# taz.de -- Getöteter Rechtsextremer in Frankreich: Der Charlie-Kirk-Effekt
> Eine Antifa-Gruppe tötet in Frankreich einen Rechtsextremen. Macron und
> Minister zeigen sich solidarisch. Bei rassistischen Morden bleibt dieses
> „Wir“-Gefühl aber aus.
(IMG) Bild: Gedenken an den verstorbenen Quentin am 15. Februar auf der Place de la Sorbonne in Paris
Quentin Deranques Tod könnte der parteipolitischen und gesellschaftlichen
Linken noch nachhaltig schaden. Der rechtsextreme Student starb infolge
einer gewaltvollen Auseinandersetzung zwischen einer Antifa-Gruppe und
Identitären am 12. Februar in Lyon. Besonders problematisch: Bei der
Antifa-Gruppe soll es sich laut rechtsextremer Zeug*innen um die seit
2025 verbotene Organisation Jeune Garde handeln, die von dem Abgeordneten
Raphaël Arnault gegründet wurde, einem Mitglied der linken Partei La France
insoumise (FI).
Wie französische Medien berichten, wollen Mitglieder der rechtsextremen
Gruppe „Némésis“ Arnaults parlamentarischen Assistenten Jacques-Elie
[1][Favrot bei der Tat erkannt] haben. Favrot „[2][bestreitet ausdrücklich,
für das Drama verantwortlich zu sein]“, wie er durch seinen Anwalt
mitteilen ließ. Die Staatsanwaltschaft habe bisher noch keinen Zusammenhang
hergestellt, schreibt der französische Radiosender RTL. Favrot wurde
trotzdem vorsorglich von der Nationalversammlung ausgeschlossen. Sollte
sich der Vorwurf bewahrheiten, muss die Partei FI sich zu Recht damit
auseinandersetzen, dass sie eine problematische Nähe zu gewalttätigen
Kleingruppen pflegt, womit sie moralisch und politisch ihre
gesellschaftliche Anschlussfähigkeit verlöre.
Auch linke, außerparlamentarische Gruppen sollten nicht erst nach diesem
Fall hinterfragen, wie weit antifaschistische Selbstverteidigung geht und
gehen darf. Zum einen ist da die offensichtliche moralische Dimension. Zum
anderen ist auch politisch und strategisch fragwürdig, ob mit solchen
Mitteln Rechtsruck und Faschismus – die eine reale und akute Gefahr
darstellen – wirklich und effektiv zu bekämpfen sind.
Über diese Fragen hinaus ist es aber auch wichtig, den medialen und
gesellschaftlichen Umgang mit dem Fall kritisch zu betrachten. Dazu gehört
auch eine fragwürdige Überidentifikation mit dem Opfer, eine Art
Charlie-Kirk-Effekt. So sicherte Präsident Emmanuel Macron der Familie des
Ermordeten nichts weniger [3][als „die Unterstützung der Nation“] zu. Hätte
eine Verurteilung der Gewalt nicht genügt?
Zum Vergleich: Am 28. April 2025 erstach ein Mann den [4][Malier Aboubakar
Cissé vor einer Moschee in Lyon]. Am 31. Mai 2025 wurde der [5][tunesische
Friseur Hichem Miraoui] mit fünf Schüssen von einem Le-Pen-Anhänger
ermordet. Auch rassistische Polizeigewalt führt in Frankreich immer wieder
zu Toten, zuletzt am 15. Januar, nachdem Polizisten den Mauretanier [6][El
Hacen Diarra] mit Elektrotaser verletzt haben und dieser später in
Polizeigewahrsam verstorben ist. Man könnte auch die [7][164 Femizide
allein im Jahr 2025] nennen.
## Kein Whataboutism
Wer jetzt Whataboutism wittert: In dieser Gegenüberstellung geht es nicht
darum, den Tod des einen durch den der anderen zu relativieren. Es ist aber
bezeichnend, dass bei Frauen und Menschen mit afrikanischen Namen in der
politischen Rhetorik nicht annähernd ein vergleichbares Gefühl des „Wir“
propagiert wird.
Das liegt auch an der Berichterstattung. Schilderungen von Rechtsextremen
wurden im Fall Deranque von Medien relativ unhinterfragt übernommen, obwohl
der Sachverhalt noch nicht geklärt ist. Der Anwalt von Deranques Familie
behauptet, dem 23-Jährigen sei von trainierten und bewaffneten Individuen
in großer Überzahl ein Hinterhalt gestellt worden.
[8][Das Investigativmagazin Médiapart hat dagegen rekonstruieren können],
dass Deranque mit etwa 20 weiteren Rechtsextremen vermummt unter einer
Autobrücke stand, um das in der Nähe stehende identitäre Kollektiv
„Némésis“ gegen etwaige Angriffe zu schützen, und dass eine linke Gruppe
vermutlich zufällig auf sie stieß. Welche Seite zuerst gewalttätig wurde,
ist unklar. In einem Video sieht man etwa zehn Menschen – wohl der linken
Gruppe zugehörig – auf drei Leute am Boden eintreten. Es wäre keine
Relativierung, sondern teil seriöser Berichterstattung, dies alles
darzustellen.
Manche der oben genannten rassistischen Morde haben in Frankreich für
Demonstrationen gesorgt, nicht aber für Äußerungen, geschweige denn
Handlungen von Ministern oder vom Präsidenten wie bei Deranque. Und so
lässt sich am Fall Quentin Deranque eben auch feststellen: Staatliche
Akteur*innen identifizieren sich explizit eher mit einem Rechtsextremen
als mit Frauen und Arabern.
Nebenbei wird der Fall zu einem willkommenen Vorwand, alles, was irgendwie
links ist, zu delegitimieren. Das steht symptomatisch für die immer weniger
verkappte bürgerliche Nähe zum rechten Rand. Und vielleicht liegt darin das
größere Problem.
Transparenzhinweis vom 17.02. 2025 um 13:50: In einer früheren Version
dieses Textes, war davon die Rede, dass Zeug*innen den Abgeordneten
Raphaël Arnault bei der Tat gesehen haben wollen. Das stimmt nicht.
Tatsächlich hat die Gruppe „Némésis“ dessen parlamentarischen Assistenten
Jacques-Elie Favrot in einem Statement beschuldigt an der Tat beteiligt
gewesen zu sein. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um
Entschuldigung. Vielen Dank für Hinweise.
16 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.rtl.fr/actu/politique/militant-antifasciste-cofondateur-de-la-jeune-garde-depute-lfi-qui-est-raphael-arnault-7900602012
(DIR) [2] https://www.leprogres.fr/faits-divers-justice/2026/02/15/mort-de-quentin-l-assistant-parlementaire-du-depute-insoumis-raphael-arnault-nie-formellement-etre-responsable-du-drame
(DIR) [3] https://www.bfmtv.com/politique/elysee/un-deferlement-de-violence-inoui-emmanuel-macron-appelle-a-condamner-les-auteurs-apres-la-mort-de-quentin_AN-202602140353.html
(DIR) [4] https://www.sueddeutsche.de/politik/frankreich-mord-moslem-islamfeindlichkeit-li.3243128
(DIR) [5] https://fr.wikipedia.org/wiki/Assassinat_de_Hichem_Miraoui
(DIR) [6] /Rassismus-in-Frankreich/!6146680
(DIR) [7] https://questions.assemblee-nationale.fr/q17/17-12232QE.htm
(DIR) [8] https://www.mediapart.fr/journal/france/150226/mort-d-un-militant-d-extreme-droite-lyon-les-avancees-de-l-enquete-les-questions-sans-reponse
## AUTOREN
(DIR) Lea Fauth
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