# taz.de -- „Hummelhirn“ von Judith Holofernes: Grinsend bricht das Genick
       
       > Judith Holofernes, Sängerin von Wir sind Helden, literarisiert in
       > „Hummelhirn“ eine Spur zu behutsam die eigene Kindheit.
       
 (IMG) Bild: Die Autorin Judith Holofernes
       
       Sowohl beim Parken als auch beim Schreiben gilt: Angst vor dem toten Winkel
       hemmt. Schlimmstenfalls macht sie blind für alles Sichtbare. Mit ihrem
       neuen Buch „Hummelhirn“ ist das [1][der Autorin und Musikerin Judith
       Holofernes] teilweise passiert. Mehrmals äußert sie darin ihre Angst, dass
       „aus dem toten Winkel, trotz aller Vorsicht irgendjemand sauer auf mich
       sein“ könnte.
       
       Die Vorsicht gegenüber dem Textmaterial merkt man dem Roman an. Worum es
       darin geht, macht die Autorin gleich zu Beginn transparent: „Ich wünschte,
       ich hätte mich schon vorher gekannt. Also, bevor ich beschlossen habe, nett
       zu sein, meine ich. Wirklich sehr, sehr, sehr nett. So nett, dass ich mir
       das Genick gebrochen habe mit meinem Grinsen.“
       
       Mit Genickbruch spielt Holofernes auf den jahrelangen Raubbau an ihren
       eigenen Kräften an, den das Musikbusiness unverhohlen von der Sängerin
       einforderte. Ihr 2022 veröffentlichtes Romandebüt „Träume anderer Leute“
       gibt Auskunft über dessen tragische Folgen: eingeschränkte Motorik,
       Meningitis, angeschlagene Psyche und Stimmverlust.
       
       Der Einstieg von „Hummelhirn“ verspricht tiefbohrende Ursachenforschung und
       tatsächlich schöpft die Autorin aus einem Reservoir unterschiedlichster
       Textsorten. Er kompiliert Tagebucheinträge, Briefe an und von Judith
       Holofernes, Beschreibungen von Familienfotos, diverse Listen, kurze
       Erzählungen sowie Zitate aus Poesiealben, Schulzeugnissen und Songtexten.
       Anhand dieser Quellen spannt Holofernes einen Bogen von ihrer Kindheit bis
       zu ihrem Erwachsenenleben als Musikerin der berühmten Band Wir sind Helden.
       Auf jene älteren Passagen blickt eine reflektierende, um Zusammenhang
       bemühte Erzählperspektive, die in der Entstehungszeit des Romans verankert
       ist.
       
       Der Großteil von „Hummelhirn“ erzählt von Holofernes’ Kindheit in Berlin
       und in Freiburg nach der frühen Trennung ihrer Eltern. Man erfährt einiges.
       Wann sie sich die Haare kurz schnitt. Was sie alles verloren hat: Ranzen,
       Schuhe, eine Ratte. Wann, wo und mit wem sie ihre erste
       Stephen-King-Verfilmung gesehen hat. Dass sie alle Witze auf ihren
       Otto-Waalkes-Kassetten auswendig gelernt hat. Dass die Fahrt im rumpelnden
       Bus ihre sexuelle Erregung erwachen ließ. Man liest von ersten Partys. Von
       Freddie, Ulf, Mike, Timo. Und von vielem mehr! Schwer wiegt die Stoffmasse
       dieser autobiografischen Prosa, nur verflüchtigt sie sich allzu rasch.
       
       ## Das Sterben üben
       
       Es gibt wunderbare Passagen im Buch. Etwa wenn Holofernes tragikomisch
       beschreibt, wie sie als Kind vorsorglich das Sterben übt, um sich mit dem
       Tod anzufreunden. Oder sie die extensive Gefräßigkeit des Kapitalismus
       anhand des Besitzes einer einzigen Barbiepuppe spitzfindig exemplifiziert.
       
       Vor allem ihre Mutter Cornelia und das gemeinsame Miteinander weiß
       Holofernes zu literarisieren. Hier gelingt die Poetisierung ihrer
       Erinnerungen. Selten jedoch fungiert im Roman das Schreiben als
       Denkbewegung. Zu additiv die Montage der einzelnen Textpassagen, die bis
       auf wenige Ausnahmen kurzgehalten sind. Statt in die Tiefe geht Holofernes
       in die Breite. Es wird aufgezählt, angerissen, abgehandelt – Menschen wie
       Themen (Essstörung, familiäre Verwicklung zum NS-Regime, Rassismus in
       Freiburg). Akribisch wird festgehalten, was alles (nicht) nett ist oder wie
       die Eltern ihrer Klassenkamerad:innen und das Lehrpersonal über das
       damals junge Mädchen geurteilt haben.
       
       Das Gleiche gilt für die eingestreuten Medleys, wie zum Beispiel dasjenige,
       in dem Holofernes versucht, ihre emotionale Verwirrung als Teenagerin im
       Rückblick einzufangen: „Mit Ulf ins Kino! (Ki-no!) / Ulf mag ich eh so!
       (Oh-oh!) / Ich war bei Mike (Flix Flax) / Nur für Physik! (Knick Knack!)“.
       
       Und wenn gen Romanende originale Tagebucheinträge aus dem Jahr 1990 nahtlos
       aneinandergereiht werden, die inhaltlich wie auch sprachlich das Niveau
       einer Bravo-Lovestory nicht überschreiten, fragt man sich: Worin besteht
       hier der ästhetische Mehrwert? Worin die Dringlichkeit, über Liebeskummer
       als Teenagerin derart – wenig ernsthaft – zu schreiben?
       
       ## Blinde Flecken deckt man so nicht auf
       
       Trotz der Fülle persönlicher Quellen, die Holofernes ins Textgefüge
       einspeist, fällt die Lektüre seltsam unberührt aus. Ihre Kindheit droht
       vorüberzufliegen wie die Landschaft während einer Zugfahrt. Viel zu häufig
       poppt das Adverb „derweil“ auf, als Symptom für die stetige Quantifizierung
       biografischer Anekdoten. Wenig hilfreich die Erzählperspektive, mit der
       Holofernes auf ihr Aufwachsen zurückblickt. Zu oft wird die Pointe
       bevorzugt, kaum verdichtet und analysiert. Blinde Flecken deckt man auf
       diese Weise nicht auf. Liegt es an der erwähnten Angst? Oder verhebt sich
       der Roman an seiner zu Beginn formulierten Hypothese: wenn zu nett, dann
       Genickbruch?
       
       Sich wie Holofernes aufs Individuum zu verlegen, unterschlägt das
       strukturell Gemachte jenes Dilemmas, unter dem sie als Sängerin litt:
       erfolgreich (dabei nett geblieben), aber kaputt. Schon als Teenagerin den
       Wunsch zu hegen, berühmt werden zu wollen, ist legitim. Trotz großen
       Erfolgs nett zu sein zur Mitwelt, zugewandt und empathisch, sollte Standard
       sein – kein persönlicher Makel. Vielmehr muss mit der vom Musikbusiness
       wirkmächtigen Definition von Erfolg gebrochen werden, die besagt: Erfolg
       sei nur echt, wenn er ein Millionenpublikum generiert, Millionen einbringt
       und man millionenfach dafür blutet.
       
       „Hummelhirn“ verrät, wie viel Anteil Holofernes’ Eltern daran haben, dass
       die Künstlerin ein warmherziger, mit kritischem Bewusstsein ausgestatteter
       Mensch ist. Umso bitterer die Erkenntnis, dass man trotzdem nicht davor
       gefeit ist, vom Kapitalismus geschluckt zu werden. Noch die resistenten
       Anlagen des Subjekts versteht er gewinnbringend zu integrieren. An diesem
       Kern schielt „Hummelhirn“ allerdings vorbei.
       
       14 Mar 2026
       
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