# taz.de -- Mord an Marielle Franco in Brasilien: Auftraggeber zu 76 Jahren Haft verurteilt
> 2018 wurde die linke Politikerin Marielle Franco in Rio de Janeiro
> ermordet. Nun wurden die Brüder Chiquinho und Domingos Brazão schuldig
> gesprochen.
(IMG) Bild: Monica Benicio (Mitte), Witwe von Marielle Franco, neben Marielles Mutter Marinete da Silva, nach dem Gerichtsbeschluss
Acht Jahre nach dem Anschlag kam das Urteil, und es war einstimmig. Das
oberste Bundesgericht von Brasilien befand die Brüder Chiquinho und
Domingos Brazão für schuldig, den [1][Mord an der Kommunalpolitikerin
Marielle Franco] beauftragt zu haben. Beide Politiker wurden wegen
zweifachen Mordes, versuchtem Mord und Angehörigkeit zu einer kriminellen,
bewaffneten Vereinigung zu je 76 Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.
Die Politikerin und ihr Fahrer starben am 14. März 2018 tagsüber im Zentrum
von Rio de Janeiro bei einem Anschlag, als sie mit dem Auto nach Hause
fuhren. Das Auto wurde von 14 Kugeln durchsiebt, nur die Presseassistentin
von Franco überlebte. Der Fall erregte Aufsehen weit über die Grenzen
Brasiliens hinaus. Untersuchungen der Bundespolizei ergaben, dass seine
[2][Aufklärung absichtlich verschleppt] und erst nach öffentlichem Druck
vorangetrieben wurde.
Ein Jahr nach dem Mord wurde der Milizionär Ronnie Lessa als einer von zwei
mutmaßlichen Täten angeklagt und 2024 verurteilt. Er gestand die Tat und
gab an, als Bezahlung hätte er Grundstücke aus illegalen Siedlungsgebieten
im Wert von 25 Millionen Reais erhalten sollen. Im Rahmen einer
Kronzeugenregelung nannte er schließlich die Namen der Aufraggeber des
Attentats. Élcio Queiroz, der zweite Täter, wurde ebenfalls verurteilt,
trat aber nicht als Kronzeuge auf.
Der oberste Gerichtshof verurteilte neben den Verantwortlichen für den Mord
den ehemaligen Chef der Zivilpolizei Rivaldo Barbosa wegen Behinderung der
Ermittlungen und Korruption, eine direkte Verbindung zur Tat sei ihm nicht
nachweisbar. Außerdem wurden zwei Militärpolizisten wegen der Überwachung
von Franco sowie Zugehörigkeit zur Miliz verurteilt.
## Parallelmacht der Milizen
Die Aktivistin und Frauenrechtlerin Marielle Franco hatte sich als
Stadträtin in Rio de Janeiro unter anderem für die Bewohner von Slums im
Osten der Stadt eingesetzt. Dort führten die Brüder Brazão eine kriminelle
paramilitärische Vereinigung an, eine sogenannte Miliz. „Sie hatten nicht
nur Kontakt zur Miliz, sie waren die Miliz“, hob Bundesrichter Alexandre de
Moraes während des Prozesses hervor.
Er beschrieb die Parallelmacht der Milizen, die in den Slums eine
Monopolstellung für den Verkauf von Gasflaschen, für Geldverleih, illegale
Kabelfernsehgebühren und nahezu uneingeschränkte politische Macht ausüben.
Zum Wahlkampf dürfen nur Kandidaten aus den eigenen Reihen die Slums
überhaupt betreten.
Marielle Franco störte durch ihre Aktivität und wachsende Bekanntheit vor
allem die Bestrebungen der Brüder, immer größere illegal besetzte Gebiete
mit offiziellen Dokumenten zu legalisieren. Beide besitzen zahlreiche
Immobilien. Franco galt den Brüdern zunehmend als Hindernis, das es
wegzuräumen galt, um die eigene politische Macht zu erhalten und
wirtschaftliche Aktivitäten ungehindert fortzusetzen.
## Misogyne, rassistische Tat
Dass sich eine Schwarze Frau aus dem Slum gegen reiche weiße Milizionäre
stellt, sei ein zusätzlicher Affront gewesen, sagte Richter Moraes und
qualifizierte die Tat als misogyn und rassistisch. Die Beweisführung im
Prozess stützte sich größtenteils auf die Aussagen des Täters Ronnie Lessa,
was die Verteidigung als unzureichend interpretierte. Die Worte Lessas
deckten sich mit anderen Aussagen und Beweismitteln, erklärte hingegen
Moraes, der als erster von vier Richtern sein Votum für schuldig abgab.
Alle drei weiteren Richter folgten seinem Beispiel.
Richterin Carmen Lúcia nutzte ihre Sprechzeit für einen emotionalen Aufruf
an die Gesellschaft. Die sogenannten Herrscher der Hügel, auf denen die
Slums liegen, seien Besitzer sowohl des Territoriums als auch der Menschen
die dort wohnen, erklärte sie. Das Milizensystem installiere eine Art
modernen kriminellen Feudalismus. Die Herrschenden fühlten sich darin wie
in der von den alten Griechen beschriebenen Hybris unangreifbar – und
blieben das meist tatsächlich. „Was machen wir bloß aus unserem Land?“,
fragte Lúcia rhetorisch.
14 Personen sind bereits im Zusammenhang mit den Morden verurteilt worden,
weitere Prozesse noch nicht abgeschlossen. Francos Schwester Anielle
Franco, Ministerin für Gleichstellung ethnischer Gruppen, erklärte: „Ich
bin stolz, Marielles Schwester zu sein. [3][Wir werden ihren Kampf
fortführen.]“
26 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christine Wollowski
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