# taz.de -- Neues Album von Jill Scott: Poetisch und streetsmart
       
       > „To Whom This May Concern“ ist das neue Album der stimmgewaltigen
       > R&B-Sängerin Jill Scott. Mit schlauen Verweisen feiert es die Vielfalt
       > schwarzer Kultur.
       
 (IMG) Bild: Jilly from Philly: Urgewalt am Mikrofon
       
       In der Religion der westafrikanischen Yoruba gilt Ashé als göttliches
       Naturprinzip. Ashé steht für Schaffen und Wandel, genauso wie für die
       Fähigkeit, Leben zu geben und zu nehmen. Ashé besitzen alle Wesen und
       Dinge, aber Kunst und Musik sind besonders Ausdruck dieser Kraft. Dass Jill
       Scott ein Stück ihres neuen Albums „Àṣẹ“ nennt, passt zur Aura der
       53-jährigen US-R&B-Sängerin – zum einen, weil ihr Werk fest in der
       Schwarzen diasporischen Musiktradition verankert ist. Zum anderen, weil
       ihre Musik selbst von einer tiefen Kraft durchströmt wird.
       
       Mit Sängerinnen wie India.Arie und N’Dambi gehört Jill Scott zur zweiten
       Generation der Neo-Soul-Bewegung. Geboren und aufgewachsen in Philadelphia
       schrieb Scott schon als Teenagerin Gedichte. Bei einer Lesung wurde
       [1][Questlove, Schlagzeuger der US-HipHop Band The Roots,] auf sie
       aufmerksam. Zusammen mit der Gruppe entwickelte sie das Lied „You Got Me“,
       das 1999 zum Hit avancierte. Ursprünglich sang Scott den Refrain ein, doch
       die Plattenfirma verlangte nach einer bekannteren Sängerin, [2][weshalb
       dann Erykah Badu für diesen Part verpflichtet wurde].
       
       Ihr Debütalbum „Who Is Jill Scott? (Words and Sounds Vol. 1)“ erschien 2000
       und enthielt Singles wie „The Way“ und „A Long Walk“. Ihre teilweise
       gesprochenen wie mit ihrer vollen Sopranstimme gesungenen Texte enthalten
       Beobachtungen aus dem Leben über Beziehungen, drehen sich um
       Selbstakzeptanz genauso wie um gutes Essen und Spaß am Sex.
       
       Weitere Alben folgten. Darüber hinaus hat Scott auch als Schauspielerin
       gearbeitet. So verkörperte sie etwa die Ermittlerin Precious Ramotswe in
       der BBC/HBO TV-Krimiserie „Eine Detektivin für Botswana“ (2008/09), nach
       der literarischen Vorlage von Alexander McCall Smith.
       
       Nach einer Pause von elf Jahren hat Jill Scott mit „To Whom This May
       Concern“ nun ihr sechstes Soloalbum veröffentlicht. Neben langjährigen
       Mitstreiter:innen wie Anthony Bell, mit dem Scott bereits für ihre
       Hymne „Golden“ (2004) zusammengearbeitet hat, konnte Jill Scott mit DJ
       Premier eine HipHop-Legende als Beatschmied verpflichten. Posaunist
       Trombone Shorty aus New Orleans lieferte erhabene Bläserarrangements.
       Produzent Om’Mas Keith wiederum sorgte für Eleganz und Geschmeidigkeit.
       
       ## Enorme stilistische Bandbreite
       
       Diese Fülle an geschultem Personal verleiht „To Whom This May Concern“
       enorme stilistische Bandbreite. Trotzdem klingt das Werk wie aus einem Guss
       und auf der Höhe der Zeit. „A Universe“ mit seinen warmen Harmonien vom
       Fender-Rhodes E-Piano und Spoken-Word-Einlagen greift den klassischen
       Neo-Soul-Sound auf, der heute als doppeltes Retro daherkommt. Eine gute
       Dosis Go-Go-Funk gibt es in „Liftin’ Me Up“. In den Club geht es mit der
       House-Nummer „Right Here Right Now“.
       
       An eine Jazzballade aus den 1940er-Jahren ist „Pay U on Thursday“
       angelehnt. Hier rechnet Scott mit unzuverlässigen Männern ab, die keine
       Verantwortung übernehmen wollen. Auch sonst spricht Scott in ihren Songs
       Klartext. In „Don’t Play“ fordert sie Abwechslung und Sensibilität im
       Liebesleben. Wie häufig verpackt die Musikerin ihre direkten Botschaften in
       Humor, wenn sie ihrem Partner ins Gesicht sagt, dass er kein
       Presslufthammer und sie kein Straßenbelag sei.
       
       Gesellschaftskritik gibt es in „BPOTY“. Über einem Afro-Beat-Groove
       verbindet Scott die Mechanismen von Medikamentensucht mit sexueller
       Abhängigkeit und Ausbeutung. Hierfür hat sie sich mit dem kalifornischen
       Rapper und Pornofilmproduzenten Too $hort einen ausgewiesenen Pimp-Experten
       eingeladen. Ihrer Familie und ihren Vorgängerinnen von [3][Nina Simone] bis
       Tina Turner huldigt Jill Scott in „Offdaback“.
       
       Eine Hommage an die US-Dichterin Nikki Giovanni (1943–2024) ist der Song
       „Ode to Nikki“. Giovanni hatte mit ihrem Blick auf Situationen des Alltags
       auch den poetischen und streetsmarten Stil von Jill Scott geprägt. Das
       Highlight von Scotts neuem Soloalbum ist „Norf Side“. Mit der ebenfalls aus
       Philadelphia stammenden Rapperin und Verkleidungskünstlerin Tierra Whack
       haben sich hier zwei Gleichgesinnte gefunden, die Wortakrobatik genauso zu
       schätzen wissen wie eine gehörige Portion Albernheit.
       
       Jill Scott ist eine gewiefte und hingebungsvolle Performerin, die auf der
       Bühne ihren bekannten Stücken immer wieder überraschende Wendungen
       verleiht. Das ließ sich erst vergangene Woche wieder erleben, als sie
       [4][in der Reihe der Tiny Desk Concerts des US-Senders NPR] aufgetreten
       ist. Anlässlich ihres neuen Albums steht deshalb zu hoffen, dass es Jilly
       from Philly endlich auch mal wieder auf die Bühnen Europas schaffen wird.
       Besser lässt sich Ashé kaum vermitteln.
       
       19 Feb 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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