# taz.de -- Die Wahrheit: Mullah in Not
       
       > Wohin mit den bedauernswerten Geistlichen aus dem Iran? Ab damit in
       > Privatquartiere im hilfsbereiten Deutschland.
       
       Die Brinkmanns waren in unserem Bekanntenkreis die Ersten, die einen
       aufgenommen haben: Einen „Mullah in Not“ – so heißt ja auch die
       Vermittlungsagentur. Ihr Sohn im Teenageralter musste dafür sogar aufs
       Schlafsofa im Wohnzimmer umziehen, denn in seinem ehemaligen Kinderzimmer
       wohnt nun der Mullah.
       
       Es ist besser, dass der Bedauernswerte ein eigenes Zimmer hat, weil er
       nachts oft laut im Schlaf schreit. Ihn müssen die fürchterlichsten
       Albträume plagen. Kein Wunder, bei dem, was sie auf dem Gewissen haben. Sie
       mussten ja all das Schreckliche mit ansehen, das sie selbst angerichtet
       haben. Die schwer verletzten Demonstranten, die überfüllten Krankenhäuser,
       die vielen Toten. Wer soll das aushalten?
       
       Mit unserem Mullah, der jetzt seit zwei Wochen bei uns ist, weil wir dann
       auch einen haben wollten, haben wir mehr Glück. Der schläft relativ ruhig
       und auch fast schon jede Nacht durch. Nur manchmal fängt er gegen vier Uhr
       morgens an zu quäken, weil das die Zeit war, in der er normalerweise in
       irgendeine Zelle gegangen ist, um irgendeinen Gefangenen zu quälen. Das
       fehlt ihm hier selbstverständlich. Dann müssen wir schon mal zu ihm ins
       Zimmer und ihn kurz beruhigen.
       
       Aber mit sich und seinen Todesurteilen scheint er einigermaßen im Reinen zu
       sein. Da hatten wir zunächst andere Befürchtungen. Als wir auf der
       Ankunftsebene zum Gate kamen, hat er völlig verloren vor sich hin gestarrt.
       Wir waren nämlich zu spät am Flughafen – es gab eine Störung bei der S-Bahn
       –, und die anderen Gastfamilien hatten ihre Mullahs schon längst abgeholt.
       Wie er da so mutterseelenallein dastand, tat er mir plötzlich furchtbar
       leid. So ganz ohne seine Revolutionsgarden, die er freilich gern
       mitgenommen hätte, aber er muss hier dann einfach lernen, auf eigenen Füßen
       zu stehen.
       
       In der Bahn nach Hause, hat er dann aber schon wieder neugierig aus dem
       Fenster geguckt, und viele Fragen gestellt. Er wollte alles wissen: Warum
       hier überall so viele Huren rumlaufen, ob Berlin eine Stadt sei, die gut
       brennt, und wann wir Ungläubige endlich alle sterben werden? Was man eben
       so fragt, wenn man fremd ist und sich in der neuen Umgebung erst einmal
       zurechtfinden muss.
       
       ## Von den Nachbarn gedisst
       
       Leider mussten wir dann recht früh erleben, dass einen die Nachbarn dissen,
       nur weil da ein Ayatollah bei uns mit auf dem Briefkasten steht. Dass
       Vorurteile berechtigt sind, macht sie ja nicht schöner. Und fair ist es
       ebenfalls nicht. Denn ausgerechnet die Müllers aus dem Dritten haben sich
       beschwert. Dabei haben die ja Ukrainerinnen aufgenommen, Mutter und
       Tochter, ein ganzes Jahr lang, da hab ich schließlich auch nichts gesagt.
       
       Ich schaue ohnehin nicht auf die Gesinnung. Ich sehe einfach nur einen
       Menschen in Not, dem geholfen werden muss. Mit den neuen Entwicklungen im
       Iran wird vielen Mullahs jetzt der Boden zu heiß. Sterben und sterben
       lassen ist halt doch nicht das Gleiche. Das merken sie nun langsam.
       
       Aber man kann die Leute doch nicht komplett hängen lassen, nur weil ihre
       Entscheidungen – mit aller Vorsicht gesprochen – vielleicht nicht immer
       hundertprozentig das Gelbe vom Ei waren: Zu nennen wären hier zum Beispiel
       die Verhaftung und Ermordung, Folterung und Vergewaltigung hunderttausender
       Unschuldiger.
       
       Gut finden wir das übrigens nicht, falls die Frage jetzt kommen sollte.
       Gerade weil wir keine Unmenschen sind. Aber darum geht es hier nicht,
       sondern um Humanität. Und wer von uns nicht schon mal eine ungeschickte
       Lebensentscheidung getroffen hat, werfe den ersten Stein. Diese Menschen
       schweben nun mal in großer Gefahr. Da bin ich als guter Christenmensch doch
       der Erste, der sagt: Komm, ich bin bereit, dir eine rettende Hand zu
       reichen. Meine Frau und meine Kinder ziehen da voll mit.
       
       Vor allem in den ersten Tagen mussten wir allerdings ein paar Grundregeln
       aushandeln: Do’s and dont’s. Alle sollen sich wohl fühlen, die Wohnung ist
       schließlich ein Safe Space. Keine Bomben im Haus, keine Milizen und keine
       Atomprogramme. Das kann er gern alles machen, wenn er sich draußen mit
       anderen Mullahs trifft. Da sind ja jetzt viele hier. Das ist dann auch
       immer ein Stück Heimat für ihn, das versteh ich doch.
       
       Auch die Bartlänge ist ein Thema. Das fusselt so, wenn er abends mit uns
       auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzt. Da musste jetzt schon ein
       ordentliches Stück weg. Das ging leider nicht anders. Und bei manchen
       Inhalten, vor allem, wenn er so komische Geräusche von sich gibt, als ob er
       in dem Moment krepiert, fragen wir uns schon manchmal: Was darf er
       überhaupt gucken?
       
       Auf der anderen Seite: Ist das unser Problem? Der kann sich schon ein
       bisschen anpassen. Wir können wegen ihm jetzt nicht alles umstellen. Das
       lernt er nun auf die Harte, denn genau wegen dieser mangelnden Toleranz hat
       er schließlich schon zu Hause alles verbockt. Also ist er durchaus auch ein
       bisschen selbst mit schuld daran, dass er heute hier sitzt, zwischen
       Sexszenen auf dem Bildschirm und Leberwurstschnittchen.
       
       Irritationen sind an der Tagesordnung: queere Freunde zu Besuch,
       feuchtfröhliche Partys oder: Bis wohin denn nun eigentlich das Tarifgebiet
       für ein AB-Ticket reicht? Auch laufen wir in der Familie alle nach dem
       Duschen gern nackt durch die Wohnung. Wir sind ja zu Hause, da zieht man
       sich doch nicht jedes Mal erst groß an. Das lassen wir uns nicht nehmen, da
       muss unser Mullah dann einfach durch.
       
       Ein paar kleine Pflichten muss er nun auch schon erledigen. Zum Beispiel
       den Müll runterbringen – scherzhaft heißt das bei uns dann: „Sag mal dem
       Müllah Bescheid“, oder: „Wird Zeit, dass der Müllah seine Arbeit macht.“ Er
       grinst dann immer süßsauer, obwohl ich glaube, dass er eh nichts versteht.
       
       Wir können ihm hier jedenfalls keinen Kuraufenthalt bieten. Denn wie man in
       den Wald hineinruft, so schallt es heraus: Wenn er nicht alle Leute hätte
       umbringen lassen, die nicht auf seine klerikale Mittelalterchose abfahren,
       könnte er jetzt schön daheim sitzen, Pfefferminztee trinken und den ganzen
       Tag beten nach Herzenslust. Er hatte die Wahl.
       
       14 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uli Hannemann
       
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