# taz.de -- Berliner Modelabel Richert Beil: Fischbrötchen zum Latex-Ensemble
       
       > Seit über zehn Jahren entwirft das Berliner Modelabel Richert Beil
       > Fashion für humorvolle Avantgardisten. Nun eröffnen sie einen eigenen
       > Raum in Berlin-Kreuzberg.
       
 (IMG) Bild: Richert Beil benutzen Latex als handle es sich um Seide
       
       Jale Richert musste noch einer verletzten Maus von der Straße helfen,
       deshalb schaltet sie sich etwas später in unseren Termin. Ein guter Grund,
       der schon vor dem Gespräch etwas über die Modedesignerin verrät: Sie ist
       umsichtig und nimmt sich Zeit für das, was ihr wichtig ist. Gerade kommt
       sie aus Berlin-Kreuzberg, wo im Mai das erste Richert-Beil-Geschäft
       eröffnen wird. Keine typische Modeboutique. „Es geht uns darum, einen Ort
       zu haben, an dem man auf einfache Art Menschen zusammenbringen kann“,
       erklärt Richert.
       
       Hauptsächlich anonymes Arbeiten und dann alle halbe Jahre ein Riesenevent
       auf der [1][Berliner Modewoche], das entspreche ihr nicht, sagt sie.
       Vielmehr wünsche sie sich einen regionalen Anlaufpunkt, an dem sie der
       Kundschaft begegnen könne, Austausch stattfinde und Werk und Leben
       zusammentreffen. „Wenn man so viel arbeitet, sucht man natürlich auch
       innerhalb der Arbeit irgendwann nach Ruhe.“
       
       Zwölf Jahre lang schon gibt es das Berliner Modelabel Richert Beil. Jale
       Richert und Michele Beil sind beruflich wie privat ein Paar und agieren als
       gleichgestellte Kreativdirektoren. Die Konzepte stammen oft von Richert,
       die Feinarbeit von Beil. „So kommt man sich nicht in die Quere.“ Statt
       Trends folgen sie bei der Entwicklung ihrer Kollektionen selbst definierten
       Werten. So kompromisslos wie möglich. Auch aus diesem Grund sind sie zu
       einer Konstante der Berliner Modeszene geworden. „Ihnen könnte, glaube ich,
       der Zeitgeist nicht egaler sein“, erklärt Léon Romeike, der sowohl Freund
       als auch immer wieder Stylist für Richert und Beil ist.
       
       Präzise [2][Schneiderkunst], Verpflichtung zur [3][Inklusion
       unterschiedlicher Körpertypen] und höchste Qualität sind das Grundgerüst
       der Marke. Die Looks haben oft etwas Avantgardistisches und werden
       gebrochen durch ein überraschendes Comic Relief. So trug kürzlich bei ihrer
       Modenschau das erste Model einen exquisiten Couture-Mantel um die Hüften
       gebunden und dazu ein mit Ketchup bekleckertes Tanktop. „Es gibt immer
       diese Spannung zwischen dem Commitment to Excellence und dem Raum für
       alberne Ideen. Daraus entsteht eine gewisse Magie“, so Romeike.
       
       ## Zwischen Witz und hohem Anspruch
       
       „Ohne Humor würde alles nicht funktionieren“, erklärt auch Jale Richert.
       Sich selbst nimmt sie nicht so wichtig, ihre Kunst dafür umso mehr. „Ich
       habe einen sehr hohen Anspruch an mich, an die Verarbeitung der
       Kleidungsstücke und an meine Arbeit allgemein.“ Jeder Kragen muss exakt
       sitzen, wird zur Not noch einmal neu genäht. Man sieht, dass sie das
       Handwerk liebt.
       
       Als Modedesignerin begegnet sie oft Menschen, die, verunsichert durch den
       oberflächlichen Ruf der Modewelt, eine direkte Bewertung ihrer Outfits
       erwarten. Richerts Verständnis von Mode ist ein anderes. Gerade das
       Zusammenspiel unterschiedlicher menschlicher Charaktere und der von ihnen
       gewählten Kleidung fasziniert sie. „Wie Menschen im Alltag mit ihrer
       Kleidung leben, was sie dadurch aussagen und unterstreichen, darin sehe ich
       etwas, das ich sehr schön finde“, verrät die Designerin. Und auch die Mode
       von Richert Beil wirke ihrer Ansicht nach am stärksten, wenn man vor der
       Show das Model studiere, das den Look tragen soll, und sich von dessen
       Garderobe und Persönlichkeit inspirieren lasse.
       
       Richert Beil produzieren sehr kleine, hochwertige Kollektionen und haben
       eine eigene, genderneutrale Größentabelle entwickelt. Dem offiziellen,
       schnellen Modesystem entspricht das nicht. Schritt für Schritt haben sich
       die beiden Modedesigner in eine Position gearbeitet, die ihnen diese
       Arbeitsweise erlaubt. „Für unsere Mode muss man vielmehr ein Mindset
       mitbringen als den richtigen Körper. Man muss verstehen, dass das
       Kleidungsstück einem entsprechen muss und dadurch gut aussieht“, erklärt
       Richert.
       
       Dieser individuelle Blick, verbunden mit der unabdingbaren Qualität, macht
       ihre Mode zu einem Luxusprodukt. In der heutigen Luxusmodeindustrie, in der
       immer schlechtere Ware zu einem immer höheren Preis angeboten wird, sei
       Richert Beil das Gegengift, findet Léon Romeike.
       
       ## Der Raum als Universum
       
       Ihr neuer, betretbarer Raum ist als Weiterführung der Idee zu verstehen,
       luxuriöse Mode zugänglicher und im wahrsten Sinne des Wortes greifbar zu
       machen. „Wir möchten einen hochwertigen Ort schaffen, der gleichzeitig
       immer wieder offene Türen hat“, so Richert. Auch eine kleine Küche gibt es.
       Sie soll zum gemeinsamen Kochen, sei es mit Freunden oder
       Geschäftspartnern, genutzt werden.
       
       Neben ihren eigenen Kollektionen möchten die Modedesigner auch Dinge
       anbieten, die das Richert-Beil-Universum vor Ort erweitern. Produkte, die
       in ihrer Sparte hochwertig sind, aber aus einem deutlich günstigerem
       Preissegment stammen. Wie etwa eine edle Suppenkelle oder ein
       Premium-Tee-Ei. „Dinge, die das Leben verschönern“, nennt es Jale Richert.
       So wie das auch die Mode tut.
       
       Die Modeindustrie wird oft wegen ihres Zwangs zur ständigen Erneuerung
       kritisiert. Die Relevanz, die Mode für Menschen habe, dürfe aber nicht
       vergessen werden, ist Richert überzeugt. Sowohl für die schaffende als auch
       die tragende Seite. „Ich finde es wichtig, dass weiterhin kreativ
       gearbeitet wird. Es macht das Leben einfach schöner.“ Gleichzeitig sei
       dieses Arbeiten oft gesellschaftskritisch und dadurch umso wichtiger,
       bringe es doch viele Bewegungen nach vorne. „Gerade über Mode kann man sich
       schnell identifizieren oder mitreißen lassen. Positive Botschaften und
       Communitys entstehen oft aus der Mode heraus.“
       
       Jale Richert und Michele Beil haben ihre ganz eigene Mission: Trotz der
       bedingungslosen Exzellenz ihrer Mode soll diese stets nahbar bleiben. Sei
       es durch ein extravagantes Showkonzept, in denen sich Gäste begegnen, die
       sich sonst nie über den Weg gelaufen wären. Durch ein Fischbrötchen, das
       zum Accessoire fürs Latex-Ensemble wird. Oder indem sie ihre Mode in ein
       Lebensgefühl einbetten, das weit über Kleidung hinausgeht. Richert Beils
       Mode ist, schon rein größentechnisch, für alle da. Und funktioniert am
       besten, wenn man sie nicht zu ernst nimmt, sondern sie sich zu eigen macht.
       
       26 Feb 2026
       
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