „Ich bin sehr deutsch aufgewachsen, meine Eltern
       wollten, dass ich mich gut integriere.“
       
       Obwohl er in Deutschland geboren ist, sei er in der Schule in den
       Deutschförderkurs gesteckt worden – wegen seines Migrationshintergrunds.
       „Das hat mich sehr belastet und mir gezeigt: Egal wie höflich du bist, wie
       ordentlich du Deutsch redest, wie stark du versuchst, dich zu integrieren,
       du wirst nie deutsch genug sein.“ Dabei habe er sich nichts sehnlicher
       gewünscht.
       
       „Irgendwann war ich müde vom Versuchen und wollte mein Kurdischsein nach
       außen tragen.“ Er habe auch über neue Freundschaften langsam zu diesem Teil
       seiner kulturellen Identität zurückgefunden. Dennoch plagten ihn
       Selbstzweifel: „Ich dachte, ich müsse die Sprache beherrschen, um kein
       Fake-Kurde zu sein“, sagt er. Nach vielen Jahren reiste er schließlich
       zurück nach Kurdistan zu seiner Familie. „Alle Großtanten und Großeltern
       haben Pullis bekommen. Sie waren mega stolz“, erzählt er. „Sie finden
       schön, dass das Leid, das sie ertragen, aufgearbeitet wird.“
       
       ## Mode als Aktivismus
       
       „Mein Herz bricht, wenn ich sehe, was gerade wieder in den kurdischen
       Gebieten passiert und wie mein Volk leidet“, sagt Kivrim. Vor allem [3][in
       Rojava im Nordosten Syriens] und in Rojhilat im Westen von Iran wehren sich
       Menschen aktuell gegen Angriffe.
       
       Seine Mode versteht Kivrim als Aktivismus. „Es sind Kleidungsstücke, ich
       rette damit keine Leben“, sagt er. „Aber sie erzählen unsere Geschichte.
       Und da die Angreifer unsere Existenz auslöschen wollen, muss ich umso mehr
       erzählen: von Tradition, Alltag und positiven Momenten.“ Er wolle nicht
       andere bestimmen lassen, wie er seine Geschichte zu erzählen hat.
       
       In Berlin geht Kivrim auf die Straße, um gegen die Angriffe zu
       protestieren. Mit seiner Marke produziert er bestickte T-Shirts, einen Teil
       des Erlöses spendet er an kurdische Hilfsorganisationen. Sein Wunsch: „Dass
       Menschen uns Aufmerksamkeit schenken und sich über den Konflikt
       weiterbilden.“ Viele würden den Pulli auf Social Media liken, mehr aber
       nicht. Das mache ihn traurig.
       
       „Die ganze Verantwortung, sich politisch zu engagieren, wird nur auf
       unseren Schultern abgelassen. Dabei müssen sich alle engagieren. Es geht um
       eine Kultur, die kurz vor der Auslöschung steht“, sagt Kivrim. Und er
       fordert andere zur Unterstützung auf: „Verschließt die Augen nicht. Sprecht
       mit kurdischen Menschen, teilt Ressourcen, bildet euch weiter. Nehmt uns
       einen Teil der Last ab.“
       
       20 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://kurdistanchronicle.com/babat/3369?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAYnJpZBExbzFJeVRCSWVoV0tNOTBQdXNydGMGYXBwX2lkEDIyMjAzOTE3ODgyMDA4OTIAAR4YmGxbngc05Xmmz5ZjX2clY_epnTl3zH09YsJsy2oMf8nAmTTI0WmkzzCqcA_aem_8IsoojA79FlrsnXN0Ry-KQ
 (DIR) [2] /Autonome-Region-Kurdistan-im-Irak/!6170110
 (DIR) [3] /Kurdischer-Journalist-ueber-Nordsyrien/!6146940
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
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