# taz.de -- Rechter Terror in Berlin-Neukölln: Der lange Kampf gegen das Vertuschen und Vergessen
> Viele Taten der Neuköllner Anschlagserie sind nicht aufgeklärt. Die
> Hoffnung auf juristische Konsequenzen schwindet, doch Angehörige geben
> nicht auf.
(IMG) Bild: Gedenken an Burak Bektaş an dessen 36. Geburtstag
Wahrscheinlich hätten sie heute mit Burak gefeiert und auf seinen
Geburtstag angestoßen. Stattdessen stehen sie an diesem trüben, kalten
Samstag an einer Kreuzung in Buckow im südlichen Neukölln und legen Blumen
und Kerzen an einer Skulptur nieder. Denn Burak Bektaş, der am 14. Februar
36 Jahre alt geworden wäre, ist tot. Auf offener Straße wurde er
erschossen, vor mittlerweile fast 14 Jahren, gleich hier, vor einem
Wohnhaus in der Rudower Straße.
Jedes Jahr treffen sich seither Buraks Freund*innen, Familie und weitere
Anteilnehmende und erinnern an ihn. 2018 haben sie ihm ein Denkmal
errichtet: eine abstrakte, in sich gedrehte Bronzeskulptur, deren sieben
Ausläufer in die Höhe ragen.
Die rund 20 Versammelten schmücken diese am Samstag mit Fotos und
Rosengestecken, auf einer Kerze klebt ein Antifa-Sticker. „Burak war sehr
beliebt. Mit seinem Lächeln konnte er die Menschen schnell für sich
gewinnen“, erzählt eine Rednerin – und stellt klar: „Solange dieses
Verbrechen nicht vollständig aufgeklärt ist, ist dieser Fall nicht
abgeschlossen. Bis es keine anderen Erklärungen gibt, gehen wir davon aus,
dass Rassismus das Motiv war.“
Bis heute ist niemand für den mutmaßlichen Mord an Burak Bektaş verurteilt
worden. Damit ist der Fall die wohl schwerste der vielen unaufgeklärten
Taten aus der [1][Serie an rechtsextremer Gewalt], Einschüchterungen und
Schmierereien im Bezirk Neukölln, die spätestens 2009 ihren Anfang genommen
hat und in den Augen von Betroffenen bis heute andauert.
## Mehr als 70 Straftaten, aber kaum Urteile
Zwar gibt es in dem Komplex mit mehr als 70 Straftaten auch einige Urteile:
Etwa gegen Rolf Z., der 2016 für den Mord an Luke Holland schuldig
gesprochen wurde, oder die Neonazis Tilo P. und Sebastian T., die [2][wegen
zweier Brandanschläge und weiterer Taten im Gefängnis sitzen]. Aber viele
Fragen sind weiter ungeklärt.
Zum Beispiel, ob Rolf Z. womöglich auch Burak Bektaş erschossen hat. Denn
die Tat weist große Parallelen zum Mord an Luke Holland auf. Eine
RBB-Recherche [3][hat den Verdacht gegen Z]. erhärtet. Die Indizien
reichten aber nie für eine Anklage. Ebenso offen ist die Frage nach
Konsequenzen aus den zahlreichen Versäumnissen und Verstrickungen der
Sicherheitsbehörden im Neukölln-Komplex. Doch im Moment scheint es so, als
blieben Antworten trotz vieler Bemühungen von Betroffenen,
Aktivist*innen und Abgeordneten vorerst weiter aus.
Der Neukölln-Untersuchungsausschuss im Berliner Abgeordnetenhaus schließt
zum Ende der Legislaturperiode in diesem Jahr seine Arbeit ab. In rund 50
Sitzungen haben dessen Mitglieder*innen mehr als 100 Zeug*innen
befragt und hunderttausende Akten zusammengetragen. Im Frühling will das
Gremium seinen Abschlussbericht vorlegen.
„Das Landeskriminalamt hat beim Mord an Burak Bektaş keineswegs so intensiv
ermittelt, wie es immer behauptet hat. Das ist ein wichtiges Ergebnis des
Untersuchungsausschusses“, sagt Sebastian Schneider der taz, der den
Ausschuss für die Initiative NSU-Watch beobachtet hat. „Wir fordern, dass
solche Versäumnisse auch im Abschlussbericht enthalten sind.“
## Ein verheerendes Bild
Doch Niklas Schrader, der für die Linke in dem Ausschuss sitzt, gibt sich
pessimistisch. Zwar habe man im Ausschuss den Betroffenen und der
Zivilgesellschaft eine Stimme gegeben und viele Missstände und Inkompetenz
in den Sicherheitsbehörden aufgezeigt. Aber: „Der Abschlussbericht der
Ausschussmehrheit wird voraussichtlich nicht viel Kritisches enthalten“,
befürchtet Schrader.
Auch der Grünen-Abgeordnete André Schulze ist skeptisch: „Die Behörden sind
weiterhin nicht willens, personelle und inhaltliche Konsequenzen aus
Fehlern zu ziehen oder in Teilen überhaupt an der Aufklärung
mitzuarbeiten.“ Dabei habe insbesondere der Verfassungsschutz ein
„verheerendes Bild“ hinterlassen, sagt Schulze. Grüne und Linke wollen
deshalb in einem Sondervotum Kritik, Fehler und Versäumnisse darlegen, die
es wegen der Mehrheit von CDU und SPD in dem Ausschuss nicht in den Bericht
schaffen.
Aber wie geht es weiter, wenn die juristische und parlamentarische
Aufklärungsarbeit erst einmal beendet sind? Von einem Ende der
Bedrohungslage kann nicht die Rede sein, betont auch Bianca Klose,
Projektleiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR):
„Die inzwischen verurteilten rechtsextremen Täter haben nicht isoliert
gehandelt, sondern als Teil eines größeren Netzwerks Gleichgesinnter.“
Immer noch seien Feindeslisten im Umlauf, deren Urheber bis heute nicht zur
Verantwortung gezogen worden seien. „Auch existieren nach wie vor
rechtsextreme Strukturen, die in der Lage sind, weitere Angriffe
auszuüben“, sagt Klose.
So wird das Denkmal für Burak Bektaş immer wieder [4][Ziel von rechten
Schmierereien]: Mal ist es ein Hakenkreuz, mal der Schriftzug „AfD“. Die
erste Tat ereignet sich nur eine Woche nach der Einweihung der Skulptur im
April 2018, die bislang letzte im März 2023. Wer dahintersteckt? Unklar.
## Enttäuschte Hoffnungen
„Für uns ist die Aufarbeitung der Neuköllner Angriffsserie und die
Begleitung der Betroffenen nicht abgeschlossen“, sagt Bianca Klose. Zwar
keimt immer mal wieder die Hoffnung auf, dass ein kleines Puzzlestück zum
großen Gesamtbild hinzugefügt werden kann. Doch die wird dann oft
enttäuscht, wie zuletzt am Amtsgericht Tiergarten Ende Januar.
Dort musste sich ein suspendierter Neuköllner Polizist wegen
Geheimnisverrats verantworten. Seit Jahren war öffentlich darüber
spekuliert worden, ob ein polizeiinterner Maulwurf Informationen über
Observationen und vielleicht sogar Adressen von späteren Anschlagsopfern an
Neonazis weitergegeben haben könnte.
Auch wenn der Polizist am Ende wegen der Weitergabe von Dienstgeheimnissen
in vier Fällen schuldig gesprochen wurde: Ein Neonazi-Komplize ist er wohl
kaum, [5][wie vor Gericht deutlich wurde]. Vielmehr hatte er sich offenbar
so sehr in seine Aufgabe hineingesteigert, dass er eine inoffizielle
Informantin aus der linken Szene mit Hinweisen versorgte, die nur für den
Dienstgebrauch bestimmt waren.
Das heiße jedoch nicht, dass es eine Kollaboration mit den Tätern nicht
gegeben habe, betont der Linken-Abgeordnete Niklas Schrader: „Anders als
bei vielen anderen Fällen gab es bei diesem Beamten keine Hinweise auf eine
Verstrickung in die rechte Szene. Der Verdacht, dass aus dem Polizeiapparat
Informationen an die Täter geflossen sind, besteht aber weiterhin.“
Es bleibt eine von vielen Lücken bei der Aufarbeitung des
Neukölln-Komplexes, die Polizei, Staatsanwaltschaft, Gerichte und auch das
Parlament bislang nicht schließen konnten. Damit vielleicht doch noch
Bewegung in die Sache kommt, wollen Aktivist*innen wie [6][jene von der
Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş] den politischen
Druck aufrechterhalten.
Das untermauert auch eine Rednerin der Initiative am Samstag am Denkmal für
Burak: „Solange der Täter nicht gefasst ist und solange all jene, die durch
Versäumnisse, Ignoranz oder institutionelles Wegsehen Verantwortung tragen,
nicht zur Rechenschaft gezogen werden, werden wir weiterkämpfen.“
16 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechter-Terror-in-Berlin-Neukoelln/!t5612550
(DIR) [2] /Revision-zu-rechtsextremer-Anschlagserie/!6105405
(DIR) [3] https://www.rbb24.de/panorama/beitrag/2018/04/burak-bektas-jahrestag-mord-taeter-rolf-z.html
(DIR) [4] /Rechte-Anschlagsserie-in-Neukoelln/!5920265
(DIR) [5] /Rechte-Anschlagsserie-in-Berlin-Neukoelln/!6148617
(DIR) [6] /Mord-an-Burak-Bekta/!6069241
## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
(DIR) Beritan Dik
## TAGS
(DIR) Rechter Terror in Berlin-Neukölln
(DIR) Burak Bektas
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